Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Dienstag, 25. November 2008
530.
Als der Kwaliteitswart und Karomütze sich am Morgen im Hof trafen, konnten sie sich nicht enthalten, etwas Schnee von der kleinen Überdachung der Mülltonnen zu nehmen und sich gegenseitig damit zu bewerfen, Karomütze fing an, das wurde von oben genau gesehen, aber die Bälle flogen dann sehr schnell hin und her, die schwarze Katze mit dem Glöckchen am roten Bande sprang schnell auf einen Baum, und so dauerte es etwas, bis die Herren prustend und kichernd oben angekommen waren, ihre nasse Kleidung abgelegt, sich dann in der Bürokleidung wieder etwas zurechtgerückt hatten und im "Bistro" an einem Tisch Platz nahmen, an welchem die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse und der Minderheitler mit den grünen Borsten abwechselnd auf Assistentin K und die Kreativleitung einsprachen, während der Oberassistent am Fenster stand und versonnen hinaus schaute, da ihn der Zank um die Kommentarebene, in den der Kwaliteitswart sich umgehend eingemischt hatte, nicht sonderlich interessierte, du lieber Himmel, sagte er, als er sich nach längerem Winken schließlich doch wieder zu den anderen bequemte, natürlich wäre es eleganter gewesen, wenn gestern der "honni sois"-Satz des Mädchens den Abschluß gebildet hätte, aber dann hätten die Politfreaks die Philippika der Chefin verpaßt und nach Führung gegreint, die Leitung Ö hätte spätestens heute noch viel mehr richtig stellen müssen, und überhaupt, Komposition, Kürze, Kwaliteit, wird doch alles überschätzt...
Montag, 24. November 2008
529.
Die B-Ebene konnte nur begonnen werden, der für sie vorgesehene Ausflug von Karomütze und seinem Kumpel in einen Polder mußte wegen des Wintereinbruchs abgebrochen werden, denn erstens war die Schleuder, die der Kumpel aufgetrieben hatte, ein alter Ford Granada in Metallic-Blau, nicht winterfest, zweitens waren die vor dem Wochenende im Polder eingeflogenen Pestvögel vor dem Winter schnellstens wieder geflohen, dies alles hatte die Kreativleitung etwas aus dem sonntäglichen Konzept gebracht, und so lag nichts weiter vor, als am Montag im "Bistro" der erste Kaffe gezapft wurde, man traf neben der üblichen Arbeit nur Vorverabredungen für die auf den Donnerstag verschobene Sitzung der EinSatzLeitung, im übrigen war es ein richtig langweiliger Montag, keine besonderen Vorkommnisse, kein Krankheiten, keine Konflikte, ein Anruf vom Oberassistenten, der nachhause entlassen worden war und von seiner Schwester betreut wurde, das war alles, was aus der EinSatzLeitung zu vermelden blieb.
Sonntag, 23. November 2008
528.
Nachdem Mo wieder so weit hergestellt war, daß sie ein wenig Minztee und sogar ein Stück Apfel mit Ingwerhonig hatte bei sich behalten können, schlief sie friedlich schnaufend und ein wenig schwitzend auf ihrem Fell unter dem karierten Schal, und die Kreativleitung dachte, es wäre vielleicht Zeit für eine kleine B-Ebene, die sich möglicherweise mit der Vogelwelt und der Welt der Ornithologen zu beschäftigen hätte, und so schritt sie in ihrer Wohnung auf und ab, schaute immer wieder in den erstaunlich hellen Winterhimmel, auf die dünne kleine Schneedecke, die Mo bereits in helles Entzücken versetzt hatte, und suchte in all ihren Hinterzimmern nach Material, eine hochintensive, wenngleich keinem offiziellen controlling sichtbare Beschäftigung, und als sie unterwegs auf ein Briefchen stieß von jemandem, der - in einem im Grunde rührenden Anlauf, denn immerhin hatte er sie mal direkt gefragt, anstatt in irgendwelchen Spuren, welche sie in der Welt hinterlassen haben mochte, zu forschen, was ihr eine gewisse Sympathie entlockt hatte - sie gefragt hatte, ob sie sich für eine sinnliche Frau halte, mußte sie kurz überlegen, ob sie geruhen wolle, das zu beantworten, indem sie ihn etwa darüber belehrte, daß dies eine für Menschen, die einander und das, was man so "Sinnlichkeit" zu nennen pflegt, ernstnehmen, komplett falsche und unzulässige Frage sei, oder ob sie das in solchen Fällen eigentlich korrekte Schweigen auffahren sollte, und sie dachte, erst die B-Ebene, dann wird über diese Sache hier entschieden, und sie legte den Brief auf einen Stapel und setzte ihre kleine häusliche Wanderung fort, dann und wann dem kleinen Mo die Schweißperlen von der Stirn tupfend.
Samstag, 22. November 2008
527.
Natürlich wurde die Sitzung nicht am Wochenende nachgeholt, fast alle waren in ihren Häuslichkeiten geblieben, nur der klitzekleine Forschungsminister hockte an den Geräten, um im Notfall die anderen zusammenrufen zu können oder einen eigenen EinSatz abzusetzen, und er befand sich in regem Chat mit dem naseweisen Sinologen, welchem beigefallen war zu fragen, warum sein ehemalige Kollege eigentlich als "Forschungsminister" gelte, er sei doch früher nichts weiter als ein kleiner Forscher gewesen, und um Minister zu werden, müsse man doch völlig andere Kompetenzen haben, dann sei er bei seiner Größe auch nicht gerade eine repräsentative Erscheinung usw., und der klitzekleine Forschungsminister sagte, dies alles habe sich ja noch zu Zeiten des ehemaligen Chefs so entwickelt, welcher nun einmal die Idee gehabt habe, man könne vor so einer gewaltigen großen Sache, wie die Forschung an sich sie darstelle, in jedem Falle stets nur in Ehrfurcht erstarren und sehr klein werden, entweder, indem man sich in sie einfüge als mehr oder weniger kleines Rädchen, das dennoch mit seiner unermüdlichen Geschäftigkeit und mit der Hilfe des Getriebes, in dem es nun einmal funktioniere, alles Menschliche aus seiner Umgebung zu terrorisieren habe, um seine Rädchenposition und sich in ihr "wettbewerbsfähig" zu halten, oder man müsse sich ihr von außen zuwenden und die diversen Widersprüche, die sie so mit sich herumschleppe und bewege, ordnen und verwalten und zugleich einer Instanz wie der EinSatzLeitung immer wieder einmal ein paar Forschungserbegnisse zuführen, so in etwa habe jener Chef in der Gründungsphase der EinSatzLeitung sich das vorgestellt, da er aber ein vor- und umsichtiger Mann sei (übrigens immer noch, auch wenn er gegenwärtig ja mehr in die Zeitung und in den heute gar verschneiten Garten seines Hauses starre), habe er eben gerade einen rädchenkleinen Kollegen gesucht, welcher ihm den Umgang mit jenem gewaltigen und beeindruckenden Ding Forschung verwalten solle, und so sei es also gekommen, daß er als klitzekleiner Forschungsminister auf seinen Posten berufen worden sei, den er nun so gut wie möglich auszufüllen sich bemühe, immer noch unglücklich, wie er zugeben müsse, besonders bei den Wochenendschichten, aber insgesamt doch erheblich zufriedener als zuvor, als er in dem gewaltigen und beeindruckenden Ding selbst gewesen sei, obwohl, sagte er dann, obwohl, naja, denken wir besser nicht darüber nach, sagte er, man muß manche Kapitel einfach schließen, und dann unterbrach er sein Chatten, denn es piepste sein Handy und die Kreativleitung rief an, um zu fragen, ob er ein Mittel wisse, mit dem Brechreiz gestoppt werden könne, Mo habe auf der Straße geglaubt, in das hämische Gesicht ihres Wächters zu gucken, und erbreche sich seither in einem Fort, so daß der Klitzekleine nun sehr Unforscherliches zu regeln hatte, indem er Karomütze fernmündlich zur Apotheke schickte, um ein bestimmtes Medikament zu besorgen und in die Wohnung der Kreativleitung zu befördern, und als alles veranlasst war, chattete er dem Sinologen zu, jetzt muß ich hier auch manchmal Arzt spielen, nur weil ich ein paar pharmazeutische Kenntnisse habe...
Freitag, 21. November 2008
526.
Heute ist wieder Sitzung, sagte die Chefin, als sie ins "Bistro" kam, aber niemand antwortete, niemand war da, alle waren entweder krank oder im Chaos des ersten Schneefalls steckengeblieben, dabei war der Schnee nur im Fallen zu sehen gewesen und auf den Dächern und Scheiben der Autos mit ihrem ewigen kalten Metall, unzählige kalte Sternschnuppen vor aller Augen, Nässe auf allen Schirmen, Kapuzen und Haaren, auf der Straße aber nichts als Wassermassen, und nicht einmal die Kreativleitung war in ihrem Büro, nur ein kleiner Zettel von Mo, dessen Entzifferung jetzt doch zu viel Geduld erfordert hätte, lag auf ihrem Schreibtisch, die Chefin seufzte "die Chefin regiert, aber niemand ist da, sich regieren zu lassen, die Selbstverwaltung funktioniert nur noch als verwaltete Abwesenheit, so geht das doch nicht," und sie ging an ihren Computer, der mit gewohntem Gongen seinen Schirm anbot, öffnete das Mailprogramm und fand brave Absagen sämtlicher EinSatzKräfte, strich sich die Haare aus der Stirn, tippte eine kleine Rundmail, in der sie einen Ersatztermin vorschlug, und dachte, wie lange hatte ich schon keine Zeit mehr, selbst ein bißchen über Demokratie nachzudenken, und sie ging an eines der Bücherregale, nahm sich eines der Bücher, die da standen, setzte sich mit dem Blick über die Stadt ans Fenster und genehmigte sich eine halbe Stunde mit "Menschen in finsteren Zeiten," jeder Satz bei aller beschriebenen Finsternis so, daß man ihn immer wieder "lucide" nennen wollte.
Donnerstag, 20. November 2008
525.
Am andern Morgen fand das Kind, es wäre besser, Mo zu sein und weiter zu schlafen, und wenn einem das zu langweilig wäre, wäre es besser, bei der GSG 9 zu sein oder in irgendeiner Truppe im Süden, da wäre wenigstens das Wetter gut, aber die Chefin sagte, das willst du nicht ernsthaft, da in diesen Wüsten herumtoben und nie wissen, was als nächstes passiert, innerhalb der Festung immer schön Disziplin und all dieser bundesrepublikanische Krempel, Fernsehen, Handies und Konflikte um Klamotten, Essen und Programme, am nächsten Tag wieder raus, oder auch nicht, plötzlich Verletzte, Tote usw., das kannst du nicht wollen, und das Kind überlegte einen Augenblick und sagte, meinst du, da sitzen Leute und denken, wie schön wäre es, jetzt noch einmal in Berlin zur Schule zu fahren, mit der U-Bahn, und mit diesen ganzen Leuten in der U-Bahn, und dann im Regen zu der Schule zu gehen und die Leute zu treffen, mit denen du ein bißchen Quatsch machen kannst, und dann mit nassen Füßen am Tisch zu sitzen und die Lehrer zu sehen, eine Klausur zu schreiben, und in der Freistunde wegen Stundenausfall erzählt deine Freundin ihren Liebeskummer oder wie toll gerade alles ist, und in der PW-Stunde der Lehrer labert über die EU, und du selbst möchtest am liebsten wieder schlafen, kämpfst aber tapfer deine Halsschmerzen nieder, meinst du, das wünschen sich die zurück, die jetzt in diesen Wüsten herumtoben, und die Chefin sagte, man müßte sie vielleicht mal fragen.
Mittwoch, 19. November 2008
524.
Während im Kreativbüro die Debatte zwischen den K-Menschen ihren Lauf nahm, hockte die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse und den ewig rotgeränderten Augen gemeinsam mit Karomütze im "Bistro" und verwickelte diesen Knaben zum wiederholten Male in ein Gespräch über die Frage, was man recht eigentlich unter Sicherheit verstehen wolle, aber sie kamen nicht über ihre üblichen Streitereien hinaus, in denen es, wie die Minderheitlerin meinte, am Ende immer nur um die Frage ging, wie lange man sich auf die Wirkung des Respekts verlassen dürfe und ab wann man den Zusammenbruch der Respektsverhältnisse riskieren müsse, um gegen drohende Gewalt mit wirksamen Mitteln vorzugehen, wie immer positionierten die beiden sich auf recht unterschiedlichen Punkten der Skala und gingen verdrossen wieder auseinander an ihre jeweiligen Arbeiten.
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