Freitag, 11. Januar 2008

(2)11.B

Seltsame Besucher, seltsame Ereignisse gleich zu Jahresbeginn in der EinSatzLeitung. Als die Kreativleitung von den nächtlichen Szenen im cheflichen Haushalt gehört und die Einträge der diversen Besucher gelesen hatte, legte sie sich erst einmal auf den Teppich in ihrem Arbeitszimmer, die Füße - wie stets in solchen Lagen - auf der Sitzfläche des Drehstuhls, um in Ruhe nachzudenken. Neben ihr hockte Mo auf dem Fell, hatte sich fest in den karierten Schal eingewickelt und wieder ihr früheres eher schrumpeliges Gesicht angenommen, aus dem heraus sie aber lächelte. Fass dich erstmal, wisperte sie der Kreativleitung zu, dann erzähle ich dir etwas.
Und nach einer Weile, als die Kreativleitung wieder ihre normale Gesichtsfarbe zurückgewonnen hatte, ein nicht kleidsames, aber freundliches winterliches Blaßviolett, fing Mo im ihr eigenen Singsang zu erzählen an:
Eine sehr einfache Dame, die in einer großen Stadt lebte, traf einmal einen gar nicht einfachen Herren, der wie aus einer anderen Welt für einen winzigen Augenblick in ihr Leben geschneit war. Er hatte ein Gesicht wie eine Schneeflocke, die nicht schmolz. Das fand die Dame erstaunlich, sie hatte so etwas noch nie gesehen, und sie schaute sehr gern in dieses Gesicht. Der Herr war ohne Zweifel sehr erfahren - und ebenso zweifellos nicht auf etwas aus, das sich einer Serie von Erfahrungen hätte eingliedern lassen. Darum konnte sie eine Weile ihm gegenüber sitzen bleiben und sich an dem Schneeflockengesicht freuen. Die Schneeflocke erzählte, dieses und jenes, erst war es harmlose Konversation nach allen Regeln dieser Kunst. Die Dame verstand von der Konversationskunst im Grunde nichts, sie hatte ja selten mit Menschen zu tun, die dergleichen pflegten, war selbst eher von ruppigem Tiefsinn. Aber es erschien ihr alles ganz gekonnt, geradezu perfekt nach einer Ordnung, auch wenn ihr diese Ordnung selbst nicht bekannt war. Sie bemühte sich, richtig zu antworten. Der Herr mit dem Schneeflockengesicht schien in seiner großen Aufmerksamkeit zu bemerken, daß die Sache für die Dame anstrengend war, wegen der unbekannten Ordnung, und so verlegte er sich zu ihrer Entlastung, wie sie unterstellte, immer mehr aufs Erzählen. Was er erzählte, war vielfältig und vielseitig wie nur irgendetwas sein konnte. Und wegen einer Geschichte erzähle ich es dir jetzt weiter: Es war einmal ein Mann, der lebte in einem Land, in dem alle Zeitungen und Zeitschriften denselben Stil schrieben. Ihn langweilte das. Also gründete er von einem kleinen Vermögen, das er geerbt hatte, eine kleine Zeitschrift. In dieser Zeitschrift schrieb er in einer Weise, die bis dahin als "anathema" gegolten hatte, über Dinge, die man bis dahin eher lautstark beschwiegen hatte. Man schüchterte ihn ein, man bedrohte ihn, man schmähte und verleumdete ihn, aber alles half nichts, der Mann schaffte es irgendwie, seine kleine Zeitschrift beharrlich durch die Widrigkeiten zu steuern, den Verleumdungen standzuhalten und sich und sein Anliegen bekannt und bekannter zu machen. Bis man schließlich die richtige Methode fand, um ihn auszuhebeln: Man machte ihn nach. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften machten sich seinen Stil zu eigen, übernahmen seine Themen und "korrigierten" sie nur um dieses winzige Bißchen, das den Unterschied zwischen seiner anstößigen und der glattgebügelten Schreibe der anderen ausmachte. Damit hatte man ihn. Er ging pleite, sagte der Erzähler, und lächelte abgründig.
Unsere Dame wußte nicht, was sie auf diese Geschichte erwidern sollte. Sie war einfach zu schrecklich.
So tat sie das einzige, was ihr übrig blieb. Sie lächelte freundlich in das freundliche Gesicht, das aussah wie eine Schneeflocke, die nicht schmolz.
Mo beendete ihre Erzählung mit erwartungsvollem Schweigen. Ihr Gesicht war darüber wieder glatt geworden. Es verlangte sie nach einem Apfel und etwas Honig. Aber die Kreativleitung schwieg betreten und rührte sich nicht.

11 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hätte das Gesicht denn schmelzen sollen? Dann wäre es ja nicht mehr da gewesen.

Anonym hat gesagt…

Wolltest du nicht etwas freundliches erzählen, Mo?

Anonym hat gesagt…

War das nicht freundlich?

Anonym hat gesagt…

Mo immer mit ihrem Schnee! Fällt euch nichts besseres ein in der K-Abteilung?

Anonym hat gesagt…

Ich wüßte noch gern, wie die Dame in der Erzählung dann wieder nachhause ging.

Anonym hat gesagt…

In unserer Abteilung hat man eher ein Problem mit der Idee einer geheimen Konversationsordnung, wie will man das bitte verteidigen.

Anonym hat gesagt…

Die B-Ebene dürfte diesmal nicht das Problem sein, die A-Ebene und die Kommentare Ihrer verehrten Gattin zu 2(10) hingegen sehr, die Leitung Öffentlichkeit wird hiermit in aller Form beauftragt, daran bis zur nächsten Sitzung zu arbeiten.

Anonym hat gesagt…

Man, müssen die geschockt sein, haben sie wirklich bisher nichts gemerkt?

Anonym hat gesagt…

Na was glauben Sie wohl?

Anonym hat gesagt…

Vielleicht ist es wie mit dem Esel, dem der Besitzer auflädt und auflädt, und der Esel dreht seinen Kopf nach hinten und fragt sich, wie lange der Besitzer diese anstrengende Arbeit wohl noch wird leisten können, denn er zuckt nebenher mit seinem Fell, und immer fällt wieder ein bißchen herunter, aber der Besitzer merkt es nicht, so beschäftigt ist er damit, immer draufzupacken und sich zu fragen, wann der verdammte Esel endlich zusammenbricht.

Anonym hat gesagt…

Natürlich wartet der Esel auf den Augenblick, in dem der Besitzer alles nochmal aufmachen muß, um es etwas fester zu verschnüren, bis zu diesem Augenblick hat er nur ein bißchen seine Sprungmuskeln geübt und wieder gelockert, dann - springt er weg.

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