Sonntag, 6. Juli 2008

387.B

Der erzählende Kranich war nicht nur ein gutmütiger Vogel, er war auch hellhörig und übrigens sowieso stets ungeduldig darauf bedacht, von seinen Überflügen zu erzählen (so wird es wohl zu seinem Namen gekommen sein). Und schon rauschte er herbei, um durch eine Erzählung nicht nur die Demokratiebeauftragte zu trösten, welche, mochte sie auch souverän wie immer reagiert haben, doch in gelinde Selbstzweifel geraten war angesichts der Überlegungen der Kreativleitung in 385.B und der Bestätigung derselben durch den stets hilfsbereiten Kwaliteitswart in 387. Nein, es war noch ganz jemand anders zu trösten, einer, der nahezu untröstlich traurig geworden war, als er lesen mußte, daß die Kreativleitung, welche er heimlich verehrte, ihrerseits weiterhin den ehemaligen Chef zu verehren schien, und das ausgerechnet wegen seines Körpergewichts! Ach, da hatte nun der Kwaliteitswart selbst, ein überaus schlanker Herr, welcher üblicherweise sich auf diese seine Schlankheit gerade einiges zugute hielt, sich so gefreut, endlich die Aufmerksamkeit der Dame auf sich und vom Chef abgezogen zu haben, und dann das! Ist ja kein Wunder, daß er dann, um seinen Zorn loszuwerden und doch die Verehrte ungeschoren zu lassen, erst einmal an der angeblichen Fadheit der Demokratiebeauftragten herumnörgeln mußte! Nun war nicht eigentlich sein Zorn seine Schwäche (solche Menschen gibt es auch, aber der Kwaliteitswart war eben gerade nicht von dieser Art, nie gewesen, nein, er war vielmehr ein Mensch von sonnig-kühler Wesensart, überwiegend unangefochten, so schiens), und auch nicht, daß er diesen, um sein ihm selbst so wohltuendes Verehrungsgefühl und die damit Verbundene zu schonen, dann eben auf eine andere, von der er nicht völlig zu unrecht meinte, daß sie es wohl eher vertragen würde, in aller Höflichkeit umleitete, nein, wir müssen es leider aus unserer überfliegenden Perspektive sagen: seine wahre Schwäche bestand darin, daß er seinem zugegeben grandiosen und unübertroffenen Verständnis von der Welt und ihren Bewohnern, selbstredend unter besonderer Berücksichtigung gerade auch derer Bewohnerinnen, manchmal doch ein ganz klein wenig zu viel und der geschickten oder mutwilligen Umwegigkeit mancher Damen ein bißchen zu wenig zuzutrauen schien, wodurch er sich dann im für ihn unangenehmsten Falle mancher Mißempfindung aussetzte, die ihm bei voller Kenntnis der Lage rein erspart geblieben wäre. Wie nun aber sollte der überfliegende Kranich hier Abhilfe schaffen? Ach, dachte dieser, nichts leichter als das, stelzen wir doch ein wenig auf den zentralen Plätzen der Hauptstädte herum und halten Ausschau nach Personen, deren Gesichter zu sagen scheinen „I’m walking on sunshine,“ und dann wird das schon. … … … Was, so eine kurze Erzählung, und das soll irgendwen trösten oder Druck aus deinen Erzähl-Vorräten ablassen, fragte Mo entgeistert, und ihre Augen wurden für einen Moment größer als ihre schon etwas knittrig gewordenen Flügelchen (Flügel? Ach ja) und der erzählende Kranich sagte, ich glaube wohl. Dann freilich schien ihm doch, er müsse noch ein wenig weiter ausholen, er zeigte also dem staunenden kleinen Mo, was wirkliche Flügel waren, nicht solche wie ihre, die man nur in großen Augenblicken der Befreiung empfängt, sondern echte, angewachsene, ein Leben lang tragende wirkliche Flügel, mit Schwungfedern und allem, was noch dazu gehört, er lüpfte den einen Flügel, dann den anderen, bewegte in irgendeinem Takt dazu seine Beine, säuberte die Unterseite des rechten Flügels mit der Spitze seines zierlichen Schnabels, strich danach mit dem linken Fuße seine rückwärtigen Federn glatt, verbeugte sich anschließend artig vor Mo und allen anderen Mitgliedern der EinSatzLeitung, räusperte sich erwartungsfroh - und stellte keine nennenswete Reaktion fest. Er sah sich noch einmal um, ratlos, und sagte dann, ja, äh, außer diesem, ähäm, Selbstdarstellungsspektakel hätte ich ansonsten nur noch, äh, eine kleine Ballade zu bieten, die man im virtuellen Raum unter folgender Adresse finden kann: http://de.youtube.com/watch?v=rpwVPXiSvwU. Sprachs, nahm mit wenigen sehr langen Schritten einen kleinen Anlauf und erhob sich mit schon fast wieder träge wirkenden Flügelschwüngen wie unwiderruflich in die Lüfte.
Schade, sagte Mo, ich hätte ihn wirklich lieber hier behalten. Er hat doch noch gar nicht angefangen zu erzählen! Ich auch, sagte die Chefin, glaub mir Mo, ich hätte ihn auch lieber hier behalten.

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