Dienstag, 31. März 2009

657.

Es wurde bisher noch nicht darüber gesprochen, was die Kreativleitung eigentlich tat, wenn sie "an anderen Aufträgen" saß, und es muß dies auch nicht in jedem einzelnen Casus erwähnt werden, aber vielleicht wird sich der eine oder andere Leser an Karomützens Reisen in die Polder der Niederlande erinnern: da war zum Beispiel die Kreativleitung immer am Draht und hat ihm zugeflüstert, was er jetzt am besten tun solle, freilich hat er nicht immer auf ihren Rat gehört, aber doch gut genug, um dem Herren Pestvogel recht gründlich eins einzuschenken, und manchmal dachte sie bei sich (das Denken ist ja nach klassischer Definition, nicht wahr, ein innerer Dialog mit mir selbst), was würdest du wohl sagen, wenn er hereinspaziert käme, der Pestvogel, vielleicht würdest du ihm sagen, ach, Fräulein Pestvogels, nicht wahr, wir sind gekommen, um endlich das falsche Selbst zum Zusammenbruch zu bringen und das hervortreten zu lassen, was nach unserer pestvogeligen Diagnose die wahre Verfassung ist, und nun habe ich nur eine bescheidene Gegenfrage (so dachte sie, würde sie ihm zureden, dem zudringlich gefiederten Großschnabel), was, wenn das Selbst, das wir Pestvögel hier als ein falsches diagnostiziert haben, das wahre ist, während das, was die Pestvogeligkeiten für das "darunter" liegende wahre halten, nichts anderes ist als das Mäntelchen, welches ich mir gewoben habe aus dero höchsteigenen gefälschten Diagnosen?

656.

Die Kreativleitung war ganz erleichtert, als der Kwaliteitswart das Gespräch unterbrechen wollte, denn richtig in Gang gekommen war es diesmal nicht, der Kwaliteitswart schien nicht ganz bei der Sache zu sein, zugleich umso dringender fordern zu wollen, daß sie nun aber auch bei der Sache wäre, Mo hatte sich tatsächlich in ihre Lektüren vertieft, sobald sie gesehen hatte, daß es nicht der erzählende Kranich war, der da hereinspaziert kam, und so waren die Erläuterungen vor dem Wandteppich dieses Mal außerordentlich schal ausgefallen, schade, hatte die Kreativleitung gedacht, es war doch netter, als diese scheinbaren Überprüfungen immer auch ein Moment von anderweitiger Anregung hatten, nun gut, hatte sie sich dann gesagt, sagen wir also noch einmal "sic transit gloria mundi" und machen uns wieder an die Arbeit, sobald er weg ist, vielleicht wird es ja nächstes Mal interessanter, oder ich mache eben selbst mal Urlaub, Mo, fragte sie sofort, Mo, was hältst du von Urlaub?

Montag, 30. März 2009

655.

Was haben Sie gegen Bekenntnisse, donnerte der ehemalige Chef ins Telefon, als er am anderen Tag in der EinSatzLeitung anrief, und die Chefin mußte ein wenig schmunzeln, daß er sich so wichtig machte, sie bewunderte schließlich sein über die Pensionierung hinausgehendes Engagement und glaubte in seinem Falle nicht, daß dies weit über das für sie und ihre Führung günstige Maß hinausgehen werde, so daß sie ihm ruhig erwidern konnte: "ich habe nichts gegen Bekenntnisse, sofern sie entweder wahrhaftig und einem Bedürfnis geschuldet oder aber professionelle und Kooperationen befördernde Zwecktexte sind und als solche verstanden werden," und fügte hinzu:" ich habe nur etwas gegen die Erpressung von Lügen, wo man viel besser mit zwangärmeren Wahrheiten fahren würde, wenn man sich diese Gelassenheit erlaubte," aber dem ehemaligen Chef war nicht so wohl mit der Einsicht, daß sie gut geantwortet hatte, obwohl sie ihm nicht mehr untergeordnet war und nicht vor ihm zu zittern schien.

Sonntag, 29. März 2009

654.

Endlich wieder eine B-Ebene, dachte die Chefin beruhigt, und warum nicht ein bißchen gute Literatur unter die Leute bringen, ist doch lustig, wie dieser Morgenstern sich dafür einsetzt, die Dichter wenigstens zeitweilig in die Politik zu nehmen, da man doch in der Regel nicht mehr als ihre ein bis zwei Meisterwerke von ihnen benötige, so daß sie anstatt dann auch noch gesammelte Werke anzuschließen, lieber ihren Tiefblick der Politik zugute kommen lassen sollten, und zugleich tritt er dann, dachte die Chefin, umständlichst den Beweise dafür an, warum das eigentlich nicht geht, nämlich weil er als Dichter selbst so hassefüllt über Politiker als solche schreibt, und dann auch die Dichter insgesamt ein wenig vorführt, das alles so herrlich intelligent, wenn er nur nicht dieses Frauenproblem hätte, dachte sie, und entfernte etwas Unerfreuliches aus ihrem Gesicht - und in dem Augenblick, in dem sie dies dachte und ferner darüber nachdachte, ob sie sich nicht am Wochenende einen Spaziergang an der schüchternen Sonne mit irgendwem genehmigen könne, trotz dringlich mit Aufgaben überladenen Schreibtischs, da klingelte es an der Tür und eine höchst possierlich anzuschauende Pezhändlerin stand da, um ihr für die kommenden Wochen und Monate ein recht ordentliches dickes Fell anzubieten, am besten, so wisperte sie in ihrem artikellosen Fremdakzent, für Kreativleitung und Mo gleich mit, aber die Chefin dankte höflich und sagte, wir halten trotz allem ein bißchen mehr von unserer etwas weniger dickfelligen Methode, wenn wir auch dafür mit reichlich Kopfschmerzen und überhaupt bezahlen, und sie bot der im übrigen reizenden Pelzhändlerin einen Kaffee an, erledigte auch noch den Anruf einer Dame von irgendeiner Blindenwerkstatt, die wieder einmal die Kunst des gehoben gelogenen Bekenntnisses abfragte, da diese, wie die Chefin in ihrem neuerlichen Denkschub dachte, im allgemeinen nun einmal der Wahrhaftigkeit im Nichtbekennen vorgezogen wird, und zog schließlich die festeren Schuhe an, um doch noch ein wenig an die Sonne zu kommen und zu schauen, ob nicht irgendwo ein freundlicheres Gesicht ihr entgegenlachen und ein hellerer Gedanke ihr den Weg zurück an die viele Arbeit erleichtern würde.

Samstag, 28. März 2009

653.B

"Henrik Ibsen war kein Kenner der politischen Verhältnisse Zentraleuropas, er hat mindestens, soweit ich unterrichtet bin, keinen Anspruch auf eine Kennerschaft in dieser Sphäre erhoben. Aber der Magus des Nordens - warum Magus? weil er von Beruf Apotheker gewesen? - war einmal, Jahre vor 1914, in Wien. Bei einem Bankett erkundigte er sich bei einem Tischnachbarn, einem österreichischen Minister, nach den innenpolitischen Verhältnissen der Monarchie. Der Minister informierte ihn auf gut österreichisch also: 'Schaun's, Herr Ibsen, es ist sehr schwer, bei uns eine richtige Politik zu machen. Wir haben in der Monarchie elf verschiedene Nationen. Die würden ganz gut miteinander auskommen. Aber alle diese Nationen haben auf einmal nationale Politiker und Rädelsführer bekommen, und die hetzten die Nationen gegeneinander auf. Darum geht es von Jahr zu Jahr chlechter bei uns. Und es muß immer schlechter gehen, weil man ja diese nationalen Führer nicht aufhängen kann.' - 'Warum kann man sie nicht aufhängen?' meinte Henrik Ibsenernst, 'das ist ein Vorurteil...' Mit einigem Entsetzen mußte der Minister einer humanen altösterreichischen Regierung einen so hochmoralischen Dichter wie Henrik Ibsen so zynisch haben reden hören. Aber dieselbe humane Regierung hat dann im Krieg allein in Galizien elftausend Galgen errichtet und ebenso viele Ukrainer aufgehängt, russophile Ukrainer. So hieß damals in Österreich die fünfte Kolonne. Denn diese Bezeichnung, erfunden im spanischen Bürgerkrieg, ist ja nur ein neuer Name für eine sehr alte Kriegspest. Der Krieg erzeugt nicht nur Cholera und Typhus, er bringt auch verschiedene Krankheiten des Geistes mit sich, und eine von diesen Kriegspsychosen heißt in unseren Tagen eben die fünfte Kolonne. Was das Rezept des nordischen Apothekers betrifft, so möchte ich glauben, daß es nicht geschadet hätte, auch wenn es nichts genützt haben würde. Denn unter den vielen Millionen Toten des Weltkriegs 1914-1918 gab es sicher keinen, der zum Ausbruch des Krieges so viel beigetragen hätte wie die nationalen Rädelsführer Zentraleuropas. Und just von diesen sind die meisten am Leben geblieben."

653.

"Erfreue dich an der Schönheit deines Wärters," las der Kwaliteitswart von dem Bogen, den die Kreativleitung ihm hinreichte, weil darauf stand, was Mo als nächste B-Ebene produziert hatte und was zu verwenden die Kreativleitung mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Verhandlungssituationen und gewisse Signale seitens der Chefin so lange gezögert hatte, daß Mo wieder in tiefsten Schlaf versunken war, "bewundere die Kraft seiner Hände, wenn er wieder einmal vor deinen Augen die Käfigtüre verschließt, genieße den Wohlklang seiner Stimme, wenn er wieder einmal bellt, du bist meine Gefangene, und ich lasse dich niemals frei; verehre die Empfindsamkeit seiner Seele, wenn er weint, weil du ihm die Verehrung verweigerst, und fühle dich geschmeichelt, wenn er dir sagt, er werde bald eine neue Gefangene brauchen, weil du seinen Ansprüchen nicht mehr genügen kannst; vergiss deinen Wunsch nach Freiheit und Glück, lass dir genügen daran, daß dein Herr und Wärter sie genießt," da hörte der Kwaliteitswart auf zu lesen und fragte, geht das die ganze Zeit so weiter, und die Kreativleitung sah ihn an und sagte, ja, so geht das die ganze weiter.

Freitag, 27. März 2009

652.

Wegen anderweitiger Beschäftigung der seit einiger Zeit assistentinnenlosen und zudem noch durch den Besuch des Kwaliteitswart abgelenkten Kreativleitung war der dicke Oberassistent an diesem Tage zuständig für einen EinSatz, und wie es seinem Temperamente entsprach, hatte er erst einmal seinen Vorratsschrank aufgeräumt, dort ein Niederegger-Brot gefunden, an dessen dunkelschokoladiger Oberfläche sich schon etwas wie ein dünner Nebel gebildet hatte, was seiner Genießbarkeit aber nur wenig Abbruch tat, und so hatte er sich durch den Tag gemümmelt, unentwegt darüber nachsinnend, wie man wohl die Löschung einer Nebendatei durch eine frisch heruntergeladene Filmdatei in Verbindung bringen könne mit dem Vorgang des Löschens einer Ladung und den notleidenden Werftarbeitern in Bremerhaven, aber irgendwie war ihm nichts Gescheites eingefallen, und da er am Abend irgendwann auch mal Feierabend machen wollte, hatte er sich schließlich gesagt, okay, machste eben das zum Thema, daß du die Sachen einfach nicht zusammen kriegst, das hatte schließlich die Kreativleitung der in seinen Augen allgemein überschätzten Chefin geraten, und er, der Oberassistent, war zwar nicht "emotional überqualifiziert," wie der Demokratiebeauftragte von der Kreativleitung zu sagen pflegte, aber so einem blöden Rat zu folgen, das konnte doch nicht falsch sein, und ein bißchen beleidigt war er schließlich auch, denn es war gemein, ihn nun gerade mit so einer Aufgabe zu belasten, die vielleicht auch als Aufgabe überschätzt wurde.

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