Sonntag, 31. Mai 2009

718.

Der Kwaliteitswart, welcher zu Pfingsten wieder einmal auf seinem Hausboot in einer der Amsterdamer Grachten weilte, fand, er müsse in der kommenden Woche doch einmal anders aufgeräumt und aufgestellt bei der Kreativleitung hereinschauen, irgendwie knirschte es da erheblich in der letzten Zeit, ein eigentümliches Dichtmachen meinte er bei der Dame zu beobachten, das ihn in der Sache störte, ob es ihn persönlich belastete, darüber wollte er nicht nachdenken, aber für den Fortgang der Arbeiten war es doch nicht gut, und er wollte gerade - da er nun einmal ein strategisch denkender Wart war, welcher nichts ohne einen Plan anfing - an dem großen Tisch auf seinem kleinen Hausboot "visualisieren," wie das alles in nächster Zeit seiner Ansicht nach auszusehen hätte, als das Telefon dudelte, Karomütze am anderen Ende der Leitung, ungeduldig fragte der Kwaliteitswart, was gibt es denn, aber Karomütze wollte anscheinend nur ein wenig launig dampfplaudern, er schien genug zu haben von seinem neuerdings über das Wiederauftauchen urtümlicher Riesenhaie spekulierenden Kumpel von der GSG 9, die allgemeinste Verteidigung, mit der er sich früher gelegentlich ernster unterhalten hatte, war mit ihrer Familiengründung beschäftigt, und wenn du dauernd in Außeneinsätzen bist, kannst du doch keine wirklichen Beziehungen aufbauen, so dachte er, man könne sich doch mal...ach neej, sagte der Kwaliteitswart, tut mir leid, daß Sie so einsam sind, aber ich habe wirklich zu tuun, und als Karomütze enttäuscht aufgelegt hatte, dachte er gleich, oweia, wenn ich den jetzt brüskiert habe, und wie wichtig ist denn wirklich, was ich zu tun habe, aber dann breitete er trotz allem seine Visualisierungsmaterialien auf dem Tische aus und schrieb auf eines der Kärtchen auch mit grünem Filzstift "Karomütze."

Samstag, 30. Mai 2009

717.

Der Himmel hing tief und schwer über der Stadt, und man hätte meinen mögen, das Mo würde an so einem Tage einfach nur auf seinem Fell herumliegen und schwitzen und schnaufen und schlafen, aber aus irgendeinem Grunde hatte es just an diesem Tage eine Freude entwickelt am schweren Himmelsrauschen und an den Tropfen, welche munter wieder aufsprangen, kaum daß sie die schnelle Landung auf dem Fenstersims hinter sich gebracht hatten, und während die Sorge der Kreativleitung, es könnte bei solcher Nässe Mehltau sich setzen auf die Blätter der in diesem Jahr ohnehin eher schwächlich und langsam vor sich hin mükernden Balkonpflanzen, gefiel es dem Mo, sich zwischen den Terrakotta-Töpfen hin und her zu bewegen, an den Gitterstäben vor den Fenstern herumzuturnen und den im Regen verstummten Singvögeln vorzuführen, wie es sich anhört, wenn ein Mo seinen gloriosen blauen Mantel beim Brauschen im Regen ganz naß werden läßt und dabei aus vollem Halse krakeelt.

Freitag, 29. Mai 2009

716.

Mit leicht indigniertem Blick beobachtete der Oberassistent die Leitung Öffentlichkeit und die allgemeinste Verteidigung, wie sie sich im "Bistro" über die Schüttelreime ihrer Kindheiten unterhielten, wobei die Leitung Öffentlichkeit überwiegend englische wie Humpty Dumpty sat on a wall und round and round the garden reproduzierte, während sich die allgemeinste Verteidigung in Höchstgeschwindigkeit dem unvermeidlichen Mops, welcher in irgendeine Küche kam, näherte, und spätestens da schien es dem Oberassistent zu reichen, er wäre sicher fast explodiert, wenn nicht - ja, wenn nicht der Kwaliteitswart herzugekommen wäre, um ihn auf folgenden link aufmerksam zu machen: http://www.youtube.com/watch?v=hYytaZ06Hco

Donnerstag, 28. Mai 2009

715.

Bist du eigentlich damals eher zwangsrekrutiert worden, oder hat man dich ernstlich gefragt, wollte die allgemeinste Verteidigung von Karomütze wissen, als dieser des Abends am Rande eines kleinen Empfangs plötzlich einen sehr belasteten Eindruck machte, und Karomütze fragte, zwangsrekrutiert, wie meinst du das, schon gut, sagte sie da schnell, schon gut.

Mittwoch, 27. Mai 2009

714.

Die seit Jahren kontinuierlich und sehr weit fort gebildete Leitung der Abteilung Öffentlichkeit resümierte soeben an ihrem Schreibtisch die Erfahrungen der letzten Wochen, als ihre eigene Hand diese konzentrierte und fokussierte Arbeit an ihrem standing unliebsam unterbrach: wie nun schon öfter im Fortschreiten ihrer Schwangerschaft fiel ihr ihre eigene Hand ins ungesprochene Wort, indem sie nichts weiter als die Erinnerung aller Hände, welche sie in den letzten Wochen gedrückt hatte, an ihr Bewußtsein spülte, den sehr festen Zugriff einer von sehr braunen Augen gekrönten Hand, ein fast spürbares Aneinanderklappern der Knöchel in einer von mehr gelben Augen dominierten Blaßhand, das watteweiche Nachgeben einer grünäugigen Hand ebenso wie die zuversichtliche Feuchte einer kleinen Hand unter Augen, deren Farbe sie vor Schreck über die Feuchtigkeit vergessen hatte, und mit Blick auf die bläulichen Kringel, welche ihre Handhaut üblicherweise zu überziehen pflegten, fragte sie sich, ob die notorische Kälte ihrer eigenen Hände wohl anderen einen unangenehmen Eindruck machte, und beschloß, ihre gestreiften Blusen nach der Entbindung wieder hervorzuholen, denn es setzte sie in Verlegenheit, an dieser Sache mit den Händen durch keine noch so konsequente Fortbildung irgendetwas machen zu können, während man doch am Farbauftritt durchaus etwas ändern könne...

Dienstag, 26. Mai 2009

713.

Mit großen Schwüngen überflog der erzählende Kranich die Landschaften und suchte nach einem Ufer, an dem er landen und sich auf einem seiner Beine würde ausruhen können, aber es gelang ihm nie lange, konzentriert nach unten zu schauen, denn das Flirren der Pappelblätter im Sonnenwind verwirrte seine Sinne, und die Geschichten, die er in seinem Kopfe während des Fluges zusammensetzte, um sie recht bald dem, der sie würde hören wollen, zu erzählen, schienen immer wieder andere Gestalt und andere Form anzunehmen, er fühlte sich müde werden, zugleich aber vorangezogen durch die unabänderliche Richtung seines Schnabels, an seine Ohren drang das Seufzen der von eigener oder fremder Schuld geplagten Kreatur und das Dröhnen derer, die jeden für einen Feind und eine Gefahr halten, der eine Geschichte anders erzählt als ein Sieger sie hören will, und er dachte, während er wieder in die Wolken schaute, werden sie sich nie ändern, die Leute, werden sie immer so ängstlich bleiben, und er verließ den Flußlauf, welchen er überflog, und suchte sich für die Zwischenlandung eine Steppe, die nicht so flimmerte und hier und da doch ein kleines Wässerchen bot, nichts für die Dauer, nichts für auch nur den Versuch zu fischen, gerade genug, um ein wenig feuchtere Luft in den Schnabel zu bekommen und recht bald weiter zu fliegen auf der Suche nach dem Landeplatz, an welchem es an Fischen noch genug geben würde.

Montag, 25. Mai 2009

712.

Was machst du mit einem Menschen, der dich schwer beschuldigt und dann sagt, antworte mir nicht, fragte das Kind die Chefin, und die Chefin sagte, so einen Menschen mußt du sich selbst überlassen, da kannst du absolut nichts machen, ich weiß, so etwas hinterläßt Widerhaken, und entgeistert schaute sie auf den kleinen elektronischen Briefwechsel, den das Kind ihr etwas verstört vorlegte, ich weiß, es ist traurig, und wir wollen jetzt mal nicht diese doppelbödige, aggressiv in Schuldgefühle verstrickende Kommunikation analysieren, die wie ein Schlagabtausch beginnt, dann aber einseitig beendet wird, lass dir daran genügen zu wissen, daß man es leicht analysieren könnte, und gewöhne dich daran, diesen Menschen nicht zu kennen - denn hier würdest du nicht einmal mit einer möglicherweise nicht einmal angemessenen (denn was hast du wirklich getan?) Bitte um Entschuldigung durchdringen, die wäre ja schon, da Verweigerung gegenüber dem Befehl "antworte mir nicht," zu viel und, da "Regelbruch" (nur daß du an der Erarbeitung der Regel gar nicht beteiligt warst und ihr nie frei zugestimmt hast), ein weiterer Grund für dich, schuldig zu sein gegenüber diesem Menschen, vergiss diese Person, rate ich dir, und sei froh, daß du mit den paar Widerhaken dieser Struktur davon gekommen bist, aber wieso, sagte das Kind, der Mensch ist doch wirklich traurig, sagt er, und deswegen will er nicht, daß ich mich melde, ja klar, sagte die Chefin, das kann schon sein, vielleicht glaubt er sich das auch selbst, und niedlich, daß du es ihm glaubst, es ist vielleicht wahr - aber gerade dann wirst du seiner Bitte folgen und ihn seiner Trauer überlassen müssen, bis er von selbst heraus kommt und nochmal nachfragt und dir eine faire Chance zu einem Gespräch gibt wie du es auch immer zu tun pflegst, sonst hängst du in seinen Machtspielen fest, egal, ob sie nun aus Trauer kommen oder nicht, ich kann dir nur raten: stehe du zu dem, was du tust, steh dafür ein, wenn es dir richtig erscheint, und lass dich nicht herumschubsen von Leuten, die dir Schuld ansuggerieren, ohne geradeaus zu sein, und die dich beschuldigen, ohne dir die Möglichkeit zu geben, dich dazu zu verhalten, manchmal glaube ich, es gibt in der Welt klare Menschen, und solche, die panische Angst vor Klarheit haben, du selbst bist da längst entschieden, andere sind ebenso früh für anderes entschieden, und du, mein kleines Klares, wirst mit dieser kleinen dir angehängten und niemals abtragbaren "Schuld" auch noch fertig werden, es werden immer wieder solche kommen, und es wird immer auch andere geben, und sie küßte das Kind auf die Wange und wünschte ihm wie üblich einen sicheren und fröhlichen Schulweg.

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