Samstag, 31. Januar 2009

597.

Der erzählende Kranich hatte eigentlich vorgehabt, eine hübsche kleine Fabel von Wolf und Kranich in schönstem Lutherdeutsch mitzubringen und auf der B-Ebene abzusetzen, aber als die Lüfte ihm wenngleich verdünnt zutrugen, was der klitzekleine Forschungsminister an Unverschämtheit über ihn verbreitet hatte - und zwar unwidersprochen, jawohl, rief er klagend in die Luft, niemand in dem Laden hat mich oder Mo oder die freundliche Kreativleitung verteidigt, alle haben irgendwas gemurmelt, aber verteidigt wurde nicht, ihr braucht einen allgemeinsten Verteidiger in eurem Laden, dachte der Kranich an die EinSatzLeitung hin - da fühlte er, wie er dabei war, beizudrehen und lieber gen Süden zu fliegen, oder einfach westwärts, und wäre nicht die Erinnerung an Mos dringliches Wünschen und die allgemeinste Freundlichkeit des K-Büros gewesen, er hätte an diesem Tage die Geschichte womöglich irgendwo fallenlassen und sich auf den langen und beschwerlichen Weg in eine Gegend gemacht, welche, obwohl auf einem etwas südlicheren Breitengrade als die deutsche Hauptstadt gelegen, doch im Winter erheblich kälter zu sein pflegte.

Freitag, 30. Januar 2009

596.

Wir sollten einmal wieder eine recht ordentliche B-Ebene haben, sagte der klitzekleine Forschungsminister, und wir sollten sie nicht von Mo mit ihren primitiven Sehnsüchten und nicht von der Kreativleitung mit ihren gutmenschlichen Weinerlichkeiten und schon gar nicht von jenem unverschämten Kranich, der dann und wann sein Mütchen bei uns kühlt und alle Vögel gegen sich aufbringt, bespielen lassen, sondern mal ein solides Stück Text aus der Tradition draufsetzen, sagte er, denn das muß auch gemacht werden, und falls ein wenig Jugend sich auf unserem blog tummelt, so soll sie doch einmal etwas Anständiges zu lesen bekommen, etwas, das sie an die gute Literatur und an die großen Philosophen bringt, und könnte man nicht einmal Kant zitieren mit dem Satz "Lust und Unlust machen allein das Absolute aus, weil sie das Leben selbst sind."

Donnerstag, 29. Januar 2009

595.

Daß er sich immer noch als Agent sieht, nicht zu fassen, dachte kopfschüttelnd die Assistentin K, denn sie konnte sich beileibe nicht vorstellen, daß so ein Typ wie Karomütze mit seinem Faible für Spionageromane und seinen Spinnereien auch nur einen halben Tag lang die Nerven aufbringen könne, eine ernsthaft geheime Mission zu verfolgen, und so hatte sie seine Fernreisen eher unter der Rubrik "ganz normale Berichterstattung, Erkundigungen zur Vorbereitung cheflicher Visiten, was diese Sicherheitstypen eben so machen," abgebucht und oft genug darüber gestaunt, nach welchen Schemata Risiken abgeschätzt und "unberechenbare Leute" in Augenschein genommen und beobachtet wurden, und sie selbst fand immer, daß eher Karomütze selbst und sein plötzlich aus dem Off der Kommentarebene aufgetauchter Agentenführer mal einer genaueren Beobachtung gewürdigt werden sollten, aber die Chefin sagte bei entsprechenden Anfragen immer, das haben wir doch vor vielen Jahren schon gemacht, er ist okay, etwas nervig, aber loyal usw., und die Assistentin pflegte dann zu antworten, nun ja, die Leute ändern sich mit der Zeit alle, nicht nur die, bei denen man es dringlich wünscht, sondern auch andere, aber sie wollte dem Kollegen natürlich selbst keine Hunde auf den Hals hetzen, und so versuchte sie eher, den Buchhalter, welcher sich über die versicherungstechnischen Folgen von Karomützens Unfall so ereiferte, daß er darüber seinen Werbevorschlag vergaß, ein wenig zu beruhigen.

Mittwoch, 28. Januar 2009

594.

Wäre Karomütze einer von diesen hypersensiblen Typen, die ihre Ohren und Nerven überall haben und zugleich vor lauter Präzisionswut nicht mehr klar denken, geschweige denn sprechen können, wäre er natürlich nicht auf seinem Posten gewesen, auf welchem man nun einmal coole Nerven und energisches Auftreten gleichermaßen braucht, aber die seltsamen Vorstellungen des Buchhalters hätten ihn auf irgendwelchen geheimnisvollen Wegen erreicht, und manchmal dachte er, das wäre doch auch schön - Karomütze war aber nicht so, er war nur ein durch und durch rationalistischer Kerl, dessen Vernunft den dieser Fakultät eigenen Hang ins Paranoische in einem gewissen Übermaß ausgebildet hatte, um für eine bestimmte Aufgabe zu taugen, und er war in geheimer Mission unterwegs, freilich keinewegs in den Alpen, wo im übrigen, lieber Herr Buchhalter, die Temperaturen im Januar natürlich auch nicht so sind, daß man mit offenem Verdeck fahren könnte, außerdem klemmte sowieso etwas an dem fraglichen Mechanismus, und vor Mai würde er sicher nicht dazu kommen, sein Fahrzeug reparieren zu lassen, so war auf seiner langen Fahrt tatsächlich das Dach seines Alfa fest über ihm, von den Werbeideen des Buchhalters ahnte er nichts, und die Last des geheimen Auftrags drückte ihn schwer, denn vor denen, die auszuspähen er unterwegs war, fürchtete er sich etwas, und es gab weit und breit niemanden, mit dem er darüber hätte sprechen können, von wegen Agentenführer, davon haben die in meiner EinSatzLeitung doch keine Ahnung, brummelte er, das macht doch unglücklich, sowas, murmelte er vor sich hin, während er nach einer neuen CD suchte, und wozu das Ganze, nur damit die Geschichte sich trotzdem immer wiederholt, und er seufzte und sagte, an mir ist doch ein Philosoph verloren gegangen … Mensch pass doch auf, wo du hinfährst!

Dienstag, 27. Januar 2009

593.

Der Tag war grau und eher für den Buchhalter gemacht, zumal dann auch noch Dienstag dranstand, wirklich bestes Wetter zum Muffeln, dachte er, Matsch und schwarzgraue Steinchen auf den längst wieder schneelosen Straßen, und man mußte schon sehr starke Bilder im Kopf haben, um sich irgendwie abzulenken, also stellte der Buchhalter, indem er einige der Steinchen, die sich im Sohlenprofil seiner nach einem Trampeltier benannten Schuhe verkeilt hatten, auf den Treppenstufen loszuwerden versuchte, sich vor, wie Karomütze mit offenem Verdeck im schwarzen Alfa durch den sonnigen Süden fuhr, nach einer Alpenüberquerung in ein herrliches Tal blickend, Musik hörend (aber der Buchhalter stellte sich keineswegs Punk-Musik vor, er hatte seine eigenen Präferenzen), seinerseits vielleicht von goldenen Kuppeln träumend - und plötzlich sprang der Buchhalter die Treppen hinauf (während die Steinchen nur so die Treppen hinabkullerten) und hatte eine Idee: "ich habs, ich habs," schrie er, als er die Tür zur EinSatzLeitung aufriß und vor lauter Begeisterung - fast - den unglaublichen Dreck übersah, den die anderen mit ihren Schuhen schon auf dem Boden hinterlassen hatten, "wir werden werben für Alfa Romeo, wir lassen sie bezahlen dafür, daß wir sie in unserem Werk so oft nennen, jawohl, jawohl," schrie er, drehte sich trampelnd und stampfend um sich selbst und hörte erst wieder auf zu tanzen, als die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit, welche, von der Toilette kommend, soeben über den Flur zu ihrem Büro gehen wollte, ihn festhielt und sagte, sagen Sie mal sind Sie bescheuert, wie sollen wir das denn bitte rechtfertigen, die Chefin wird das nie mitmachen, und erst die Kreativtucke, was glauben Sie, wie lange wir dem Alten damals schon in den Ohren gelegen haben mit der Idee, die ich eigentlich immer ganz dynamisch fand, aber Sie, also Sie mit Ihrem ohnehin nicht besonders guten Ruf, Sie sollten sich nun wirklich nicht unbeliebt machen mit SO einem Vorschlag, ich rate dringend davon ab.

Montag, 26. Januar 2009

592.

Der erzählende Kranich hoch einsam in seinen noch ziemlich kühlen Lüften mußte irgendwie bemerkt haben, daß in einer fernen Hauptstadt ein Mo wieder einmal eine Geschichte von ihm brauchte, denn wie manche Menschen ihr Herz als eine überströmende Rede auf ihren Zungen tragen, so tragen andere Wesen ihre Herzen gleichsam als Ohren auf den äußersten Rändern ihrer Schwungfedern, und seufzt irgendwo eine (mehr oder weniger) gequälte Kreatur, so hören diese Wesen es, um gleich darauf zu spüren, wie ihre Flugrichtung sich wie von selbst ein wenig justiert, während ihr neu erwachendes Auge sich öffnet, damit aus allem, was dies Auge nun aufmerksam unter sich sieht, eine Geschichte werde, denn ein erzählender Kranich trägt doch immerhin etwas wie ein Versprechen im Namen, und ein Mo, mag es auch noch so munter sich recken und strecken und einherschreiten in seinem neuen blauen Mäntelchen, es wünscht nun einmal dann und wann eine Geschichte für seine Ohren, auch gefällt ihm natürlich der Anblick des langsam landenden Kranichs außerordentlich gut.

Sonntag, 25. Januar 2009

591.

Mißmutig machte sich die Kreativleitung an die Arbeit, um etwas über Karomützens neueste Aufgaben herauszubringen, aber ihr Mißmut wurde durch den des Befragten weit überboten, so daß sie nur erfuhr, wie ungeheuer geheim sein Auftrag sei, und als sie nach dem unerfreulichen Telefonat, das sie mit einem offenbar mal wieder in seinem beliebten schwarzen Fahrzeug umhersausenden Sicherheitsbeauftragten (was für Nebengeräusche, dachte sie, anscheinend mag der neuerdings Punkmusik, oder er fährt gerade durch eine befreite Punkerstadt mit Straßenbeschallung, entsetzlich, entsetzlich) geführt hatte, wiederum den Demokratiebeauftragten anrief, um ihn mit der Ergebnislosigkeit ihres Anrufs zu konfrontieren, sagte der, Sie werden ihn schon falsch gefragt haben, wie man in den Wald ... genau, antwortete die Kreativleitung, und sagte, wie wäre es, wenn Sie mir jetzt noch empfehlen, mir was auszudenken, nicht wahr, wozu trage ich schließlich diesen abscheulichen Namen Kreativleitung usw., und sie beendete das Gespräch, indem sie ihm durch zusammengebissene Zähne einen schönen Sonntag wünschte, nur um sogleich wieder in Lachen auszubrechen, als sie sah, wie Mo, welche die Lehne des Drehstuhls erklommen hatte, sich schon am frühen Vormittag bei Festbeleuchtung in ihrem neuen Mäntelchen vor dem Spiegelschrank drehte und maulte, sie brauche nun aber auch noch ein kleines türkises Kissen, damit sie noch etwas besser zu dem wundervollen Bild passe, das neuerdings im Kreativbüro hing.

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