Montag, 14. April 2008

306.

Im Garten um das chefliche Haus stand die Gattin des Chefs, die (wegen der unverantwortlichen Namenspolitik der Kreativleitung, welche jetzt sofort von irgendeiner erhabenen Warte aus einmal ausdrücklich gerügt sei) es einfach nicht zu einem eigenen Namen brachte, und beschnitt und bezupfte vorsichtig und sorgfältig ihre Rosen; ihr Gatte hatte nach jener nächtlichen Attacke einen ganz beschaulichen und gewöhnlichen Sonntag mit ihr verbracht, alle seine Errungenschaften gezählt, seine Wohltaten bedacht und ganz im Rahmen seiner üblichen Gepflogenheiten beklagt, wie wenig Ehre ihm für alles dieses insgesamt zuteil werde, wie wenig man auf ihn höre, und nur wenn sie in irgendeiner Weise (sie, die stets kontrollierte, hatte sich hier am allerwenigsten im Griff) eine gesteigerte Besorgnis um sein Wohlergehen durchblicken ließ, hatte er darauf mit besonderer, empörungsbereiter Empfindlichkeit reagiert, so daß sie schließlich vor der Last dieser Atmosphäre in den Garten zu ihren Rosen geflohen war, Kempowski memorierend, indem sie "nicht totzukriegen" vor sich hinmurmelte, aber als sie ein paar vorwitzige Blattläuse auf ihrem Lieblingsrosenstock (Gloria Dei, blüht und duftet entschieden am schönsten) erblickt und knapp entschlossen zerdrückt hatte, schämte sie sich sogleich der verwerflichen Nebengeräusche dieses Satzes ("man" könnte ja meinen, sie wolle ihn totkriegen, wenn sie so rezitierte, und da sei doch, ja wer eigentlich, vor), nieste leise und schaute bei der Gelegenheit an sich herunter, nur um ihre eigenen Füße in Gummistiefeln zu erblicken und sich zu erinnern, wie sie als Kind noch die Kraft gehabt hatte, zornig auszustampfen, wenn jemand nun wirklich keine Zeit mehr hatte, mit ihr lustige Geschichten zu drehen oder auf die Äcker zu den Pferden zu laufen - da mußte sie lachen und sie sah ihren Wunsch, den Gatten (trotz seiner heutigen Pestigkeit) noch ein paar Jahre für sich zu haben, mit ihm gemeinsam Meere zu erbaden, Museen zu ermusen, Cafes zu bewohnen und Berge zu erklimmen, noch einmal anders an und sagte sich schließlich, ach was, lassen wir die Sache mit dem Abdanken sich entwickeln, lassen wir ihn noch ein wenig herumcheffen, er ist ja nun mal danach, und wenn er umfällt, wird ers vielleicht just so gewollt haben...

8 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Der Priester wird Mensch und nimmt ein Weib und zeugt Kinder, wie Gott es verlangt. Dagegen Gott selbst wird wieder ein himmlischer Hagestolz ohne Familie; die Legitimität seines Sohnes wird bestritten; die Heiligen werden abgedankt; den Engeln werden die Flügel beschnitten; die Mutter Gottes verliert alle ihre Ansprüche an die himmlische Krone, und es wird ihr untersagt, Wunder zu tun."

Anonym hat gesagt…

Aber hier sieht es doch aus, als wohnte Gott, dessen Sohn ausgezogen ist, jetzt als Nachfolger seines eigenen Sohnes mit seiner Mutter in Rudow!

Anonym hat gesagt…

Ich höre immer Gott, spinnt ihr?

Anonym hat gesagt…

Es war der Forschungsminister, der hat Heine aufgerufen und diese Verbindungen hergestellt, der Forschungsminister wars, jawohl.

Anonym hat gesagt…

Das rettet uns jetzt auch nicht mehr, sofort streichen!

Anonym hat gesagt…

"Die Freiheit wird überall sprechen können, und ihre Sprache wird biblisch sein."

Anonym hat gesagt…

Das sagt er, bittschön, zum Lobe Luthers, und darum habe ich ihn nicht "aufgerufen," sondern einfach zitiert, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, FfM 1966, S. 91 und 98.

Anonym hat gesagt…

Uns gefällt es, dass der Chef und seine unbenannte Gattin Meere erbaden und Museen ermusen, wenn der Chef sein Herumcheffen einmal unterbricht. Wir bedanken uns für das schöne und anrührende Ehebild.

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