Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Montag, 7. September 2009
817.
Während die Chefin am Wochenbeginn ernsthaft - und gelegentlich ihre Haare vorsichtig raufend - die verschiedenen Probleme der Welt erwog, immer bemüht um das korrekte Maß für Kommentare, Urteile, Petitionen und was noch so erforderlich war, während sie insbesondere mit Karomütze eingehende Unterredungen abhielt, die Fehler vergangener EinSätze betreffend und neue Pläne eruierend, ging das Gezänk in der Kreativabteilung ungebremst weiter, der Diskurswart konnte sich nicht entscheiden, ob er gewisse Gemeinheiten von Dame Ö kokett an sich ziehen oder lieber abwehren sollte, die Kreativleitung wurde kurzfristig selbst einmal sauer auf das Mo, weil dieses sich wild einmischte in den Streit, und zu allem Überfluß kam dann auch noch der Buchhalter herzu, um auf eine verstrichene Lieferfrist hinzuweisen.
Sonntag, 6. September 2009
816.
Als die Kreativabteilung solcher Art noch immer in heller Aufregung war, kam nach wegen seiner Leisigkeit überhörten Anklopfens unaufgefordert eintretend herzu der Herr Diskurswart, denn es war ihm noch etwas eingefallen, was er das Mo gern fragen wollte.
Samstag, 5. September 2009
815.
Der erzählende Kranich hatte mehrere Tage geschlafen, es muß ein alter Instinkt sein, sagte er, als er erwachte, denn meine Kollegen und Artgenossen sammeln sich ja jetzt für die langen Flüge, schlagen sich die Bäuche voll und ruhen noch einmal gründlich aus, um die lange Zeit in der Luft zu überstehen; sodann schüttelte er sein Gefieder, bewegte tänzelnd seine Beine, sah sich im Kreativbüro um, als wäre er nie dort gewesen, und zupfte mit seinem Schnabel gedankenverloren ein kleines grünes Stoffstückchen aus dem Wandteppich.
Freitag, 4. September 2009
814.
Was mir immer wieder auffällt an allem, was ich hier so zu Fortbildungeszwecken lese, lachte Mr. Precuneus, indem er eine der bei herrlichem Sonnenschein selbstverständlich sofort wieder in Scharen anschwirrenden Wespen mit gelassener Hand beiseite wedelte, was mir immer wieder auffällt in Ihrer Literatur hier, ist dieser feste Glaube an die methodische Lebensführung, du setzt dir ein Ziel, du unternimmst dies und das, und schon hast du es erreicht, du schreibst ein paar Tugenden auf, prüfst sie noch an diesem oder jenem historischen Fall, und schon hast du eine "Werteerziehung" und ein tolles Raster, um Leute zu beurteilen, und wenn dir dann einer über den Weg läuft, der sich entweder nicht an das Raster hält oder nicht an das Urteil, das jemand sich aufgrund des Rasters über ihn gebildet hat, dann bist du doch völlig platt oder haust gleich mal drauf, bis er platt ist, wie sehe ich das, du kassierst ihn, sagte die Gattin des ehemaligen Chefs, und versuchst durch in der Regel "irrtumsbasierte Maßnahmen," ihn nun dahin zu erziehen, daß er ins Raster passt, über das sich doch zugleich keine zwei Internetseiten einig sein können, von Büchern zu schweigen, und Precuneus, der sich daran gewöhnt hatte, mit der Gattin des ehemaligen Chefs schnell eine kleine eigene Parteiung zu bilden, immer in der primären Hoffnung, dadurch den ehemaligen Chef aus der Reserve zu locken und zu seinem alten rabauzigen Format zu provozieren, lächelte den Herren erwartungsvoll an, der aber knurrte nur, er erinnere sich da an eine Debatte über primäre und sekundäre Tugenden, wobei dann die Lumpen ihr Ablegen der "sekundären" Tugend mit hohen politischen Ansprüchen rechtfertigen und für sich in Anspruch nehmen, die primären, die hätten sie natürlich, aber die hat doch keiner von denen, brummte er, und die Gattin des ehemaligen Chefs sagte, weißt du eigentlich daß deine Nachfolgerin die - eher radikale - Ansicht hegt, daß keiner, der sich für berufen hält, bei einem anderen die sekundären und gar die primären Tugenden (Wertbindung durch Einsicht usw.) abzuprüfen, sie bei sich überzeugend haben kann?
Donnerstag, 3. September 2009
813.
Wenn morgens die Wolken schwer über der Stadt hängen und alles dunkelgrau aussieht, mögen nicht einmal die Wespen mehr ausfliegen um von meinem Marmeladenbrot zu naschen und alle zu nerven, stellte das Kind fest, und als die Chefin ansetzte zu sagen, dann hat das miese Wetter doch auch sein Gutes, unterbrach es sie schnell, es müsse jetzt zur Schule, da werde schon genug positives Denken gepredigt, danke.
Mittwoch, 2. September 2009
812.
Jetzt stottert sie schon, sagte das Mo, indem es mit einem entschuldigend zerknitterten Gesicht zu dem hereingeschwebten Vogel aufschaute, die Kreativleitung muß sich irgendwie übernommen haben, und das Mo plusterte sich wichtig in seinem blauen Mantel, iwo, sagte die Kreativleitung, ich habe einfach eine Taste doppelt gedrückt, so kam es zu zweimal 811, das haben wir sofort, und als dieses Problem gelöst war, sahen die Kreativleitung und Mo den erzählenden Kranich erwartungsvoll an - er aber sagte, ich weiß heute nicht so recht, was ich erzählen soll, und ließ den Kopf hängen, ein Falke und eine Taube haben mir gesagt, ich dürfe nichte erzählen von dem Wesen, das unter einem Baum saß und ... bitte nicht grün werden, schob er noch nach, denn er mochte es nicht, wenn die Kreativleitung distanzierend ergrünte, sie aber lachte und sagte, nein nein, es wird wohl auch in der Vogelwelt diesen Unterschied geben zwischen einer guten Schweigepflicht, mit der man jedes Wesen schützt, das sich einem anvertraut, aber nicht verraten sein will, und einer schlechten Schweigepflicht, mit der man Wesen so mundtot macht, daß dann natürlich auch nie wieder Gespräche möglich werden, wie wäre es, wenn wir Ihnen hier die gute Schweigepflicht anböten, mit der wir keinem Falken und keiner Taube verraten, was Sie uns erzählen, so daß die scheußliche Schweigepflicht, die jene Ihnen auferlegt haben, nicht mehr so lange Schatten werfen müßte auf alles und jeden, der mit Ihnen in Berührung käme, und der erzählende Kranich, sonst so souverän und heute so geknickt, wechselte sein Standbein und schwieg ein langes Schweigen.
Dienstag, 1. September 2009
811.
Bis spät in die Nacht arbeitete die Kreativleitung, indem sie mit den Füßen auf dem Drehstuhl, rücklings auf dem Teppich liegend, in einen kleinen Apparat sprach, wie sie am anderen Morgen die Fäden weiter zu verweben und zu verknüpfen gedachte, etwas über die Freude, die es sein kann, wenn man eine unglückliche Nichtverbindung aufgibt, zum Beispiel, etwas über die menschliche Seite der Generäle und die unmenschliche Seite der hauptberuflich menschelnden Menschen, und als sie schließlich in dieser für sie ja nicht völlig ungewöhnlichen Position eingeschlafen war, da klopfte es schon wieder am Fenster, denn der erzählende Kranich kam am liebsten im Morgengrauen.
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