Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Montag, 14. September 2009
824.
Ein langer, extrem unbelohnter Arbeitstag lag hinter Karomütze, als er jene dunkle kleine Straße mitten in der Hauptstadt entlang ging und eine letzte Nachricht auflas, die jemand als einen Zettel auf dem Gepäckträger eines demolierten Fahrrades für ihn hinterlegt hatte, und er dachte, einen Scheißjob mach ich hier, einen richtigen Scheißjob.
Sonntag, 13. September 2009
823.
Fünf blaue Windenblüten hatten den Balkon der Dame Ö noch einmal eigenartig bekräftigt, und während sie entzückt ein paar gelbe Blätter aus den Ranken zupfte, klingelte es an der Tür, die Kreativleitung sagte etwas außer Atem, könnten Sie mir bitte helfen, würden Sie wohl so freundlich sein, Mo ein wenig auszuführen, ich habe plötzlich eine Verabredung mit dem Demokratiebeauftragten, wie finden Sie das, er klang etwas dringlich, und die Augenbrauen der Dame Ö fingen an zu tanzen, denn einerseits war sie nicht wirklich scharf darauf, Mo mit in ihre Ausstellung zu nehmen, andererseits - wer weiß, vielleicht kommen wir ausnahmsweise mal miteinander klar, wie, sagte sie und versuchte, Mo am Köpfchen zu tätscheln, aber Mo rückte mit demselben unwillig ein Stück zur Seite auf dem graufaltigen Hälschen - war sie gar zu neugierig, zu hören, was denn das für ein geheimnisvolles Treffen werden könne, und wenn die Kreativleitung hinterher das Mo bei ihr abholen müßte, würde sie ja wohl die erste sein, es zu erfahren, also gut, gehen Sie nur unbesorgt, ich machs, sagte sie, wir schaffen das schon, was Mo, und Mo trippelte, einmal auf den Boden gesetzt, mit kaum noch mürrischem Gesichtchen seinerseits neugierig in die kleinen privaten Räumlichkeiten der Dame Ö und erschnupperte den Teeduft mit nachlassender Skepsis.
Samstag, 12. September 2009
822.
Was gibts zu lachen, fragte das Kind die Mutter, die am Frühstückstisch bei der Zeitungslektüre laut aufgelacht hatte, und die Chefin sagte, ich habe einen Artikel gelesen, der mich denken ließ, wir sollten einmal eine Liebeserklärung an Leute, die ihre Aggression moralisch genießen, veröffentlichen, und ich stellte mir die Plakate dazu vor: empört euch, klagt an und beruft euch dabei auf halbe Informationen, wie giftig du bist, sagte das Kind, dann lachte es und sagte, guck mal diesen Film an, (http://www.youtube.com/watch?v=f1oMhMwUbgc) dann kannst du auch ein bißchen Aggression moralisch genießen, und die Chefin sagte, oder unmoralisch, ist auch mal schön...
Freitag, 11. September 2009
821.
Der Demokratiebeauftragte hatte schlecht geschlafen, daß er mit Billigung der Dame Ö vor den Schnabel des Pestvogels geraten war, ärgerte ihn, und als er drei-ein-halb Parkplätze vor der EinSatzLeitung über dem Cabrio-Dach eines langgestreckten schwarzen Fahrzeugs eine wohlbekannte karierte Mütze entdeckte, ging er ausnahmsweise eher unsouverän und bedürftig auf den Sicherheitsbeauftragten zu, um ihn zu fragen, wie denn jenes Tier wieder angelockt worden sei, fragen Sie die Kreativleitung, riet Karomütze, ich glaube, es hat was mit ihrer Geschichte zu tun, denn als die verlesen wurde, kam er hektisch und fett angeflogen, eifrig schnatternd, daß er dann auf Sie losgegangen ist, war vielleicht eher ein Kollateralschaden, und der Demokratiebeauftragte dachte, o nee, nicht das auch noch, denn das Lächeln der Kreativleitung war ihm immer etwas unbehaglich, aber als er sie im "Bistro" traf, bat er doch darum, sie einmal in Ruhe sprechen zu dürfen.
Mittwoch, 9. September 2009
820.
Sitzung der EinSatzLeitung
Anwesend: ALLE EinSatzKräfte, Diskurswart, Kwaliteitswart, Komplexitätswart, Mr. Precuneus
Außerdem: Mo und die beiden Babies
Sitzungsleitung: Die Chefin
Protokoll: Demokratiebeauftragter
Die Chefin zeigt sich erfreut darüber, daß einmal alle da sind, und stellt (unterbrochen vom Kleinchen der Leitung Öffentlichkeit, welche mit dem krähenden Wesen schleunigst den Raum verläßt) die Tagesordnung vor:
TOP 1. Die RosenNoth des zuende gehenden Sommers (Kreativleitung)
TOP 2. Die Hosenfrage im Sudan (Mr. Precuneus)
TOP 3. Die hohe Kunst der Vermeidung von Kommentaren zur Wahl (Komplexiteitswart)
TOP 4. Verschiedenes (keine Anmeldungen)
TOP 1:
Die Kreativleitung tritt vor, macht darauf aufmerksam, daß dieser Sommer nicht gerade ein Rosensommer gewesen sei. Auf ihren Wegen durch die öffentlichen Parkanlagen hätte sie die hauptstädtischen Rosen den ganzen Sommer über müde und kränklich gesehen. Dieser Anblick habe sie in seiner Trübetrostigkeit inspiriert zu einem kleinen Text, und dann liest sie zehn Minuten lang aus einem Manuskript vor, in dem von einer Frau erzählt wird, deren Sohn weit weg von zuhause bei einem Einsatz ums Leben gekommen ist. Die Frau leidet seitdem unter einer Zwangserkrankung, muß jeden Tag mindestens eine Rosenblüte irgendwo abschneiden, und so wildert sie sich durch die Blumenläden der ganzen Stadt, denn in diesem Sommer tun ihr die Rosen in den Parkanlagen so leid in ihrer Kläglichkeit. Die Geschichte hat nicht einmal ein richtiges Ende, aber die EinSatzKräfte fühlen sich zum Klatschen verpflichtet, auch die Kreativleitung wirkt ganz zufrieden, als sie es überstanden hat.
TOP 2:
Mr. Precuneus, unser neues Brecherchen, ist überhaupt nicht nervös vor seinem ersten Auftritt, den er vor versammelter Mannschaft und in aller Form absolvieren muß. Er erzählt völlig ungezwungen von den Kleiderordnungen in manchen Ländern und von den vielen Frauen, die nicht die Bekanntheit von Lubna Hussein haben und sich deswegen tatsächlich auspeitschen lassen, weil sie Hosen tragen, und er gibt eine Unterschriftenliste herum, auf der sich bitte alle eintragen sollen, die einen Brief unterstützen wollen, der den Autoritäten des Landes nahelegt, so ein albernes und böses Gesetz ab sofort nicht mehr anzuwenden und so schnell wie möglich aus ihren Gesetzbüchern zu streichen. Eigentlich sollte man, sagte er dann, damit drohen, demnächst auch Kleidervorschriften für sudanesische Männer, insbesondere Offizielle, zu erlassen, bei deren Nichteinhaltung sie auf keinem europäischen Flughafen mehr durch die Kontrollen kommen, sondern zurückgeschickt werden, mit Peitschen wollen Sie hier sicher nicht wieder anfangen, scherzt er, denn dann hätten wir Flüchtlinge doch gar keinen Grund mehr, zu Ihnen zu kommen, das wäre doch schade. Stimmt, ruft Mo, und springt begeistert auf seine Schulter. Allgemeiner Applaus, die Braue der Dame Ö hat der unterzeichnende Protokollant nicht beobachtet.
TOP 3:
Den Komplexitätswart hatte man bisher praktisch nur auf der Kommentarebene bemerkt, an diesem Tag geht er, auf wessen Protektion auch immer, nach vorne, und erläutert umständlichst, was alle sowieso schon wissen, daß man nämlich nach Wahlkommentaren bitte in anderen blogs suchen soll, es gibt doch genug. Er erklärt das etwas umständlicher, wie gesagt, es dauert auch mindestens 20 Minuten, und warum die Leute geklatscht haben, haben der klitzekleine Forschungsminister und ich eigentlich nicht verstanden, wir haben uns enthalten.
TOP 4:
Alle melden sich ab zur Arbeit. Im Hinausgehen sagt die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit, die während der Ausführungen von Precuneus mit beruhigtem Kind wieder hereingekommen war, zur Kreativleitung, es tue ihr SO leid, daß sie die Geschichte mit der RosenNoth verpasst hätte, die sei sicher ganz besonders toll gewesen. Da habe ich die Braue der Dame Ö sehr weit oben gesehen.
In der Hoffnung, diesmal wieder ein halbwegs geordnetes Protokoll geliefert zu haben, grüßt most humbly and obedient der Demokratiebeauftragte (ehemals stiller Theologe).
Anwesend: ALLE EinSatzKräfte, Diskurswart, Kwaliteitswart, Komplexitätswart, Mr. Precuneus
Außerdem: Mo und die beiden Babies
Sitzungsleitung: Die Chefin
Protokoll: Demokratiebeauftragter
Die Chefin zeigt sich erfreut darüber, daß einmal alle da sind, und stellt (unterbrochen vom Kleinchen der Leitung Öffentlichkeit, welche mit dem krähenden Wesen schleunigst den Raum verläßt) die Tagesordnung vor:
TOP 1. Die RosenNoth des zuende gehenden Sommers (Kreativleitung)
TOP 2. Die Hosenfrage im Sudan (Mr. Precuneus)
TOP 3. Die hohe Kunst der Vermeidung von Kommentaren zur Wahl (Komplexiteitswart)
TOP 4. Verschiedenes (keine Anmeldungen)
TOP 1:
Die Kreativleitung tritt vor, macht darauf aufmerksam, daß dieser Sommer nicht gerade ein Rosensommer gewesen sei. Auf ihren Wegen durch die öffentlichen Parkanlagen hätte sie die hauptstädtischen Rosen den ganzen Sommer über müde und kränklich gesehen. Dieser Anblick habe sie in seiner Trübetrostigkeit inspiriert zu einem kleinen Text, und dann liest sie zehn Minuten lang aus einem Manuskript vor, in dem von einer Frau erzählt wird, deren Sohn weit weg von zuhause bei einem Einsatz ums Leben gekommen ist. Die Frau leidet seitdem unter einer Zwangserkrankung, muß jeden Tag mindestens eine Rosenblüte irgendwo abschneiden, und so wildert sie sich durch die Blumenläden der ganzen Stadt, denn in diesem Sommer tun ihr die Rosen in den Parkanlagen so leid in ihrer Kläglichkeit. Die Geschichte hat nicht einmal ein richtiges Ende, aber die EinSatzKräfte fühlen sich zum Klatschen verpflichtet, auch die Kreativleitung wirkt ganz zufrieden, als sie es überstanden hat.
TOP 2:
Mr. Precuneus, unser neues Brecherchen, ist überhaupt nicht nervös vor seinem ersten Auftritt, den er vor versammelter Mannschaft und in aller Form absolvieren muß. Er erzählt völlig ungezwungen von den Kleiderordnungen in manchen Ländern und von den vielen Frauen, die nicht die Bekanntheit von Lubna Hussein haben und sich deswegen tatsächlich auspeitschen lassen, weil sie Hosen tragen, und er gibt eine Unterschriftenliste herum, auf der sich bitte alle eintragen sollen, die einen Brief unterstützen wollen, der den Autoritäten des Landes nahelegt, so ein albernes und böses Gesetz ab sofort nicht mehr anzuwenden und so schnell wie möglich aus ihren Gesetzbüchern zu streichen. Eigentlich sollte man, sagte er dann, damit drohen, demnächst auch Kleidervorschriften für sudanesische Männer, insbesondere Offizielle, zu erlassen, bei deren Nichteinhaltung sie auf keinem europäischen Flughafen mehr durch die Kontrollen kommen, sondern zurückgeschickt werden, mit Peitschen wollen Sie hier sicher nicht wieder anfangen, scherzt er, denn dann hätten wir Flüchtlinge doch gar keinen Grund mehr, zu Ihnen zu kommen, das wäre doch schade. Stimmt, ruft Mo, und springt begeistert auf seine Schulter. Allgemeiner Applaus, die Braue der Dame Ö hat der unterzeichnende Protokollant nicht beobachtet.
TOP 3:
Den Komplexitätswart hatte man bisher praktisch nur auf der Kommentarebene bemerkt, an diesem Tag geht er, auf wessen Protektion auch immer, nach vorne, und erläutert umständlichst, was alle sowieso schon wissen, daß man nämlich nach Wahlkommentaren bitte in anderen blogs suchen soll, es gibt doch genug. Er erklärt das etwas umständlicher, wie gesagt, es dauert auch mindestens 20 Minuten, und warum die Leute geklatscht haben, haben der klitzekleine Forschungsminister und ich eigentlich nicht verstanden, wir haben uns enthalten.
TOP 4:
Alle melden sich ab zur Arbeit. Im Hinausgehen sagt die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit, die während der Ausführungen von Precuneus mit beruhigtem Kind wieder hereingekommen war, zur Kreativleitung, es tue ihr SO leid, daß sie die Geschichte mit der RosenNoth verpasst hätte, die sei sicher ganz besonders toll gewesen. Da habe ich die Braue der Dame Ö sehr weit oben gesehen.
In der Hoffnung, diesmal wieder ein halbwegs geordnetes Protokoll geliefert zu haben, grüßt most humbly and obedient der Demokratiebeauftragte (ehemals stiller Theologe).
819.
Als der Buchhalter am Mittwochmorgen in sein Büro kam, sah er den Oberassistenten am falschen Platze, nämlich seinem eigenen, und er war sehr erbost, denn das mochte er nun nicht.
Dienstag, 8. September 2009
818.
Aus irgendeinem Grund - die Nachtarbeitsgepflogenheiten der Kreativleitung und mehrere Liter Kaffee waren daran nicht ganz unbeteiligt - gelang es der Chefin dennoch, am folgenden Tag gemeinsam mit anderen EinSatzKräften zu einer Pressekonferenz zu erscheinen, mit einer wohlvorbereiteten Stellungnahme, in der die Chefin nicht nur die Frage "Helden und Opfer, ja oder nein" erörterte (sie wies sie als falsch gestellt zurück), sondern die Balance zwischen einer völlig ausgenüchterten Selbstdefinition der Gründe und Regeln der EinSätze und einer tief empfundenen Notwendigkeit, jedem, der aus dem Eigensten etwas eingesetzt hatte, zu danken und den Wert seiner EinSatzBereitschaft vorzustellen, gut "rüberbrachte," obwohl die Kreativleitung sogar ein paar Sätze von Derrida in die Rede geschmuggelt hatte, und als die Chefin während der hochnotpeinlichen Befragung aus den schmuddeligeren Ecken der Reporterschaft ein wenig nervös zu werden drohte, hob die Kreativleitung mitten aus dem Publikum schnell einmal ein Mo über den Kopf, bei dessen Anblick man nicht wußte, ob seine aufgeregten Augen heller strahlten oder doch eher der blaue Mantel, in den es sich bei offiziellen Anlässen (notfalls trotz Hitze) zu hüllen pflegte, weil nun einmal kein Mantel schöner ist als der Blau-Mantel von Paul Klee.
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