Montag, 31. August 2009

810.

Warum hast du mich eigentlich damals zurückgewiesen, fragte Karomütze die allgemeinste Verteidigung, als er sie am Sonntagabend (nachdem das Kind im Bett war, versteht sich) besuchte: der Kwaliteitswart, der ja ohnehin nicht da lebte, war aus, die Verteidigung erschöpft, aber manchmal gefiel es ihr, einen tatort zu sehen und dabei zu bügeln, und das waren die Gelegenheiten, zu denen sich gelegentlich befreundete Nachbarn oder Kollegen einfanden, um gegen den tatort an ein wenig zu plaudern, besonders gern eben Karomütze, auf dessen Frage die Antwort erging, damals war es wohl eher Instinkt, heute würde ich sagen, weil du es so unbedingt wolltest, es erschien dir, so hatte ich den Eindruck, sportlich, „ich,“ damals noch Assistentin der Kreativleitung, war etwas, das du unbedingt noch erreichen wolltest, ich fand das kindisch, weil es bedeutete, ich wäre dir im selben Moment, in dem du bekommen hättest, was du wolltest, eben ein Sieg mehr auf deiner Skala gewesen, als Person langweilig, und so wollte ich nicht leben, ich mochte dich auch zu gern, um dieses Spiel mit zu machen, verstehst du, das mag beim Fußball und beim Lösen mancher Probleme funktionieren, aber nicht, wenn man eine Frau „haben“ oder gar, noch schlimmer, „wiederhaben“ will, ich dachte, das hättest du auch verstanden, und sie lächelte nun plötzlich ein bißchen so, als hätte sie doch nicht alles vergessen, was sie in der Kreativabteilung einst gelernt hatte.

Sonntag, 30. August 2009

809.

Sie sind doch eigentlich eine patente Frau, sagte der Anrufer zu der Chefin, wie kommt es, daß Sie sich in den Produktionen der EinSatzLeitung und ihrer Mitarbeiter und Satelliten ausgerechnet an das Prinzip der konsequenten Fehlleistung und Verweigerung binden, sehen Sie, ich würde das wirklich gerne verstehen, eigentlich bin ich ja Fan, aber manchmal kommen so sehr kaltschnäuzige, so sehr unpoetische, dabei aber keinesfalls politische Beiträge, ich verstehe es alles nicht ganz, also klären Sie mich jetzt bitte mal auf, und die Chefin sagte, mit so einer Frage wagen Sie, am Sonntag hier anzurufen, ja machen Sie das denn mit anderen Instanzen auch so, und der Anrufer sagte, ich dachte, bei Ihnen ist alles so jenseits der üblichen Formen, da dürfte ich mal, auch hoffte ich, der Buchhalter wäre vielleicht in Renovierungsfreizeit, und die Chefin lachte und sagte, das finde ich jetzt eigentlich süß, aber viel erklären kann ich Ihnen leider trotzdem nicht, sprachs, wünschte noch einen schönen Sonntag, dankte gar von sich aus für das Gespräch - und wandte sich wieder ihren sonntäglichen Beschäftigungen zu, bei denen sie für einmal nicht gestört zu werden wünschte.

Samstag, 29. August 2009

808.

Während die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit, deren Nachwuchs Klein-AÖ für ein Stündchen mit Papá und Großeltern aus war, unter dem heimischen Schreibtisch ihre Füßchen in Salz und Öl badete, um sie hernach recht gründlich zu pflegen, schaute sie mit dem oberen Ende ihrer Physis auf die Zahl 808 und erinnerte sich ihrer frühen Zeit, als sie, innerhalb der EinSatzLeitung noch unter der Herrschaft des damaligen Leiters der Abteilung Öffentlichkeit stehend, es irgendwie aufständisch gefunden hatte, gelegentlich in das Büro des Buchhalters zu schlüpfen und sogar seine seltsam abseitige Häuslichkeit kennenzulernen, und sie kicherte ein wenig, denn das Entsetzen über seine karierten Flanellhemden und sonstigen Merkwürdigkeiten, vor allem aber über die erstaunliche Achtlosigkeit seines Gesamtverhaltens in allen nicht die Zahlen und die Einhaltung aller Regeln betreffenden Dingen war ihr plötzlich wieder frisch gegenwärtig, sie plantschte ein wenig mit den Zehen im sehr warmen Wasser, hüstelte, schnäuzte sich - und hörte schon wieder den Schlüssel im Schloß, bevor sie auch nur die Füße abgetrocknet hatte, das war, in gewisser Weise, auch etwas wie eine Erleichterung, denn ihrem Standing wäre weiteres Nachdenken womöglich nicht förderlich gewesen, nicht weil es sie etwa in jene Zeiten zurück gezogen hätte, sondern eher, weil sie hätte bemerken können, daß es sie ganz woanders hin zog, und daß sie womöglich nicht einmal hätte sagen können, wohin.

Freitag, 28. August 2009

807.

Der Minderheitler mit den grünen Borsten fand, es sei an der Zeit, sich einmal einzuarbeiten in die Niederungen der Vogelkunde, um hier den schrecklichen Vereinfachungen ein wenig entgegenzuwirken im Sinne auch des Artenschutzes, aber er traute seinen Augen und seinen Büchern nicht mehr, als er auf einen Eintrag über einen Vogel namens Nebelgall stieß, welcher bei Nacht und Nebel in den Karpaten seltsame, nämlich an Nebelhörner erinnernde und deswegen die Wanderer regelmäßig in die Irre führende Geräusche von sich zu geben pflege, das ist doch Stuss, sagte der Minderheitler mit den grünen Borsten, und der Demokratiebeauftragte, der sich für sowas überhaupt nicht interessierte, gab ihm recht, ohne aufzusehen.

Donnerstag, 27. August 2009

806.

Dame Ö sah sich unterdessen im Kreativbüro um, nahm hier ein Weberschiffchen in die Hand, schob da ein paar Fäden auseinander, blätterte lustlos in den Skizzenbüchern und versuchte, die Notizzettel nicht durcheinander zu bringen, und schließlich fragte sie seufzend die stickige Luft in dem Raume, woran die Kreativleitung denn noch anknüpfen wolle, der Teppich sei doch schon völlig überladen, irgendwann müsse es doch auch mal ein Ende haben, und überhaupt.

Mittwoch, 26. August 2009

805.

Am Abend nach jenen merkwürdigen Erörterungen waren die Kreativleitung, der Kwaliteitswart und Karomütze mit dem schwarzen Alfa an einen See in der Umgebung gefahren, um noch einmal zu baden, bevor die Gewitter einsetzen und die Tage für solche Vergnügungen zu kurz und zu kühl werden würden, und Mo, das es nicht liebte, sich naßzumachen, ließ sich, auf einem großen Platanenblatte hockend, von der sehr ruhig schwimmenden Kreativleitung über das Wasser bewegen, der Kwaliteitswart und Karomütze wechselten sich ab mit "Wacheschieben" bei den Sachen und mit kleinen sportlichen Schwimmeinlagen, bis schließlich eine herannahende Gewitterwolkenwand den Badenden nahelegte, die Badestelle wieder zu räumen, mochte auch Mo unerschütterlich behaupten, es habe mit Karos großartiger Ausrüstung die gesamte Wolkenwand durchleuchtet, sie habe nachgewiesenermaßen keine Blitze im Gepäck, man könne ruhig noch ein wenig plantschen, es werde nichts passiern usw., die Kreativleitung setzte es doch vorsichtig ans Ufer, und wenig später erreichten sie bei ersten schwer fallenden Regentropfen das Fahrzeug, vergnügt durchaus.

Dienstag, 25. August 2009

804.

Allmählich faßte Karomütze Vertrauen zu diesem Precuneus, und er dachte, man könne sich nun auch einmal über die merkwürdigen Suchteffekte der Observation unterhalten, über dieses Wissenwollen, über diese Situation, wenn du jemanden beobachtest, wie du genau wissen willst, was er fühlt, wie du schließlich wissen willst, wie es sich anfühlt, er zu sein - oder, wahlweise, wie es sich anfühlt, dauernd in seiner Nähe zu sein, du willst das alles vor dir ausgebreitet sehen wie auf einer Landkarte, willst drinnen sein und draußen, willst ... das ist der eigentliche Bilderdienst, sagte Precuneus streng, daß man den Menschen geradezu tötet, um ein vollständiges Bild von ihm zu bekommen, das ist nicht Sicherheitspolitik, das ist Lustmord, und die Lust ist eine gefräßig narzißtische, welche umso übler wird, wenn sie sich als Sorge um den vermeintlichen Narzißmus des Objekts ausgiebt, während dieses sich nur wehrt, alle Fälle von gehobenem (also staatlich legitimierten) und niedrigem (also privat induziertem) Stalking funktionieren so, und diese Lust an der Vollständigkeit des Bildes ist die größte Gefahr unseres Berufes, denn sie verführt uns dazu, Leuten nur deswegen auf den Fersen zu bleiben, weil sie uns immer wieder überraschen, nicht, weil sie ein wirkliches Sicherheitsrisiko darstellten, sondern weil wir anfangen wissen zu wollen, ob sie uns auch in dieser oder jener Situation noch zu überraschen vermögen, wir bilden also unter den Objekten unserer Observationen Vorlieben aus, und wehe dem, der uns gefällt, ich selbst, wenn ich observiert würde, würde daraus die Konsequenz ziehen, ein paar durchschaubare kleine Sünden zu erfinden, bei denen ich mich regelmäßig erwischen ließe oder so, aber wirklich, Karo, es ist gut, daß wir über die Sache sprechen, die armen Menschen, über die wir wachen, wir müssen sie irgendwie leben lassen und dürfen uns nicht darauf verlassen, daß sie uns nicht bemerken und unbefangen weiter leben, als gäbe es uns nicht, wir müssen damit rechnen, daß sie die heimliche Haft, in die wir sie nehmen, in sich fortsetzen, eine furchtbare Sache ist das, wenn man bedenkt, wie völlig Unschuldige sich regelrecht abtöten können, nur um nicht die Launen unserer Landkartensucht zu bedienen, da müssen wir selbst korrigieren, und darum arbeite ich seit Jahren an einer Idee über die reine Defensivität in der Sicherheit, schwieriges, schwieriges Kapitel, ich würde mich freuen, wenn Sie dabei ... aber Karomütze schwieg, trotz allem irgendwie beschämt, und Mr. Precuneus sah es, gedankenverloren und besorgt, und versuchte, ihn durch einen freundlichen Klaps auf die Schulter wieder etwas aufzuheitern, denn Beschämung ist der schlechteste Erzieher.

Montag, 24. August 2009

803.

Man kann Mo wirklich nicht mitnehmen auf Parties usw., sagte der Kwaliteitswart, das sollten Sie nie wieder tun, wissen Sie, was es mir erzählt hat, als Sie eben bei der Chefin waren, es hat erzählt, auf einer dieser Parties sei berichtet worden von lateinamerikanischen Familien, welche ihre Kinder an sehr reiche Touristen verkaufen sollen, damit diese Gelangweilten sie in den Dschungeln und Regenwäldern jagen können, stellen Sie sich das bitte vor, die Kinder laufen davon, bis irgend so ein perverser "Großwildjäger" sie erwischt, und wissen dabei, daß sie, wenn sie umkommen, doch immerhin ihre Familie ernähren, ja wer erzählt denn so etwas, und was denken die sich denn dabei, kann man nicht auf Parties über andere Dinge sprechen als über die schlimmsten Formen organisierten Verbrechens, oder meinen Sie, das Mo habe sich das nur ausgedacht, um die erzählenden Personen zu verleumden und weil es eben so schreckliche Phantasien in seinem armen Köpfchen ausbrütet, aber die Kreativleitung, mit aufrichtigem Bedauern, daß der Kaffee, welchen der Kwaliteitswart mitgebracht hatte, kalt geworden war, sagte, sie habe diesen Bericht eigenohrig mit angehört und nicht für gänzlich unplausibel gehalten, damit beendete sie das Thema, nahm das irgendwie bockig vor sich hin schwitzende Mo auf den Arm und schlug vor, nun gleich am Wandteppich zu erörtern, wie es mit den Flüssen weiter gehen solle, ob man das an irgendeiner Stelle schon mal gehabt habe und wo es eventuell wieder auftauchen könne.

Sonntag, 23. August 2009

802.

Am späten Nachmittag des Sonntags lag die Dame Ö rücklings auf einer Holzbank in einem höchst unwahrscheinlichen Dorfe irgendwo in der Welt, über sich den blauen Himmel und die klirrenden Blätter einer Silberpappel, neben sich das Gewisper von Fluvius Rhenus, und in sich ein wenig elsässischen Flammkuchen, zu genießen am besten mit gekühltem Edelzwicker.

Samstag, 22. August 2009

801.

Dieses nun wird Folgen haben, wütete der klitzekleine Forschungsminister, welcher stolz war auf sein elegantes Bärtchen, und der Buchhalter, ebenfalls mit einem gepflegten Barte wohlgeschmückt, stimmte eifrig zu: damit wird sich die allgemeinste Verteidigung endgültig um ihren Ruf als ausgewogene Allverteidigerin gebracht haben, wir werden alle zusammentrommeln, hier muss etwas geschehen, das ist doch unerhört, und er konnte tatsächlich gar nicht wieder aufhören, fast hätte er schon den Demokratiebeauftragten auf seine Seite gezogen, obwohl dieser zu der Fraktion der Bartträger doch gar nicht gehörte, eine Kollektion von Fotografien grausamer rasierter Gesichter werden wir ihr vorlegen, jawohl, schnarrte der erboste Klitzekleine, das muß sie überzeugen, das wird ihr unter die Haut gehen, eine Kollektion von Bildern werden wir der Chefin auf den Schreibtisch knallen, gegen die die Fahndungsfotos der RAF aussehen werden wie das Gruppenfoto einer Schwestern-WG, ohohohoo, wandte der naseweise Sinologe ein, seinerseits am liebsten im Dreitagebart, worauf die Weiber doch stehen sollen, es gibt durchaus auch grausame Krankenschwestern in der Welt, sagte er, und das war sicher wahr, nahm aber irgendwie die Luft aus der Sache, so daß der Demokratiebeauftragte nur die Schultern zuckte und sagte, ein schönes Wochenende noch, die wollte doch nur ihren Typen da ärgern, ich meine, irgendwo muß doch auch noch mal was Menschliches erlaubt sein, ohne daß es gleich einen Zwergenaufstand gibt - womit er den klitzekleinen Forschungsminister, den er im übrigen sehr schätzte, nun erst recht nicht beruhigen konnte, aber aus irgendeinem Grund nahm er das an diesem Tage gelassen inkauf.

Freitag, 21. August 2009

800.

Gelegentlich frühstückte der Vater des kleinen Kindes der allgemeinsten Verteidigung in der Kindeswohnung gemeinsam mit der jungen Mutter und, sofern es wach war, mit dem Kleinchen: an diesem Morgen las er gnädigst ein wenig aus der Zeitung vor, denn man muß über etwas reden, eine schmissige Rede sei das, die einer von einer wichtigen Zeitung da gehalten habe, und besonders bemerkenswert der Satz "Qualität komme von Qual" - dabei zeigte er das Foto des Autors - und die allgemeinste Verteidigung, die schon ein wenig ungeduldig auf die Verabschiedung des Besuchers wartete, sagte, daß Autorität von Autor kommt, mag ja noch hingehen (wobei mir die Verliebtheit der Leute in Autorität und die Schlamperei im Umgang mit Autorschaft gewaltig auf die Nerven zu gehen beginnt, wir wissen doch, daß dies einer der Gründe dafür ist, daß wir beide nicht zusammenleben, nicht wahr mein Schatz, es gibt doch um dieses Thema immer allzu viele Mißverständnisse), aber kannst du mir verraten, ob es eigentlich einen essentiellen Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Barttragens und dem der genüßlichen Vorliebe für das Quälerische an der Qualitätserzeugung gibt, und wie eigentlich die offensichtliche Vorliebe Gutverdienender für die Abprüfung der Integrität nicht gut Verdienender miteinander zusammenhängen, und ob eigentlich die Leute, die integer sind, so viel darüber reden wie die Leute, an deren Integrität man oftmals durchaus zweifeln könnte?

Donnerstag, 20. August 2009

799.B

Also die gewöhnlichen Puzzles gefallen mir doch besser, schnaubte Karomütze, als er in dem Entenflott oder der Entengrütze auf einem kleinen Weiher herumrührte. Weder gelang es ihm, sie soweit zur Seite zu rühren, daß er auf den Grund des trüben Wassers hätte sehen können, noch fügten sich die Ansammlungen von Entenflott zu irgend stabilen Gebilden. Bald ergab sich das Bild einer Krake, dann das einer karierten Mütze - als das geschah, schrie er auf, ich glaub ich spinne, wird er wohl gesagt haben - bald das Bild eines Karpfens, dann das eines Hechts. Zwischendurch war ihm, als tauche aus der Brühe ein grau-gräuliches Krokodil auf und weine bittere Tränen, aber wer schon den Tränen des gefräßigen Tieres nicht traut, der wird bald auch die Existenz des gepanzerten Unholds in Zweifel ziehen. Ja hast du mich denn nicht erkannt, schien es zu weinen, die ganze Zeit habe ich dir heimliche Zeichen gegeben, und du hast kein einziges erkannt, hast mich nicht verstanden, hast dich nicht verstanden, hast weder Gott noch Welt verstanden, peitschte wild aufheulend noch einmal das Wasser auf - und schon war es wieder weg. Karomütze konnte nicht so schnell schauen wie die Vision wieder verschwand. Erst glättete sich das Wasser über seinem Anblick, dann zog sich auch das Entenflott wieder zusammen. Kroko, Krako, Karo, ich bring es, verdammt noch mal, nicht zusammen, fluchte Karomütze, wie herrlich waren doch in meiner Kindheit jene kleinen Pappteilchen, von denen man wußte, bei ausreichend Geduld und sorgsamer Bewahrung aller Teile schafft man es auf jeden Fall, ein vollständiges Bild zu erhalten: die Zugspitze, die Niagara-Fälle, und unter mindestens 54 Teilen strahlenden Azurs die Südsee oder die Nordsee, nie die Zuidersee, aber die wurde ja auch trocken gelegt. Plötzlich sah er den erzählenden Kranich auf einem Beine neben sich stehen und fragte ihn entgeistert, haben Sie eben auch ein Krokodil gesehen? Der erzählende Kranich sagte, ein Krokodil, in diesem nordeuropäischen Weiher? Ein Krokodil, ja, sagte Karomütze, oder ein Aligator, jedenfalls etwas derartiges, heulend. Der erzählende Kranich schmunzelte von einer Schwungfeder zur anderen und nickte geheimnisvoll mit dem Kopf. Als er den Eindruck hatte, Karo gebe seine Forschungen noch immer nicht auf, sagte er, schauen Sie, da drüben sind ein paar wunderhübsche Schwäne, haben Sie die einmal in Ihre Betrachtungen einbezogen?
Karomütze schwieg, verzweifelnd, aber die Schwäne gefielen ihm schon.

799.

Mo ließ sich die Sache mit der B-Ebene nicht zweimal sagen, das wäre doch gelacht, schon am anderen Morgen - es war einfach zu heiß für den glorreichen blauen Mantel, so erschien sie eben wieder in ihrem grauen Kittelchen - präsentierte sie der Kreativleitung ein mühselig glatt gestrichenes Zettelchen, auf dem neben einem wie üblich nur so dahin gekritzelten Text für die B-Ebene auch noch etwas wie eine Buchstaben-Zahlenskizze war, und sie sagte, wenn du genau hinsiehst, wirst du bemerken, daß es keine Punkte sind, sondern winzige Globen.

Mittwoch, 19. August 2009

798.

Bei einem der Frühstücksgespräche auf der sommerlichen Veranda fragte die Gattin des ehemaligen Chefs den Herrn Precuneus, was seiner Ansicht nach der Grund sei, aus dem bei manchen Menschen tatsächlich das Prinzip "Wahrheitskommission" funktioniere, und sie erwartete eine Antwort von Versöhnung, Mitmenschlichkeit usw., sie sagte, es sei ihr auch klar, daß alle möglichen Chefstrategen und -strateginnen sich berufen fühlen würden, vom Zwang zu Frieden und Kooperation zu reden, und daß der ehemalige Chef versuchen würde, seine Nachfolgerin zu überbieten, indem er sagen würde, dabei müsse man eben auch mal langfristig denken, aber ihn bitte sie um eine ehrliche Antwort, es heiße ja auch nicht Versöhnungskommission; da bekam Mr. Precuneus ein ganz blankes Gesicht und sagte, es gibt mehr Menschen als man denkt, die durch nichts als die Tatsache, daß man an ihnen etwas vornimmt, ohne sie darüber aufzuklären, was, so schwer gekränkt sind, daß sie entweder, wenn sie friedlich geneigt sind, einfach sterben, oder daß sie, wenn sie aggressiv sind, eben auf Rache sinnen, in Unwahrheit gehalten zu werden, aus welchen Gründen auch immer, unter dem Satz "du sollst nicht merken, aber mitmachen" bezwungen zu werden, ist ein Krebs, den ein freier Mensch hassen muß - und es gibt nur ein einziges Mittel dagegen, lange bevor man anfängt, von Versöhnung zu sprechen, (es war übrigens einer Ihrer ehemaligen Präsidenten, Verehrteste, der dieses Mittel nicht weniger konsequent benannt hat als unser Mandela), und dieses Mittel heißt Klarheit und Wahrheit, Tun, was man sagt, und Sagen, was man tut, denn nur dann hat ein Mensch, "an dem" und "mit dem" und "für den" man vermeintlich etwas tut, die Freiheit, ja oder nein zu sagen, und nur wer diese Freiheit wirklich hat, kann auch sagen, so weit verzeihe ich, und hier fordere ich rechtliche oder sonstige Schritte, und jeder, der eine Untat verziehen haben möchte, muß erst einmal eine solche Lage wieder herstellen, wer eine andere Art von Versöhnung erschleichen oder erzwingen oder erstrategiseieren will, wird die Freiheit im Menschen oder, wo ein Mensch sie sehr liebt, diesen Menschen ermorden oder sterben oder beides, denn bei uns geht es um nicht weniger, und nun, zum zweiten Teil Ihrer Frage, daß die Kommissionen Wahrheitskommissionen heißen, hat seinen Grund darin, daß die Opfer nichts wieder bekommen können, aber immerhin das Wissen über ihre Lage und ihre Verursacher, und ohne das kommen sie nie wieder zur Welt - mich hat, fuhr er nach einer kurzen Unterbrechung und einem Blick auf das erstaunte Gesicht der Gattin des ehemaligen Chefs, fort, eher gewundert, daß es bei vielen Tätern irgendeine minimale Einsicht oder gar so etwas wie den Wunsch nach einer solchen Klärung gegeben hat, manche waren wirklich erstaunt über die Wirkung der Wahrheit auch auf sie selbst, andere blieben unüberzeugt und dachten sich Gründe aus, aus denen sie ihre Untaten weiter beschönigen und zu Großtaten umdeuten konnten, und was alles nach oben kam, ist für viele wirklich hart gewesen, aber wer eines der Opfer wiederum um die Wahrheit betrog, würde bei uns jedenfalls geächtet sein, also bei denen, die Wert darauf legen, aus den alten tabubesetzten Verhältnissen herauszugehen, ohne den Respekt vor den Ahnen aufzugeben.

Dienstag, 18. August 2009

797.

Nur schwach erinnerte sich der Kollege Buchhalter jener Wintertage, an denen er nach kürzestem Gang über die Fußwege der Stadt die bei jedem Schritt knirschenden Steinchen aus dem Profil seiner Schuhsohlen gepickt wünschte, wenn er an heißen Tagen als erster den engen Korridor der EinSatzLeitung betrat, denn nun waren die Probleme völlig anders, trotz heruntergelassener Jalousien stand eine Hitze in den Räumlichkeiten, daß es einem den Atem nahm, und der Schweiß floß ihm, kaum daß er die Tür hinter sich zugezogen hatte, und er stürzte in die Büros, um erst einmal kräftig zu lüften.

Montag, 17. August 2009

796.

Plopp, sagte Karomütze, und wollte damit zum Ausdruck bringen, daß der Stöpsel aus der Badewanne mit der ach so romantischen Schiffsnachricht gezogen war, aber der Minderheitler mit den grünen Borsten meinte, da könne durchaus noch was nach kommen, wat meinste, der Oberassistent meinte nein, werde allet üba...

Sonntag, 16. August 2009

795.

Der klitzekleine Forschungsminister hatte Gefallen gefunden an Mr. Precuneus und lud ihn ein, ihn auf dem sonntäglichen Rundgang mit dem naseweisen Sinologen im postgelben Einkaufswagen zu begleiten, unter anderem, um die Frage des Bilderverbotes noch einmal recht gründlich zu diskutieren, denn dies werde sicher auch den Kollegen Sinologen interessieren - der naseweise Sinologe sagte indes, mir mißfällt dieser Precuneus, und ich habe im übrigen selbst viel zu sagen, zum Beispiel darüber, warum es nur gut und richtig ist, diese Frau in Birma gefangen zu halten und warum der Sineser sich nun einmal nicht gern dreinreden läßt, wenn er Leute zum Tode verurteilt, aber der klitzekleine Forschungsminister beschied ihn abschlägig, indem er schnarrte, wir werden eine einmal ausgesprochene Einladung nicht zurücknehmen, und im übrigen können Sie alle Ihre nicht überdifferenzierten Ansichten recht gern mit dem neuen Kollegen besprechen, ich kenne sie doch schon, wäre aber durchaus neugierig zu erfahren, wie er darüber denkt, und der naseweise Sinologe zweifelte zum wiederholten Male, ob diese sonntäglichen Ausflüge mit dem Klitzekleinen wirklich eine so unersetzliche Einrichtung seien.

Samstag, 15. August 2009

794.

Endlich einmal richtig romantische Nachrichten, sagte die Chefin und blickte mit ihren haselnußbraunen Augen direkt in das verschlafene Gesicht ihres Kindes, das am Frühstückstisch auch schon gespannt auf die andere Seite der Zeitung schaute, oder findest du das mit dem Schiff nicht auch aufregend, aber das Kind sagte empört, Mama, da sind Menschen, die bangen um ihr Leben, und die Chefin sagte, einstweilen weiß man nicht einmal das, es ist einfach gar nichts klar, aber dann fragte sie besorgter, ob das Kind denn bald wieder habe einschlafen können, war es doch mitten in der Nacht in das dem Hofe zu liegende Zimmer der Mutter gekommen, aufgescheucht durch das wilde Gröhlen einer Frau, welche, während mit quietschenden Reifen ein Auto davon fuhr und noch lange, nachdem das Auto schon nicht mehr zu sehen oder zu hören war, die dunklen Fassaden der einander eng gegenüberstehenden Häuser anbrüllte mit einem Zorn, der vielleicht einen ganz unmittelbaren Anlaß haben mochte, aber klang wie jener Weiberzorn aus den ältesten Schichten der Erde, wie jener Zorn, der von jeher die andere Hälfte der Welt in so einen Schrecken gebannt hat, daß man anstatt ihn zuzulassen noch immer lieber kopfgeborene Göttinnen und jungfräuliche steril Gebärende dazu hatte erfinden müssen, um nicht allein zu sein mit dem Grauen, das von einem weiblichen Menschen auszugehen scheint, der sein Unglück herausschreit, aber wieder scheuchte das Kind die Mutter aus ihren weltgeschichtlichen Betrachtungen und sagte, ich finde das schon krass, daß sie soo herumbrüllte, meinst du, sie wollte vielleicht eingesperrt werden, und die Chefin lachte über die durchschauerische Naseweisheit ihres Kindes und sagte, ich glaube, sie war einfach wütend auf den, der mit dem Auto davon fuhr, warum auch immer, und hat die Kontrolle verloren und ausgenutzt, daß vermutlich niemand etwas unternehmen würde in dieser Straße, denn hier hört man ja oft Gebrüll, aber was das mit diesem Schiff ist, da bin ich doch sehr gespannt auf die Auflösung, und das Kind sagte, gib mir vielleicht mal bitte das Feuilleton, ja?

Freitag, 14. August 2009

793.

Als die Dame Ö am Morgen mit ihrem Tee am offenen Küchenfenster saß, sich während der Zeitungslektüre über den Erfolg einer zurückgekehrten Ministerin freute und entschied, sich von irgendwelchen Wahlprognosen nach einer großen Koalition, die einfach zu gut funktioniert zu haben schien, nicht beeindrucken zu lassen, fielen ihr zwei Wespen erst auf und dann in den Tee, und es mißfiel ihr, denn schließlich können Wespen doch ebensogut draußen herumfliegen, wo sie niemanden stören müssen und sich selbst nicht der Gefahr von Verbrühungen aussetzen.

Donnerstag, 13. August 2009

792.

Am Donnerstag war der Sicherheitsbeauftragte von seinem Aufenthalt in Amsterdam mit anschließendem Polderglück wieder zurück in der EinSatzLeitung, er besaß außer einer neuen in Pastelltönen gehaltenen Karomütze auch noch das Geld für einen neuen Globus, denn er hatte tatsächlich gleich am ersten Abend in der Hauptstadt eine seit langem verabredete Sache in einem Hotel erledigt ("Präsenz zeigen ist alles" - unter diesem Motto hatte er als Portier verkleidet an einem dieser lustigen kleinen Nebeneinsätze, welche ihm sein alter Kumpel von der GSG 9 immer mal wieder vermittelte, teilgenommen, das war für ihn wie früher Komparse sein beim Film, man zieht irgendeinen Fummel an, steht herum, und der Chefsicherheitsbeauftragte des fremden Einsatzes quasselt dem Unterchef Anweisungen ins Ohr, während man selbst die Hotelhalle nach Gefahrenquellen abwittert, weil irgendein Gast Gefährdungsstufe zwei oder drei einquartiert ist, und am anderen Tag macht der Kumpel eine Sause und Karomütze zieht los und sucht einen neuen Globus) und war nun "in alter Frische" - was hieß: übermüdet wie immer - in der Kantine dabei, sich einen Kaffee zu zapfen, als er plötzlich auf seiner Schulter etwas fühlte wie weiland die Hand des ehemaligen Chefs: er drehte sich um und schaute in das Gesicht von Precuneus, der ihn anstrahlte und sagte, ich freue mich so, Sie wieder zu sehen, ich habe Sie richtig vermißt, und die beiden setzten sich an einen Tisch und genossen es, einen langweiligen Morgen in der EinSatzLeitung durch den Austausch abenteuerlicher Geschichten aus dem Sicherheitswesen ein wenig aufzubunten, worin sie fortfuhren, als die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse sich dazu setzte.

Mittwoch, 12. August 2009

791.

Als die Chefin am anderen Morgen noch einmal genauer auf das chaotische Protokoll sah, war sie etwas entsetzt, rief die Kreativleitung zu sich und fragte sie, ob sie nicht doch auch mal etwas Urlaub machen wolle und ob sie das nicht direkt sagen könne, man müsse doch dazu nicht erst ein Protokoll vorlegen, das so nun wirklich nicht ginge, und die Kreativleitung entschuldigte sich für das hingeschlurte Protokoll, sagte, wirklich schlecht finde sie die Idee von Urlaub eigentlich nicht, sie sei aber gerade an einem Stück für den Teppich, in dem es um die Veraltung von Wünschen und die Anmaßung von Menschen gehe, welche mit besten Absichten versuchten, sich veraltete Wünsche von Menschen zu eigen zu machen, um endlich deren Vitalität wieder in eigene Dienste nehmen - nein, pardon, natürlich um sie heilen zu können - da siehst du, wie ich mich verhaspele, man darf eben nichts über die Motive der anderen zu wissen behaupten, eine Regel, an die mich zu halten mir umso schwerer fällt, je rücksichtsloser andere sich nicht daran halten, und, fügte sie hinzu, sie versuche wieder einmal sehr angestrengt, diese mißlichen Dinge so zu zeigen, daß es den "gemeinsam agierenden Aneignern" gelingen könne, sich bei ihrer sinnlosen und zwanghaften Aktivität erwischt zu fühlen und von ihr abzulassen, ohne darin von dem Beschämungsgefühl behindert zu werden, das in der Regel gerade bei Machtinhabern und "Wollern" (die sich gern "Engagierte" nennen) umso heftiger abgewehrt wird, je sinnloser ihr Projekt ist, du siehst, sagte sie abschließend, womit ich eigentlich befaßt bin, und wenn du dann ein Protokoll über so eine luschige Sitzung schreiben sollst, du lieber Himmel, aber ja, Urlaub, das wäre mal was, vielleicht, wenn ich dieses Stück fertig habe, vielleicht, willst du erstmal selbst Urlaub machen?

Dienstag, 11. August 2009

790.

Sitzung der EinSatzLeitung

Anwesend: Sommerloch und Konsorten, bestehend aus Chefin, Dame Ö, Mr. Precuneus, Buchhalter und Oberassistent sowie der Kreativleitung, diese schreibt das Protokoll.

So wurde ein Satz daraus. Sie guckt irgendwie zu Precuneus, der sagt aber nichts Böses, guckt auch nicht grimmig, erzählt nur in der Pause, daß in seinem Land ein Polizeikommissar, zum Beispiel, der wirklich was schaffen will, schon um 6.00 Uhr in seinem Büro sein muß, denn wenn um 8.00 Uhr die anderen kommen, dann MUSS man mit ihnen reden, wer das nicht tut, kann gar nichts mehr, weil einer, der nicht stundenlang mit den anderen palavert, einfach mal nicht als sozial normal und gesund gilt, wer es tut, kann aber auch nichts mehr schaffen, das nicht gesprächsweise zu bewerkstelligen ist, denn er muß ja die ganze Zeit palavern, und er kann noch so schnell im Kopf sein, da die anderen mitgehen müssen, muß er auf sie warten, so kommts, daß es bei uns ein bißchen korrupter zugeht als hier im schönen Europa, sagte er, und daß er sehr neugierig sei zu lernen, wie es anders gehen könne, also "anders als bei uns und anders als bei euch."

Mit diesem Pausenbericht hat die Protokollantin mehr gesagt als sie mit einem Protokoll gesagt haben würde, die richtige Protokollkultur sollen doch bitte andere übernehmen, wie wäre es überhaupt, wenn mal wieder der Demokratiebeauftragte … aber der muß ja Urlaub machen, ebenso wie Karomütze und ein paar andere, nur ausgerechnet Dame Ö, die ist natürlich da geblieben.

Die Tagesordnung bestand im wesentlichen aus der offiziellen Amtseinführung von Mr. Precuneus, der nichts anderes als ein Praktikum macht, dabei aber immer wieder aus seiner Rolle als Ratsuchender in die des Beraters verfällt. Die Anwesenden haben aber, außer dem Buchhalter, nichts dagegen.

Ferner wurden noch Resolutionen verabschiedet, die Todesfälle in der Welt bedauern und Freilassungen fordern. Dabei wurde die Forderung nach sofortiger Freilassung von Aung San Suu Kyi länger diskutiert, weil man doch auch anerkennen müsse, daß das schlimmste denkbare Urteil nicht gesprochen wurde, schließlich entscheidet die Versammlung aber für das Argument der Chefin, daß man als EinSatzZentrale keinerlei diplomatische Verpflichtungen habe, sondern freier sprechen dürfe als politische Strategen und dies auch müsse, und vor diesem Gericht sei das Verfahren selbst und der Hausarrest selbst nun einmal ein unerträglicher Skandal, ist es da so wie es das hier wäre, sagte sie, denn man könne nicht einfach jemanden festsetzen, weil man ihr Charisma fürchte, und wer wenn nicht Leute von hier solle bitte dagegen protestieren.

Am Ende gibt die Protokollantin, die diesen Job schon lange nicht mehr gemacht hat, artig zu verstehen, wie sehr ihr selbst bewußt sei, daß man so kein Protokoll schreibe, von Anfang an sei das doch klar gewesen, aber so habe die ganze Sache schließlich einmal angefangen, so dürfe das auch gelegentlich wieder gemacht werden, Protokolle mit knappster Abarbeitung der Tagesordnung müßten doch alle schon in ausreichender Zahl lesen, Precuneus guckt nachdenklich, die anderen winken eher ab, denen ist es ja auch wahrhaftig nicht neu.

Danach gehen alle ein Eis essen, macht man auch nicht, oder darf man doch?

Montag, 10. August 2009

789.

Der erzählende Kranich und der kleine Brachvogel hatten ihr kleines Ständchen schließlich gebracht und waren längst wieder auf dem Fluge über die Niederungen und Sümpfe der nördlichen Landstriche, als die Kreativleitung trotz erheblicher Brauenhebung seitens der Dame Ö einen eklatanten Webfehler in den Teppich setzte, und als die Dame Ö ihrer Forderung nach einer Erklärung auch verbal Nachdruck verliehen hatte, bequemte sie sich schließlich zu der Bemerkung, schauen Sie, wenn sich jemals irgendein Web-Kritiker mit diesem Teppich befassen sollte, wird er denken, aha, die EinSatzLeitung kann sich unmöglich in der Nachbarschaft des Kreuzbergparkes befunden haben, denn sonst wüßten sie doch, daß das Denkmal dort oben eben nicht eines für die Völkerschlacht ist, und ich hoffe, es kommen schön erstaunliche Theorien über den ursprünglichen Sitz der EinSatzLeitung heraus, manche werden sie bei Leipzig annehmen, andere entschlossen dagegen argumentieren, und aus dieser Sache werden tausende von neuen kleinen Flickenteppichen entstehen, ist das nicht eine überaus produktive Idee - woraufhin die Dame Ö zwar nicht ihre Skepsis, aber doch wenigstens schon einmal ihre Braue wieder fallen ließ.

Sonntag, 9. August 2009

788.

Da sehen Sie, was passiert,wenn man sich mit sich und seinen Hemdchen beschäftigt, sagte die Chefin in gutmütigem Vorwurfstone, als sie am frühen Sonntagabend endlich den Buchhalter erreichte, nachdem sie selbst in ihrer sonntäglichen Ruhe gestört worden war durch einen Anruf, in welchem ihr mitgeteilt worden war, als wie überaus peinlich es empfunden werde, wenn ausgerechnet in einem Beitrag von und mit dem Buchhalter ein Zahlenversehen über mehr als 24 geschlagene Stunden im EinSatzBuch stehen bleibe; der Buchhalter aber korrigierte sofort und war irgendwie dennoch verstockt, schien ihr.

Samstag, 8. August 2009

787.

Die Sonne schien endlich wirklich sommerlich und ließ den Buchhalter des Morgens entscheiden, seine bläßlichen Ärmchen mindestens zur Hälfte zu zeigen, indem er anstelle der üblichen karierten Flanellhemden wieder einmal eines der leichteren kurzärmeligen wählte, aber als er so angetan dem Minderheitler mit den grünen Borsten begegnete, dachte er, schöner wäre es doch, immer einfach nur in grünen Borsten zu sein, da sind die Variationsmöglichkeiten nicht zurechenbar, und er empfand eine vage Sehnsucht nach den Zeiten, in denen er noch an Renovierung seiner Person hatte glauben können.

Freitag, 7. August 2009

786.

Darauf, daß es kein leichter Job werden würde, war Precuneus durchaus vorbereitet gewesen, und auf die realen internen Schwierigkeiten der EinSatzLeitung möglicherweise sehr viel besser als irgendeiner der Warte und anderer Abgesandter der Vogel- und anderer Welten, und er war dies nicht etwa durch irgendein läppisches Training (nichts gegen Trainings für die, die es brauchen, aber wer Verantwortung übernehmen will, braucht ein bißchen mehr Haltung als die, die man sich antrainieren kann) hier und afrikanische Mutter (nichts gegen die Weisheit meiner Mutter, aber von der Weißenwelt in deutschen Großstädten hatte sie einfach nicht die geringste Vorstellung, sie weiß wohl, daß Menschen immer irgendwie gleich sind, aber was manche Sachen und Theorien mit ihnen machen können, wenn man sie zu lange damit spielen und sie für wahr halten läßt, davon hat sie eben doch keine Ahnung) da, sondern durch etwas, das er in seiner schlichten, von allen Orthodoxien weit entfernten, aber hochgebildeten Frömmigkeit seine sehr persönliche Treue zum Bilderverbot (in humanibus, wenn Sie es lateinisch brauchen, pflegte er zu lachen) genannt haben würde: ob Sie es glauben mögen oder nicht, sagte er beim entspannten Frühstück auf der Veranda zu der Gattin des ehemaligen Chefs, in welcher er noch am ehesten eine aufmerksame und facettenreich denkende Gesprächspartnerin zu haben glaubte (solange er nicht in seinem Büro war, dessen Gesellschaft er noch nicht restlos erkundet hatte) ob Sie es glauben oder nicht (und hier öffnete er behaglich die oberen Knöpfe seines Hemdkragens, nachdem er die heute violette Krawatte schon vor einer halben Stunde abgelegt hatte) - aber dieses eine biblische Verbot, vielleicht das Beste, was uns Ihre Missionare hinterlassen haben, erlaubt uns noch heute, uns immer wieder über alles hinwegzusetzen, was man uns an brutalen Festschreibungen entgegenbringt, es hilft uns, uns gegen diese und gegen Menschen, die mit so etwas operieren, konsequent abzugrenzen, uns auf wirkliche Freiheit und Menschenrecht verbindlich festzulegen und diejenigen, die diese Worte im Munde führen, aber real mißachten, auf geschmeidige Weise mit ihren eigenen Verhaltensweisen zu konfrontieren, wenn nötig, freilich nur, solange wir nicht selbst in der Situation derjenigen unserer erbarmungswürdigen Brüder sind, die sich etwa irgendwelchen Cu-Clux-Clans oder dergleichen gegenüber sehen, und die Gattin des ehemaligen Chefs verstand eher nicht.

Donnerstag, 6. August 2009

785.

After only a short while of staying here, this Mr. Precuneus hath a way of walking his ways through the city as if nobody were wearing T-Shirts bearing the inscription 'go love your own city' - I wonder where he takes it, sagte die Dame Ö zum klitzekleinen Forschungsminister, welchen sie in tiefe Meditation versunken an den Blumentopf gelehnt vorfand, als sie dem dürstenden Hibiskus etwas Wasser spendete, und der Klitzekleine schnarrte, höre ich da etwa ein Ressentiment, und das von Ihnen, Gnädigste?

Mittwoch, 5. August 2009

784.

Als der erzaehlende Kranich und der kleine Brachvogel am Fenster der Kreativabteilung der EinSatzLeitung ankamen, oeffnete ihnen zunaechst niemand, denn die Kreativleitung war im Buero der Chefin zu einer Unterredung betreffend eine Beschwerde des Sicherheitsbeauftragten (er komme sich vor als komme man ihm wie einem jener Pawlowschen Hunde, waehrend er doch auch in seinen Recherche-Auftraegen noch ein relativ autonom funktionierendes Hirn zu haben beanspruchen duerfe), Dame Oe befand sich in einer Sommerfrische und das Mo musste durch energisches Fensterklopfen mit denen Schnaebeln an vor Duerftigkeit fast broeselnden und sehr empfindlich klirrenden Scheiben erst aus einem schwitzenden und schnaufenden Tiefstschlafe geweckt werden, war aber, als es schliesslich erwachte, nicht imstande, das Fenster ohne fremde Hilfe zu oeffnen - so verstaendigten sich Mo und die beiden Weitgereisten eben mit Gesten und Grimassen von Fensterbank zu Fensterbank.

Dienstag, 4. August 2009

783.

Wie war Ihre Reise, alles klar mit der Schleuder, fragte der Kwaliteitswart jovial, und Karomuetze antwortete genervt, ja, alles klar so weit, nur dass ihr Hollaender jetzt nicht nur fette Tulpen zuechtet, sondern auch noch weissliche Rinder mit widernqtuerlich fetten Keulen,dafuer ohne Hoerner, das finde ich wirklich abartig - und nun hatte der Kwaliteitswart etwas Muehe, sich zu beherrschen, waehrend die allgemeinste Verteidigung sich nicht viel Muehe gab, ihr Lachen zu bremsen, sondern zwischen den Prustanfaellen troestend sagte, es ist ja nicht so, dass unser gemeinsamer Freund wirklich fuer jeden landwirtschaftlichen Unsinn verantwortlich waere, den die Leute sich hier so ausdenken, und effizient wird die Verunstaltung des Rindes ja sicher sein.

Montag, 3. August 2009

782.

Karomuetze parkte seinen Alfa laessig in der Naehe des kojniklichen oder so Theaters, Adresse Amstel, stieg aus, streckte sich ein wenig, rueckte seine Muetze auf seinem Kopfe zurecht und schaute sich um: viele Hausboote, teils mit ganzen Bataillonen von Blumentoepfen vorn am Bug, aber das schoene schlichte dunkelgraue des Kwaliteitswarts wollte sich lange nicht zeigen, schliesslich fand er es irgendwo an der Herengracht, und wie erstaunt war er, als er dortselbst zuallererst die allgemeinste Verteidigung sitzen sah, neben einem Oleanderbusch, na so was, dachte er, aber er tat mal so, als wunderte er sich gar nicht, nur hatte der Kwaliteitswart frueher immer sehr ueber dieses Gaertnern am Boot gelaestert, was solls, dachte er, wie gehts denn so, fragte er, und die allgemeinste Verteidigung vergewisserte sich mit einem Blick in den Kinderwagen, dass ihr Kleines noch schlief, laechelte sanft, bevor sie sich dem Gast zuwandte und, sich massvoll ueberrascht gebend, sagte, so ganz magst du auf deine Hollandreisen auch nicht verzichten, oder?

Samstag, 1. August 2009

781.

Was würden Sie einem Ahmadinedjahd sagen, wenn Sie ihn heute träfen, fragte der herbeigelaufene Journalist die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, und die Minderheitlerin antwortete, dasselbe wie diversen alten Knackern und ihren Bürschlein hier, dasselbe, was ich allen sage, deren Hirne von schlechten Theorien zerknetet sind, mit denen sie ihre Machenschaften und Ermächtigungen rechtfertigen, als hätte es nie Menschenrechte und Demokratien gegeben, als wären Inquisition und Menschenraub immer noch das einzige, was man etwa freien Frauen entgegenhalten könne (heißt das heute dann nicht "Bindungstheorie" oder wie war das nochmal?), also, was würden Sie ihm sagen, fragte der Journalist von DRV ungeduldig, und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse sagte: WER GEFANGENE MACHT, IST NICHT GANZ DICHT, das würde ich ihm sagen, und daß da nicht die Rede von Kriminellen ist, das würde Ahmadinejahd genauso verstehen wie alle anderen Idioten, und er würde es wohl genauso wenig verstehen wollen wie alle anderen Idioten hier, aber sagen Sie, Sie kommen doch viel herum, wissen Sie ein Land, in dem man leben kann?

780.

Im Garten des ehemaligen Chefs saßen dessen Gattin und die Dame Ö gemeinsam in der Hollywood-Schaukel und erwogen die Frage, ob es wohl möglich sei, die Chefin für eine Erneuerung ihrer Sympathien mit jener fraglichen, im Grunde aber doch sympathischen Parteiung zu gewinnen, welche neuerdings noch einmal eine überraschende Volte vollzogen habe, während Mr. Precuneus und Karomütze mit dem ehemaligen Chef sehr langsam die Gartenwege abschritten, vertieft in ein Gespräch, in welchem im wesentlichen Mr. Precuneus die Frage nach den Gründen für seine sprichwörtliche Treffsicherheit in der Aufdeckung nicht nur der übelwollenden, sondern auch der wohlwollenden Intrigen beantwortete, und sowohl Karomütze als auch sein alter Ausbilder staunte nicht schlecht, als Precuneus mit breitestem Lachen, die Ärmel seines knallroten Hemdes immer wieder auf und abrollend, erklärte, es sei eigentlich ganz einfach, denn im Grunde jucke es wirklich jeden, der "etwas im Schilde führe," insbesondere den Gegenstand seiner Machenschaft auf irgendeine Weise fühlen und wissen zu lassen, was sein wahres Motiv sei, welches er so kunstreich zu verschleiern suche, das liegt, sagte Precuneus, sozusagen in der Natur des Verschleierns selbst, und lediglich in Fällen besonders starker Liebe (zu einem Menschen oder einer Sache, fügte er, sein breites Lachen durch Mundfältchen ein wenig einklammernd, hinzu) kann es vorkommen, daß jemand wirklich eisern gar nichts zu erkennen gibt, keinen Boten, keinen Nachfragern, niemandem, außer - natürlich - dem Adressaten der Liebe selbst, dieses sei aber tatsächlich sehr viel seltener als man denken wolle, denn bei allen anderen - das darf ich Ihnen garantieren, sagte er - schleicht sich hier und da mindestens diese kleine Eitelkeit ein, mit der wir just von denen, die hinters Licht zu führen wir uns wissentlich so sehr viel Mühe geben, dafür bewundert werden wollen, wie raffiniert wir es anstellen, und der ehemalige Chef beeilte sich, frappiert, zu bemerken, daß diese jedem Geheimdienstler von lange her bekannte Regel nun nicht das sei, was über Mr. Precuneus' sensationelle Aufdeckungsquote wirklich neuen Aufschluß geben könne.

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