Samstag, 14. November 2009

885.

Als Nachwuchs Ö am Wochenende einem seiner Freunde von der Arbeit seiner Mutter erzählen wollte, wußte er nicht so recht, was er eigentlich sagen sollte, die haben da so einen Diskretionsfimmel, sagte er, sie erzählen manchmal ganz schön peinliche Sachen, aber sie haben zum Beispiel ein striktes Verbot, Namen von Kindern zu nennen, sie verraten kaum, ob die ganz kleinen Kinder Mädchen oder Jungen sind, aber zugleich erzählen sie den wüstesten und wildesten Unsinn aus dem Innenleben der diversen Figuren, und das alles nennen sie einen "literarischen Blog" und behaupten sogar, er hätte etwas mit richtigen Einsätzen zu tun, obwohl seit mehr als zwei Jahren niemand versteht, was eigentlich, so wie auch keiner so genau weiß, was es mit all den komischen Tieren, insbesonder Vögeln auf sich hat, und in welcher Beziehung es zu den Musikfilmen steht, die sie immer so schubweise ausgraben, aber irgendwie ist meine Mutter daran immer noch beteiligt, sagte er, und hat noch nie Einspruch eingelegt, wenn wieder mal einer sich über ihre Augenbraue lustig gemacht hat, und sein Freund sagte, meine Mutter ist Sachbearbeiterin in einer Hausverwaltung, und ich finde, das ist eigentlich ein ganz guter Job.

Freitag, 13. November 2009

884.

Die Kreativleitung, als sie Mo das am Morgen übliche Tellerchen mit Apfelscheiben und Ahornsirup vorsetzte, war durch die Funde aus den Jazz-Archiven ein wenig beschwingt und stellte Mo die Frage, wie ausgerechnet sie plötzlich auf die Idee verfallen sei, einen Pianisten zu zeigen, da sie doch sonst eher allergisch reagiere, und sie rechnete mit irgendeiner empörten Zerfahrenheit, Mo aber antwortete fröhlich schmunzelnd, die Pianos können ja nichts dafür, daß mich mein Wärter so genervt hat, und außerdem kann man, wenn man sehr belästigt wird von Sachen, die einem durchaus als "eigene" untergeschoben werden sollen, wie das die Herrschaften Pestvögel, auf deren Besuch wir uns hier vorbereiten, doch immer wieder versuchen, schließlich nur so reagieren wie der alte Arlo, dachte ich, also entweder so, oder indem man eben einfach mal zeigt, wie es richtig geht - das machen Aretha und ihr Pianist doch sehr gut, und die Kreativleitung staunte nicht schlecht.

Donnerstag, 12. November 2009

883.

Während in der EinSatzLeitung noch bis in den Abend auf die Einbestellung der Vogelwelt hingearbeitet wurde, waren der Kwaliteitswart und die allgemeinste Verteidigung mit ihrem Nachwuchs für ein verlängertes Wochenende auf dem Hausboot angekommen (immerhin hatte der Kwaliteitswart das vorausgegangene Wochenende mit den auszubildenden zukünftigen Gutachtern reichlich angestrengt verbracht, und der "Erziehungsurlaub" der allgemeinsten Verteidigung war noch nicht ganz zuende), aber während die junge Frau nach Fütterung des Kindes sich auf dem Sofa ein wenig von dem leisen Schaukeln des Bootes einwiegen ließ, wohlgefällig die langen Gräten und den üppig geschwungenen Mund ihres Liebsten betrachtend, sauste dieser mit seinen Blicken im Flimarchiv herum und murmelte ein wenig fahrig, manchmal wäre ein Buchhalter auch hier gut, oder weißt du noch, in welchem EinSatz wir die erste Folge von "A song is born" hatten, ich dachte, die zweite könnte man der EinSatzLeitung für das bevorstehende Spektakel anbieten, immerhin kommt darin eine tolle Version von "Mocking Bird" vor...

Mittwoch, 11. November 2009

882.

Der Chefin kam das Protokoll Karomützens fast - wenn auch auf eher dialektische Weise - entgegen, ebenso einige Einwendungen der Kommentatoren, konnte sie so doch in aller Ruhe wieder einmal zeigen, daß es auf ihren Zähnen durchaus Haaransätze gab, und sie bestellte der Leitung Öffentlichkeit, es sei an der Zeit, den Herrschaften Pestvögeln, die sich ja nun immer wieder bemerklich machten mit unfaßbar debilen pseudowissenschaftlichen News aus ihren Branchen, alltäglich gespült auf die Monitore der EinSatzLeitung, einmal eine Einbestellung zuzustellen, am besten zu einer Fortbildung von der Art, wie der Kwaliteitswart sie seit einiger Zeit erfolgreich an Begutachtungsaspiranten betreibe, da ist noch Luft drin, sagte sie, nur maßvoll grinsend, sehr viel heiße Luft, auf die sie so stolz sind, unsere mit einem gewissen ideologischen Erbe etwas zu entspannt umgehenden Pseudopazifisten, Psychologisten, Versöhnungskitschler und Alarmisten, und eine kleine Vogelschule zur gefälligen Entlastung von einer gewissen Neigung zu verschmockter Verblödung könnte doch sehr nützlich sein, übrigens auch interessant für Brachvögel und Kunstfreunde, stellen Sie sich vor, lachte sie der Leitung Ö am Telefon zu, da habe ich doch tatsächlich neulich in einer Ausstellung einen Satz über eine Kunst gelesen, welcher die Vergeblichkeit der sinnlichen Strebungen als dasjenige klassifizierte, was diese Kunst auszeichne, und ich habe gedacht, die sollten doch auch mal ein bißchen Nachhilfe bekommen, die so etwas schreiben, die wissen doch gar nicht, was sie sagen, und ich meine, Dame Ö wäre für die Kursleitung nicht die schlechteste Besetzung, was meinen Sie?

Dienstag, 10. November 2009

881.

Sitzung der EinSatzLeitung

Anwesend: Chefin, Kreativleitung (nebst Mo), Leitung Ö (nebst Kleinchen), Dame Ö, Sicherheitsbeauftragter, Buchhalter, Demokratiebeauftragter, Oberassistent, Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, Minderheitler mit grünen Borsten, Kwaliteitswart, Diskurswart, Komplexitätswart, Mr. Precuneus

Entschuldigt: Der klitzekleine Forschungsminister (Erforschung des neuen Virus im Selbstversuch), Verteidigung K (Angst vor Viren und um ihr Kind)

Protokoll: Karomütze


Tagesordnung:

1. Rede der Chefin über die allgemeine Ordnung
2. Sicherheitsfragen und Demokratie
3. Verschiedenes

TOP 1:
Die Chefin redet und redet und redet, sehr allgemein, sehr unverständlich, aber allen zu Gefallen. Alle hören zu und klatschen. Niemand widerspricht. Manche schlafen.

TOP 2:
Der Demokratiebeauftragte redet und redet und redet, sehr allgemein, sehr unverständlich, aber allen zu Gefallen. Alle hören zu und klatschen. Niemand widerspricht. Manche schlafen.

TOP 3:
Der Kwaliteitswart schlägt vor, einem Herrn Twombly eine Kooperation vorzuschlagen, es müßte doch möglich sein, aus dem Spruch "Amsterdam wil ook een Muur," welchen er am 12. Oktober 1983 in der Herrentoilette einer Kruezberger Kneipe gesehen haben will, ein echtes Kunstwerk zu machen. Die Chefin ermuntert, rät aber, sich nicht so viel Hoffnung zu machen, Herr Twombly neige nicht dazu, sich bei seiner Produktion dreinreden zu lassen. Der Buchhalter verdreht die Augen. Mo macht hustend ein fürchterliches Spektakel, da kriegen alle Angst vor der Schweinegrippe und die Sitzung wird überstürzt beendet.

(Erst nachträglich korrigiert der Kwaliteitswart im Protokoll das in der Urfassung schlechte Niederländisch, Karo war einfach zu selten in Amsterdam, obwohl weit und breit keine Mauer zu sehen ist)

Montag, 9. November 2009

880.

Die Chefin gibt bekannt, daß die Sitzung der EinSatzLeitung aus gegebenem Anlaß auf den morgigen Tag verschoben wird, und wünscht allen zu den verschiedenen heute zu bedenkenden Anlässen die richtigen Gedanken.

Sonntag, 8. November 2009

879.

Der erzählende Kranich hatte für ein paar Tage Wohnung genommen in der Kreativabteilung, von wo aus er ein und aus flog, oft nahm er Mo mit, Sie müssen es sich so ähnlich vorstellen wie bei Nils Holgerson und den Gänsen mit den finnischen Zahlen als Vornamen, Mo war über die Ausflüge sehr glücklich, die Kreativleitung hatte zu tun (sie spinnt, sagte der erzählende Kranich, man gibt ihr nichts, man hält sie kurz, man ist mies zu ihr, man läßt sie hängen und versucht sie umzubauen, will ihr Sympathien für Leute und Arbeiten abquetschen, die sie doof findet, und Sympathien abgewöhnen, wo sie Leute und Arbeiten mag, man erzählt ihr, daß sie alles falsch macht, wenn sie klagt, fährt man ihr über den Mund, sie soll mal ihre Eigenverantwortung erkennen, und wenn sie sagt, tu ich, und wenn ich aus der die Konsequenz ziehe, setze ich meine Qualifikationen in Zukunft ein, um euch alle über den Tisch zu ziehen, indem ich euch schlechte Häuser als gute verkaufe und dabei endlich Geld verdiene, und ihr könnt mich mal, dann sagt man ihr, sie soll sich mal ein bißchen bemühen, mal bei einer Sache bleiben, auch mal verzichten usw., dabei verzichtet sie dauernd auf alles, mehr als eine von den anderen EinSatzKräften, obwohl man ihr das auch noch als krankhaftes Verhalten auslegt, in alledem hat sie keine Chance, und was macht sie, sie bunkert sich trotzdem ein und liefert trotzdem dauernd irgendwelche ziemlich anständigen Produkte, die sonst keiner liefern könnte, sie muß wirklich einen ernsten Schaden haben, sagte der erzählende Kranich zu Mo, als er eines Morgens mit ihr ausflog, um den Streit der Kormorane und der Fischer aus der Nähe zu besehen, und was kann man denn da tun, Mo sagte, ich versuche es gerade über Precuneus, den scheint sie zu mögen, und die Chefin schützt sie ja auch, wir könnten ihr ein schönes Glas Honig mitbringen oder eine Blume, der Kranich sagte, wie sollen wir das bitte transportieren, ich bin ja ein starker Junge, aber du bist mir eigentlich schon schwer genug) und die Dame Ö blieb, wenn sie konnte zuhause, er ist ein bißchen eingebildet, aber erzählt schön, er ist auch insgesamt ein durchaus ordentliches Tier, sagte sie, aber diese Federn, und sie nieste viel.

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