Donnerstag, 15. Oktober 2009

855.

Seltsam geräuschlos flatterten ein paar Krähen über das Reichstagsgebäude hinweg, dessen Sandsteinfassade in der untergehenden Sonne eines ungewöhnlich kalten Oktoberabends in mattintensivem Rotorange leuchtete, als Mo aus ihrem Bündel der heimwärts spazierenden Kreativleitung endlich einmal wieder einen knitterigen Zettel für die B-Ebene zusteckte.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

854.

Die Chefin, die in diesen Tagen viele EinSatzKräfte zum Zwecke der freundlichen Vermahnung einzubestellen hatte, geriet allmählich in etwas wie eine Laune, denn es wurde doch gar zu schlimm, und nach dem neunten Einzelgespräch bat sie den Oberassistenten zum Diktat, während sie noch am Telefon mit der Kreativleitung Themen erwog, zuerst schlug sie vor, er möge nunmehr eine Adresse an die Innung der Obst- und Gemüsehändler aller Farben schreiben, die sollten doch mal gegen die notorische Unterbewertung ihrer Tätigkeit protestieren, schließlich müsse jeder durchgeknallte Banker seinen askesegstählten Körper, aus dessen erhabener Augenhöhe er auf kleine Mädchen mit und ohne Kopftücher herabblicke, mit just ihren Produkten wenigstens marginal ernähren, und man habe Zweifel, ob die drei Tomaten, die er möglicherweise in seiner übermenschentypisch knapp bemessenen Freizeit auf seinem Balkon züchten könne, dazu ausreichen würden, aber dann sagte sie, ach, lassen wir das, irgendwie ist das auch nicht richtig, dieses ganze Theater um so eine Sache, vielleicht schreiben Sie lieber etwas darüber, wie verknallt die Leute hier in ihre Technik sind, anscheinend hat Mo das ja dem guten Mr. Precuneus zugekichert, wie verknallt sie in ihre Technik sind, daß sie sie einerseits universal verbreiten, andererseits aber trotzdem ganz für sich alleine haben wollen, das ist doch interessant, ja, sagte sie, sich allmählich wieder begeisternd, machen Sie das, die Liebe zur Bombe, die uns noch mit dem finstersten Bombenbastler eigentümlich verbindet, solange wir vor allem darauf starren, und dann sagte sie erschöpft, das geht doch auch nicht, also lassen wir es beim Lob des Obst- und Gemüsehandels, aber bitte nur des legalen, desjenigen, der nicht betrieben wird mit ergaunerten Produkten wie der Mohnhandel, sondern des ehrlichen ernsthaften Handels mit ehrlich und ernsthaft angebautem und von den Bauern für einen guten Preis erworbenem Obst und Gemüse, und danken wir dem Banker und seinen Tomaten, daß er uns einen Grund und Anlaß gegeben hat, dieses Marktsegment mit anderen, so aufmerksam strengen (denn es wird viel Obst und Gemüse geschmuggelt, und dagegen muß wirklich etwas gemacht werden) wie dankbaren Augen zu betrachten, wie wäre das.

Dienstag, 13. Oktober 2009

853.

Er hatte sich wohl ein wenig zu lange in der Kreativabteilung aufgehalten, der Mr. Precuneus, denn in der übrigen EinSatzLeitung hatte sich plötzlich etwas von jener allgemeinen Stimmung gegen die Kreativleitung, welche am Anfang geherrscht hatte (diese zimperliche Ziege, die Stunden mit nutzlosem Zeug verbringe und keinen stramm phallischen Satz herausbringe usw.), allmählich und unter der Protektion sowohl des ehemaligen Chefs als auch der neuen Chefin aber einer gelegentlich sogar freundlichen Duldung gewichen war, erneut zusammengeballt, um sich nun dem Praktikanten entgegenzuwerfen, welcher ja ein wenig prekärer da zu stehen schien (und diese Dinge laufen nun einmal nach unveränderlich archaischen Mustern ab, je prekärer, desto bäng) und sich nun wunderte, als Karomütze ihm entgegenspitzte mit der Frage, na, was haben Sie denn so Amüsantes mit diesem lächerlichen, honigverschleckerten Mo zu besprechen gehabt, daß Sie so kichern mußten die ganze Zeit, wie, Mr. Precuneus aber, von etwas breiterer Gemütsart, buffte den jungen Mann jovial an die Schulter und sagte, ich glaube, ich verstehe jetzt sehr viel besser, was ihr hier für Schwierigkeiten habt im Land, man muß eben doch nicht die Feisten fragen, die fast so klamm und breit nisten wie die Pestvögel und irgendeine Wonne daran haben, Brüller herzig und Ressentiment goldig zu finden, sondern vielleicht eher mal die, die sich zwar kaum halten können, aber aus ihren etwas riskanter exponierten Abseiten alles sehr genau beobachten, und, ohne weiteres zu erläutern, ging er sodann direkt ins "Bistro" und meinte, als Karomütze ihm etwas verblüfft und natürlich auch empört und überhaupt nicht richtig aufgeklärt , aber schon einmal den Diskurswart und den Buchhalter in seine Nähe zu rücken trachtend, hinterher trottete, ja, die ehrenwerte Dame Mo scheint ein bißchen mehr zu tun als zu schlafen und zu zittern und Äpfel in Honig zu stippen, und ich denke, daß Sie immer so gar sehr auf Sicherheit achten, ist ja sehr schön, aber überdenken Sie auch gelegentlich die Konzepte Ihrer hochfortschrittlichen Trichterbefragungen und hyperinnovativen Bräsigkeiten?

Montag, 12. Oktober 2009

852.

Mach doch mal das Radio aus, murrte der Demokratiebeauftragte, der ein wenig mitgenommen aus dem Wochenende zurückgekehrt war, als der Diskurswart nicht ohne den Ausdruck eines gewissen Entzückens die Kommentare einer amerikanischen Sicherheitsdame zum Afghanistan-Einsatz der Amerikaner mitschreiben zu wollen schien, soo toll und neu ist das nun auch wieder nicht, was sie zu sagen hat, ich meine, Taliban ist nicht gleich Taliban, und manche machen es auch nur gegen Geld, das Talibanen, also wirklich, der Diskurswart aber sagte, mach dich nur lustig, man muß über jeden Fortschritt in der Differenzierung froh sein, und wenn sie damit die Lage entschärfen können, die Lage entschärfen, die Lage entschärfen, grantelte der Demokratiebeauftragte, wie wäre es, wenn sie dazu erstmal feststellten, daß ihnen die zivilen Toten der Leute dort auch leid tun, und der Diskurswart staunte, aber als die Chefin hereinkam, unterbrach er sich lieber, denn die mochte das nicht, daß diese ernsten Sachen zu Gegenständen in einer - ja, in was denn, grummelte der Demokratiebeauftragte unbeeindruckt weiter, ist es etwa nicht wahr, daß wir hier alle sitzen und Radio hören, und der Diskurswart sagte, ich geh ja schon, während die Chefin sich dem Demokratiebeauftragten vorschlug, doch einmal mit in ihr Büro zu kommen.

Sonntag, 11. Oktober 2009

851.

Als die Chefin sich nach dieser Sitzung auf den Heimweg machte, verfiel sie bei schlechtestem Wetter wie von selbst in ihren Falkengang, durch den sie, wenn nötig, die Menschen, welche ihr entgegenkamen, regelrecht zu durchpflügen schien, sie unterbrach sich in dieser kleinen sportlichen Zwischenübung noch für diese oder jene kleine Besorgung (der Kühlschrank war leer, das Kind mußte bekocht werden und für einen geplanten Besuch bei Freunden brauchte sie etwas zum Mitbringen) und wurde unter dem Gewicht der Besorgtheiten allmählich langsamer, bis sie schließlich an einer durch Bauarbeiten verursachten Verengung des Gehweges stehen blieb, um Entgegenkommende vorbeizulassen, bescheiden lächelnd, froh über jeden, der sie nicht ansprang und nicht sagte "ach ist das nicht die," sondern ihr bestenfalls durch einen freundlichen Blick zu verstehen gab, daß er sie erstens erkenne, zweitens schätze und drittens ihre sonnabendliche Privatheit respektiere.

Samstag, 10. Oktober 2009

850.

Sitzung der EinSatzLeitung

Anwesend: Chefin, Buchhalter, Kreativleitung, Dame Ö, Oberassistent, die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, der Minderheitler mit den grünen Borsten, Karomütze, Mr. Precuneus

Entschuldigt: Leitung Öffentlichkeit, Allgemeinste Verteidigung, der klitzekleine Forschungsminister, der Demokratiebeauftragte

Sitzung ohne Warte

Sitzungeleitung: Chefin
Protokoll: Dame Ö


Tagesordnung:
TOP 1: Bericht zur Lage der EinSatzLeitung (Chefin)
TOP 2: Sonstiges

Wieder einmal ist es eine eher tumultarische Sitzung, das muß etwas mit dem Herbstwetter zu tun haben. Die Chefin eröffnet mit einem kleinen Vortrag, in dem sie eher allgemein über die Weltlage spricht, von den Nobelpreisen und dem erstaunlichen Mißverhältnis zwischen voller Akzeptanz der naturwissenschaftlichen Entscheidungen und der ungewöhnlichen Kritiklust, die in diesem Jahre vorzüglich die Nobelpreisvergabe für Frieden und Literatur betroffen zu haben scheinen, und anstatt sich in einer der laufenden Debatten zu positionieren, hebt sie an, des längeren und breiteren zu thematisieren, inwiefern die Menschen wohl die im engeren Sinne naturwissenschaftlichen Entwicklungen a großzügig überfinanzieren und b engherzigst unterfinanzieren, eine außerordentlich steile These, die man von ihr so nicht erwartet hat und mit heftigen Zwischenrufen bedenkt. Die Chefin erwidert, wie man es von ihr sehr wohl gewohnt ist, man werde selbstverständlich im Anschluß an ihre Ausführungen Gelegenheit zu gründlicher Debatte haben es sei aber außerordentlich stö … und so weiter. Das Benehmen in der EinSatzLeitung läßt zu wünschen übrig, obwohl die Kreativleitung das unentwegt weiter kichernde Mo rücksichtsvollerweise auf seinem Fell gelassen hat. Die weiteren Thesen der Chefin sind weniger auffallend und provokativ, Rettungsaufrufe für politische Gefangene aller Farben außer der braunen, nochmalige Ermahnungen, bei den EinSätzen den Grundauftrag der Schaffung stabiler Strukturen nicht zu vergessen, und ein Plädoyer für die Freiheit der Kunst von der Größe eines mittleren Teelichts.

Die Protokollantin hat sich die Freiheit genommen, diesen Kommentar auch in der Sitzung auszusprechen, sogleich stürzte sich der Buchhalter auf sie, als wäre er der weiße Ritter der Chefin und sagte, es sei unerträglich, wie hier eine Person mit altmodischen Manieren, unmöglichen Kleidern und einer autonomen Augenbraue sich erlaube, ihr Protokollantenamt zu mißbrauchen (ich habe wörtlich zitiert, der Buchhalter ist für seine verbalen Ausfälle ja bereits einschlägig und über die engen Grenzen der Republik hinaus bekannt). Die Chefin ihrerseits sorgt an dieser Stelle dankenswerterweise wieder für Ordnung, ohne indes verhindern zu können, daß dieser Praktikant, dieser Precuneus, die ganze Zeit in der Ecke sitzt und mit der Kreativleitung herumkichert. Die Chefin hat mir und dem Buchhalter dann aber bedeutet, dazu zu schweigen, man müsse die Dinge sich ein wenig entwickeln lassen.

TOP 2:

Der Minderheitler mit grünen Borsten erklärt, bei ihm hätten sich alle, die nicht wegen Erziehungsurlaub entschuldigt seien, mit grippalen Infekten abgemeldet, und er sagt, wer regelmäßig Sport treibt, nur gesunde Nahrung zu sich nimmt und täglich kalt duscht, der bekommt so etwas nicht. Auch hier entsteht wieder ein völlig irrationaler Tumult, die Leute zanken sich eine geschlagene Viertelstunde lang darüber, ob man eine Grippeschutzimpfung vornehmen lassen solle oder nicht, und ob nur gegen die Schweinegrippe oder auch gegen anderes.

Die Chefin plaudert am Ende noch ein chinesisches Geheimrezept aus, und dann gehen alle schnell in ihr Wochenende. Im Radio reden sie unentwegt vom Kuscheln, weil es so "gemütlich kalt" sei draußen.

Freitag, 9. Oktober 2009

849.

Der Herbsttag war noch einmal hochhimmelig sonnig, das Ahorn auf der Straße fing an, seine Blätter rot zu verfärben, und auf dem Balkon gegenüber sah die Dame Chefin, als sie von ihren Aktenbergen aufblickte, letzte blaue Windenblüten im Gewirr der Blätter, man hat zu wenig Zeit, sich dieser Dinge zu erfreuen, dachte sie, und sie erinnerte sich plötzlich der Klagen, welche der ehemalige Chef ihr vorgetragen hatte darüber, daß man als Chef so wenig zum schreiben komme, sie selbst hatte dieses Problem eigentlich nicht, denn niemals drängte die Haselnußäugige ein Ausdruckswille an die Tastatur, und so konnte sie üblicherweise ruhig ihre Aktenberge abarbeiten, aber als sie an diesem Tage die kleinen Herbstzeichen am innerstädtischen Ort der EinSatzLeitung sah, da dachte sie, schöner als eine Sitzung der EinSatzLeitung vorzubereiten wäre es doch, einfach ein wenig durch die Wälder zu wandern und wenigstens für eine halbe Stunde mit dem Kind oder der Kreativleitung auf einer Seebank sitzend deutsche Sätze wie kleine flache Steine über die Wasseroberfläche springen zu lassen.

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