Sonntag, 31. Oktober 2010

1231. B

Die Chefin seufzte verzweifelt, als sie in den Händen den folgenden Brief von der Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse hielt, dessen Inhalt wir hier anheimstellen:

"Liebe Chefin,

manchmal sind die Gleichzeitigkeiten doch verblüffend. Just als Ihre Mail hier ankam, schrieb ich von der Kirche aus meine sms an Sie, wissend, dass ich soeben alle Regeln der Höflichkeit und Gastfreundschaft missachtete. Ich schrieb Ihnen: in meiner Tradition würde man zu dem Bekenntnis, das ich da hören musste, sagen: lies nicht: Gemeinschaft der Heiigen: lies: Gemeinschaft der selbstgerechten Gewalttäter und Lügner.

Da betete einer:

'Mache uns bereit für den Schmerz, ohne den es keine Versöhnung gibt' - man möchte eine alte Katze sein und das Junge am Nackenfell packen, um es… Aber das wäre, anders als man es über diese Leute leider sagen muss, eben nicht meine Haltung, und ich versichere Ihnen, ich wollte mich nicht über sie erheben, ich wollte es wirklich nicht. Aber wenn sie Ihnen ihre sanfte Prügel verabreichen, wehren Sie sich nicht?

Ich werde durch Ihren elektronischen Brief neugierig auf das Buch der amerikanischen Kollegin - vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, ich fand sie eigentlich immer ziemlich interessant, wenn ich mit ihr sprach. Natürlich machen Ämter selbst solche Frauen müde, aber das ist die Natur der Ämter, und sie wenigstens wird sich doch ihren Oberlippenbart nicht trimmen, sondern mit Hilfe von etwas Kaltwachs regelmäßig entfernen, andere haben da etwas Nachholbedarf.

Ich komme noch einmal auf den Gottesdienst zurück, welchen ich besucht habe, weil Heine das Lied 'Ein feste Burg' so schön zitiert und etwas daran findet. Der Pfarrer gab sich alle Mühe, und vieles war auch nicht schlecht dahin geluthert, er wusste, dass wir vieles nicht in der Hand haben, das ist schon mehr, als man erwarten darf. Aber dann, aber dann, ohne Fertigmachen des natürlichen Menschen kommen sie nicht klar, sie schaffen es einfach nicht. Was kann man da machen? Anstatt aus ihren Einsichten milde Freundlichkeit und wirkliche Achtung vor den Menschen zu lernen, müssen sie ihre Tadelsucht ausbreiten und ihre Wut in Seife packen, als würde man sie darin nicht mehr erkennen.

Es ist tief traurig, ihnen irgendwie verbunden zu sein, und obwohl ich gern und inbrünstig mit meinen christlichen Freunden, wenn es sie danach verlangt, das Vater Unser spreche: in diesem Schmockladen konnte ich nicht mitsprechen, zu widerlich all diese zurechtgestutzten Menschen, die den Prügel ihrer abgelegten Eitelkeiten allem, was gut und schön ist, überprügeln müssen, weil die freieren Menschen angeblich Gott sein wollen. Natürlich spielt niemand frecher Gott als diese Leute, die ihn gegen andere ins Feld führen zu dürfen und sogar zu müssen glauben, der ganze Antisemitismus Luthers 'zuversichtlich übergetragen' auf neuere Verhältnisse.

Man kann gar nicht so viel duschen und meditieren wie man müsste, um sich davon wieder zu reinigen, und zugleich ist es so unsagbar traurig, sich wirklich offenbar kämpferisch gegen diese Leute behaupten zu müssen, wenn man nicht von ihnen vernichtet werden will. Verwertet. Sie würden mir ja, wenn ich schön bitte bitte sage, einen angemessenen Platz geben, möchten sie jedenfalls denken, und ich danke, hoffärtig wie ich immer noch bin, da weiß ich doch, womit ich von dieser Front zu rechnen habe, sie werden ja weiter Gott spielen. 'Ja, mancher muss tief hinab, bis er …' ich denke, sie haben sich wieder einmal ihr eigenes Urteil als Kirche gesprochen, und 'darumb' bin ich ganz fröhlich und guter Dinge, denn man braucht sie nur sich selbst zu überlassen. Wirklich? Ich bin wieder einmal nicht sicher. Allzu lange hat doch die Selbstgerechtigkeit der Gemeinschaftsbeter die Übermacht - und man hat keinen Grund, ihnen in irgendeiner Form zu trauen, wahrhaftig nicht.

Hinsichtlich der sozialen Sicherungssysteme, die nicht genügend bedankt werden, hat die von Ihnen im übrigen ja hart kritisierte Kollegin sicher recht. Man soll sie erhalten, und man soll wissen: sie sind dem Volk geschenkt worden, weil es ohne sie brandgefährlich würde, dieses Volk hier, und leider immer für die Falschen gefährlich, und für die Falschen ein Geschenk, es ist wunderbar, dass der Sozialstaat das noch ein bisschen ausgleicht, und nicht auszudenken, was hier passiert, wenn er darin wirklich weiter nachlässt. Wir werden das erste europäische Land mit Voll-'Scharia' sein, auch wenn es jetzt noch nicht zu sehen ist. So fürchte ich jedenfalls. Oder mit irgendeinem anderen Aufruhr, man braucht doch nicht zu glauben, dass es nach so langen Friedensjahren hier so weiter geht: so zielstrebig, wie sie jetzt schon wieder die Friedfertigen fertig machen und die Kriegerischen begünstigen, sollte jedem denkenden Menschen klar sein, was passiert, wenn die Befriedungsmechanismen hier nicht mehr funktionieren - ich kenne ausreichend Idioten, die sich darauf schon freuen. 'Endlich wieder was los.' Ich möchte lieber nicht…

So, Sie wissen, ich halte mich üblicherweise zurück, aber dieses hier ging so gar nicht - seien Sie mir bitte nicht böse, dass ich es einmal ausgesprochen habe.

'Lassen Sie sich führen und treffen Sie, wo es geht, die richtigen Entscheidungen. Also wie Sie Ihre Rollen ausfüllen usw.' Von keiner Erfahrung getrübt werden noch die richtigsten Unterscheidungen falsch.

Bitte nehmen Sie Ihre Führungsaufgaben verantwortlich wahr und unterbinden Sie die selbstgerechten Gewalttaten solcher Leute, sofern sie dazu aufrufen oder die anderer verschleiern, wobei ich mit Gewalttaten eben auch Varianten sozialer Gewalt meine, die 'niedrigschwellig' verübt werden kann. Wie andere auch verlasse ich mich weiter auf Ihre Unkorruptheit und Ihre Weisheit und bin mit freundlichen Grüßen

Ihre Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse."

Was soll man dazu sagen, dachte die Chefin, und merkte, dass sie doch etwas müde wurde.

Samstag, 30. Oktober 2010

1230.

Es war ein herrliches Konzert, seufzte Dame Ö begeistert, und ihre Freundin, die Gattin des ehemaligen Chefs, nickte, ebenfalls entzückt - sodann entfernten sie sich Schritt für Schritt vom Konzertsaal und Satz für Satz vom Gehörten, indem sie den abflauenden Überschwang durch maßvolle Kritik und ein in ihr nur umso deutlicher hervortretendes Lob ersetzten.

Freitag, 29. Oktober 2010

1229.

Mo balancierte auf den Ohren des großen Sessels, welchen die Kreativleitung in ihrer Häuslichkeit noch hatte, mit einer honigtropfenden Apfelscheibe herum und folgte mit ihren Lemurenaugen einem ziemlich matt wirkenden Marienkäfer, der sich betont langsam von einem Blumentopf zum anderen bewegte.

Donnerstag, 28. Oktober 2010

1228.

Der Streit zwischen den beiden Minderheitlern darf hier ruhig dokumentiert werden, ja, er sollte es sogar, sagte der Demokratiebeauftragte in seinem leicht näselnden Tonfall, in dem immer ein Dozierendes war, weches anzeigte, dass es sich um eine wichtige Frage handele, und da fasste er auch schon zusammen: der Minderheitler mit den grünen Borsten hatte sich, hochangeregt durch eine Abendveranstaltung zum allfälligen Kampf der Kulturen, erstaunt über die Tabuisierung der Polygamie in unseren Breiten geäußert, erst neulich habe er wieder gehört, dass sich sogar Leute über ihre Einführung durch Migranten aufregen könnten, und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse und den ewig rotgeränderte Augen hatte ihm recht lange zugehört, um schließlich einzuwerfen, sie sei eigentlich nicht missgünstig gestimmt, aber man möge doch bedenken, dass diese selbe so sehr tolerante und tolerable Polygamie nur für eine Hälfte der betroffenen Menschen gelte und mehr sei als Monogamie, für die andere Hälfte hingegen bleibe weniger als Monogamie, und das in Verbindung mit schärfsten Restriktionen an denselben Fakultäten, denen durch die Polygamie für die männliche Hälfte der Welt gewisse Entlastungen gewährt würden, es leuchte ihr einfach nicht ein, wie man das übersehen könne, und als er in der Miene der Chefin keine wesentlichen Reaktionen sah, gab der Demokratiebeauftragte zu, er könne sich dieser Ansicht durchaus anschließen, während der Minderheitler mit den grünen Borsten kühn behauptete, es handele sich um eine familiäre Angelegenheit der Betroffenen, die müssten es wollen, dann werde es auch, die Welt sei nun einmal wie sie sei, da müsse man das Beste draus machen.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

1227.

Der erzählende Kranich in seinem Winterquartier sah plötzlich gelbe Ginko-Blätter an den Fensterscheiben vorbei segeln, und er sagte nervös, das kann doch nicht sein, ich wüsste doch, wenn draußen Ginkos stünden, aber sein aufgeregtes Flattern alarmierte nur die Dame Ö, und auch nur wegen der Federn.

Dienstag, 26. Oktober 2010

1226.

Warum bist du soo dunkelgrün, fragte Mo entsetzt, und die Kreativleitung, die nach dem Besuch bei ihrer Freundin erschöpft auf den Teppich fiel, sagte, der Armen ist etwas Schreckliches passiert, und ich konnte sie nicht trösten, denn das kann man dann nicht, warum durfte ich nicht mit, fragte Mo, ich weiß, wie diese Sachen sind, weil du mit geheult hättest, sagte die Kreativleitung, und das wäre bei dieser Freundin zwar nicht verboten, aber es hätte sie nur zusätzlich belastet, hat Precuneus angerufen, wieso sollte er, fragte Mo, denn sie war noch sauer, schon gut, sagte die Kreativleitung, soll ich, wenn er dann morgen anruft, trotzdem nett sein, fragte die Kreativleitung, und Mo sagte, ich würds von seinem Gesichtsausdruck abhängig machen, und natürlich von meinem Gefühl, danke für deine hilfreichen Auskünfte, Kleines, sagte die Kreativleitung, und drehte sich mürrisch um.

Montag, 25. Oktober 2010

1225.

Am anderen Tage hatte der Kwaliteitswart diesen zynischen und menschenverachtenden Song des Zeichners von Didi und Stulle gefunden und überreichte ihn Karomütze mit Komplimenten, und er sagte: bring ihn mir bloß nicht wieder zurück, die allgemeinste Verteidigung wird es womöglich zerstören, die findet es irgendwie nicht gut.

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