Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Montag, 6. Dezember 2010
1266.
Nun aber die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit, für sie war die Woche des roten Ferrari, des schönen roten Ferrari, eine willkommene Gelegenheit, endlich mal wieder zu zeigen, was in ihr steckte, sie nahm gleichsam jeden Morgen, wenn sie ihr Kleines in die Tagesstätte gebracht hatte, wilderen Anlauf, um auf täglich höheren Schuhen über die Ferraridächer zu turnen, natürlich verbrauchte sie jede Menge Imprägnierspray, wegen der Schneehauben auf den Ferraridächern, auf den Dächern der schönen roten Ferraris, die an manchen Stellen wegen ihrer sehr unterschiedlichen Größe zu Treppenähnlichem sich gruppierten, an anderen hingegen eher unpraktische Lücken ließen, so dass zwischendurch auch schon mal ein Pfützenplatscher vorkam (na sowas) ihr neues Spiel half ihr insgesamt trotzdem sehr gut durch die grauen Tage, fast wurde der Dezember ihr ein vierter Frühling (oder so), und wenn das Kleine nach Schichtende wieder abgeholt werden musste, zeigte sie ihm artig, wie man Schneebälle macht, denn sie hatte sich auf dem Weg zwischen EinSatzLeitung und Kita gut genug ausgetobt, ein wahrer Gewinn fürs Familienglück.
Sonntag, 5. Dezember 2010
1265.
Irgendwie musste die Chefin gehofft haben, die Maßnahme mit den schönen roten Ferraris würde bewirken, dass die Zahl der roten Ferraris auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz abnehmen werde, aber bereits ein kleiner Sonntagsspaziergang (:)) mit ihrem Kind (!)) belehrte sie darüber, dass dies keineswegs der Fall war - im Gegenteil, ein wahres Ferrari-Fieber schien ausgebrochen zu sein, irgendeine chinesische Firma musste nur darauf gewartet haben, Ferrarimützen in Rot massenhaft zu produzieren, und mitten in der Nacht musste es gelungen sein, wenigstens in ihrem Stadtteil wirklich alle nicht unter einer dicken Schneeschicht versteckten Kraftfahrzeuge mit den schönen roten Ferrarimützen zu überziehen, wobei der Gipfel eigentlich war, dass man noch Wimpelchen dazu hatte, ganz ähnlich dem, welches der naseweise Sinologe an seinem gelben Einkaufswagen zu führen pflegte, und auf diesen Wimpeln stand etwa: hat er nicht eine schöne Frontscheibe, oder: beachten Sie das herrlich eckige Heck, oder: wie schön ist nicht ein gepflegter Auspuff, und selbstverständlich war auch über die Türen, das Lenkrad, die Heckscheibe, die Stoßstangen und sowieso über den Motor nur das Beste vom Besten zu vermelden, wenn man den Schildern glaubte, rühmet und preiset, murmelte die Chefin, mal sehen, wie lange das so weitergeht, und das Kind sagte, Mama, also wirklich.
Samstag, 4. Dezember 2010
1264.
Also gut, sagte die Chefin, nachdem sie eine erstaunlich gute Nacht und ein herrliches Brunch mit ihrem Kind und einigen Bekannten hinter sich gebracht hatte, dann ziehen wir mal andere Saiten auf und reden ab heute eine ganze Woche nur über rote Ferraris, wie wäre es, wenn wir damit beginnen, zur Einsendung von Fotografien aufzurufen, die rote Ferraris aus allen Perspektiven zeigen, es dürfen vielleicht auch Fotos von Fahrzeugen sein, die roten Ferraris ähnlich sehen, ab sofort werden wir überall laut bekannt geben, dass nur rote Ferraris von uns begehrt werden, dass wir, unabhängig davon, wie oft und wie zahlreich man sie uns vor die Tür stellt, rein und völlig von uns aus ausschließlich und von tief innen mit der ganzen Glut unserer vielfältigen, aber vereinten Herzen nach roten Ferraris streben, wir sehen vor uns große rote Ferraris mit kleinen roten Ferraris auf dem Arm, kleine rote Ferraris an der Hand fürsorglicher größerer roter Ferraris, wir werden jeden Beitrag, der nicht wenigstens einmal lobend das Wort roter Ferrari enthält, nachhaltig und endgültig löschen, und auf den Fluren der EinSatzLeitung wird es nur noch Bilder von roten Ferraris geben, Karomützens Dienstwagen wird ab sofort ein roter Ferrari sein oder doch wenigstens ein schwarzer Alfa Romeo mit einer Ganzkörpermütze im Stil eines roten Ferraris und …
Freitag, 3. Dezember 2010
1263.
Ist es wegen des Wetters, fragte der Buchhalter Mr. Precuneus, welcher bereits am Morgen die Türen der EinSatzLeitung fest verschloss und den Buchhalter wieder nachhause schickte, nein, sagte Mr. Precuneus, aber man hat es übertrieben.
Donnerstag, 2. Dezember 2010
1262.
Es wären einige kleine stilistische Änderungen vorzunehmen am letzten EinSatz, sagte Dame Ö, aber die Chefin hatte dafür wenig Geduld, denn allzu viel hatte sie telefonieren müssen, um den Schaden zu begrenzen, welcher durch Mos B-Ebene entstanden war, sie wolle sich nicht gerade mit den vorgeführten Diplomaten anderer Mächte vergleichen, sagte sie, aber als Chefin eines so disparaten Ladens habe man es nun wirklich auch nicht immer leicht, ob es jetzt vielleicht einmal ein Feierabend sein könne, schon gut, sagte die Dame Ö, denn schließlich kannte sie das Leben auf ihre Weise, sie werde das allein übernehmen, sie könne durchaus ein wenig länger bleiben, es warte niemand auf sie, und die Chefin sagte, Sie sollten sich dennoch oder deswegen auch nicht übernehmen.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
1261.
In der EinSatzLeitung missachtete man also das Wetter (allein die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, welche sich krank meldete, berief sich auf Wettergründe für ihre Erkältung) und redete sich stattdessen die Köpfe heiß über eine, wie die Leitung Ö sagt, in jeder Weise indiskrete und unverschämte B-Ebene, welche im Kwaliteitswart und im Komplexitätswart sowie in der Kreativleitung eindeutige Befürworter hatte, während andere heftig dagegen kämpften, bei gleichbleibender Mittigkeit der Chefin und des Demokratiebeauftragten.
1261.B
Ich habe etwas sehr Schönes geschrieben zum Advent, sagte Mo, es ist eine kleine Geschichte, welche den lieben Gott von der Schande der Schöpfung ein bisschen entlasten und ihm außerdem auch einen Vorschlag zur Güte machen möchte, wie es in der Welt besser sein könnte. Ich habe den Entwurf sehr mühsam erarbeitet, und zwar im Dialog mit dem klitzekleinen Forschungsminister, der sich manchmal über den Monotheismus aufregt. Ich habe aber, um nicht zu fies zu werden, andererseits den kleinen Brachvogel gefragt, ob er nicht auch etwas zur Verteidigung des monotheistischen Gottes anzuführen wisse. Und schließlich habe ich alles zu folgender Geschichte zusammengefügt, die ich hiermit ergebenst präsentiere:
"Bestimmt hat der liebe monotheistische Gott nur Pastoren, Lehrer und Dienstleister haben wollen, und da sie in der Welt schon zuhanden waren, musste er sie auch gar nicht erst erschaffen. Er musste nur diejenigen unter ihnen, die nicht lieb und bescheiden waren, erst noch zusammendonnern, dazu war er aber nach übereinstimmenden Zeugenberichten recht begabt. Ein gewisses Problem bereitete ihm die Existenz der Weiber, welche die blöden Baalim erschaffen hatten, aber da man sie brauchte, musste man eben daran arbeiten, sie durch die Einsetzung plausibler Regeln der je passenden Zurechtstutzung zu zu führen. Das wird - Gott sei Lob und Dank! - auch bald nicht mehr nötig sein, die Wissenschaft hat ja einige Fortschritte erzielt, woraus wir nur schließen können, dass die Wissenschaft in jedem Fall eine gottgewollte Kunst ist. Wir können uns dann ganz darauf konzentrieren, die Schäden zu heilen, welche die Mannheit bis dahin an ihrer unerträglichen Verwiesenheit auf die Weibheit genommen hat. Das wird uns allen sehr helfen, vielleicht kann man den künftigen Menschen nicht nur die Geschlechtlichkeit und die Verdauung abtrainieren, sondern auch noch Flügel anzüchten, ich meine, das sollte doch zu machen sein," las die Kreativleitung laut, und dann sagte sie, in Ansehung der geistigen Lage der Gegenwart habe die Chefin sich auch etwas ausbedungen, und zwar das Recht, einen eventuell Anstoß erregenden EinSatz auch dann zu lesen zu bekommen, wenn er der Kreativleitung gut erscheine. Na gut, sagte Mo, denn neuerdings konnte sie sogar gönnerhaft sein.
"Bestimmt hat der liebe monotheistische Gott nur Pastoren, Lehrer und Dienstleister haben wollen, und da sie in der Welt schon zuhanden waren, musste er sie auch gar nicht erst erschaffen. Er musste nur diejenigen unter ihnen, die nicht lieb und bescheiden waren, erst noch zusammendonnern, dazu war er aber nach übereinstimmenden Zeugenberichten recht begabt. Ein gewisses Problem bereitete ihm die Existenz der Weiber, welche die blöden Baalim erschaffen hatten, aber da man sie brauchte, musste man eben daran arbeiten, sie durch die Einsetzung plausibler Regeln der je passenden Zurechtstutzung zu zu führen. Das wird - Gott sei Lob und Dank! - auch bald nicht mehr nötig sein, die Wissenschaft hat ja einige Fortschritte erzielt, woraus wir nur schließen können, dass die Wissenschaft in jedem Fall eine gottgewollte Kunst ist. Wir können uns dann ganz darauf konzentrieren, die Schäden zu heilen, welche die Mannheit bis dahin an ihrer unerträglichen Verwiesenheit auf die Weibheit genommen hat. Das wird uns allen sehr helfen, vielleicht kann man den künftigen Menschen nicht nur die Geschlechtlichkeit und die Verdauung abtrainieren, sondern auch noch Flügel anzüchten, ich meine, das sollte doch zu machen sein," las die Kreativleitung laut, und dann sagte sie, in Ansehung der geistigen Lage der Gegenwart habe die Chefin sich auch etwas ausbedungen, und zwar das Recht, einen eventuell Anstoß erregenden EinSatz auch dann zu lesen zu bekommen, wenn er der Kreativleitung gut erscheine. Na gut, sagte Mo, denn neuerdings konnte sie sogar gönnerhaft sein.
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