Sonntag, 4. Januar 2009

570.

Im Grunde, sagte der ehemalige Chef zu seine Gattin, als sie nach dem sonntäglichen Mittagsmahle und der ihn doch beunruhigenden Lektüre seiner Zeitungen behaglich auf ihren Garten hinausblickten in den langsam und dünn fallenden Schnee, der sich zwischen den Grashalmen sammelte, im Grunde finde ich sie sympathisch, die Tschechen, sollen sie sich doch ein wenig streiten mit ihrem Präsidenten, sie werkeln tapfer an ihrem Ratsvorsitz und ihren EU-relevanten Einsätzen herum, sie wirken so unverbraucht auf dem uns allzu vertrauten Parkett und haben diesen speziellen osteuropäischen Humor und Charme, ich wüßte gar nicht zu sagen, warum ich den so erfrischend finde, und die Gattin antwortete mit hintergründigem Lächeln, vielleicht ist es einfach, daß sie das Leben im Schatten einer zum Finstern neigenden Autorität gut und lange kennen, und ebenso gut und lange die Sehnsucht nach westlichen Freiheiten festzuhalten gelernt haben, etwas lacht doch in denen darüber, daß sie nun zu ihrer eigenen Überraschung wirklich tanzen dürfen, und sie scheinen sich auf hinreißende Weise aller merkwürdigen Dinge, die noch an ihnen kleben, gar nicht zu schämen, wie kämen sie auch dazu, haben sie doch schon ganz lange ganz viel gelesen und geschrieben und alle, was am Westen gut ist, so sehr geliebt, vielleicht wissen sie sogar, daß jede der westlichen Idiotien und Selbstgefälligkeiten und Verlogenheiten, die sie in ihren Wäldern und altmodischen Industrieanlagen ebenso verschlafen haben wie irgendeinen rechthaberischen kleinspießig "werteorientierten" Dumpfprahlsinn, sie eher schöner machen, und der ehemalige Chef fand, dies habe seine Gattin wieder einmal sehr klug beobachtet, fühlte sich aber (etwas an ihrem Lächeln bei der Kombination der Wörter "Schatten" - "Finster" - "Autorität" störte ihn empfindlich im Hintergrund seines Ohres) doch bemüßigt zu bemerken, daß "wir" es auch nicht so schlecht gemacht haben, und daß nicht einmal Supersarko es geschafft habe, im Nahen Osten abschließend noch einen großen Erfolg einzufahren, das sei schließlich nicht dessen Schuld, sicher, antwortete seine Gattin, seine Schuld ist es nicht, ich tu mich da sowieso ein bißchen schwer mit Schuld, aber ich teile deine hoffnungsvolle Freude am Anblick der Neuen aus Prag durchaus.

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sie haben ihre eigenen Probleme, die Tschechen, vgl. http://www.perlentaucher.de/artikel/5112.html

Anonym hat gesagt…

Der beschreibt das sehr gut, löst aber die Frage von Fiktion und Dokumentarismus nicht wirklich.

Anonym hat gesagt…

Na, das macht doch - für uns Unbetroffene - gerade den Charme aus.

Anonym hat gesagt…

Er würdigt uns.

Anonym hat gesagt…

Schnarch.

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