Dienstag, 7. Juli 2009

755.

Am anderen Ende der Welt der Agentenführer muß sich allmählich schwer Gedanken machen, sagte sich der Sicherheitsbeauftragte, als er in seinem schwarzen Radio Karomütze durch die Hauptstadt fuhr und nichts weiter zu sagen wußte, weil es einfach zu warm und nett war für ärgerliche Geschichten und wüste Kombinatorik, er muß es doch gut mit mir meinen, mein Agentenführer, dachte er weich werdend, und er riß sich, um etwas aufzuwachen, die Mütze vom Kopf, denn selbst bei offenem Verdeck schwitzte er darunter, ha, sagte er sich dann, ich habe wieder was für meine Nachrichtenabteilung, guten Tag, hier spricht Radio Karomütze, Sie hören die Nachrichten, Berlin, das Stadtmagazin pitty ist von der dritten Strafkammer des Berliner Oberlandesgerichts heute zu einer Geldstrafe von umgerechnet 20.000 Reichsmark verurteilt worden, weil es die Behauptung "Es wäre nicht das erste Mal, daß das Leben die Kunst imitierte" als Kunst verkaufen wollte, Nebenkläger Heribert Stulle konnte glaubhaft machen, daß er diesen Satz erstmals und unter permanenter Hochhaltung eines Copyright-Zeichens an einem Lagerfeuer im Schwarzwald ausgesprochen hat und einziger Inhaber der Rechte an diesem Satz ist, ein Wahnsinn, was mein Agentenführer, sagte Karomütze, ein echter Wahnsinn, bevor er resigniert und erschöpft seine Mütze wieder aufsetzte, um sich das Köpfchen nicht zu erkälten, auch fuhr er auf eine Tankstelle.

Montag, 6. Juli 2009

754.

Im "Bistro" hatte man die Jalousien heruntergelassen, denn endlich war ein wenig Sommer ausgebrochen, und man konnte sich über die Hitze aufregen, sich über Hitze aufzuregen, das ist eine tolle Sache, fand die Dame Ö, jedenfalls wenn die Hitze sich so sehr rar macht, aber dann sah sie, wie es dem klitzekleinen Forschungsminister erging, welcher sich an einem Eiswürfel festhielt, dessen Abtauflüssigkeit ein Buch besudelt hatte, und sie fragte, Herr Kollege, was ist Ihnen, bekommt sie Ihnen wirklich nicht, die Hitze, und der Klitzekleine schnarrte, ach nein, manchmal kann ich es nur einfach nicht mehr sehen, was man alles so lesen muß, manche Leute tun wirklich so, als wären es die wütend freiheitsliebenden Leute gewesen, die diese Kultur hier ruiniert haben, und nicht die Nazis, die alles wollten, nur keine Freiheit, und er seufzte schwer, denn wenn man bedenkt, wie vergeblich alle Lasten und Schrumpfungen der Kulturkritik gewesen zu sein scheinen angesichts der neuen Moden von Autorität und "Einbindung," dann ... Sie werden gleich zerfließen wie Ihr Eiswürfel, sagte die Dame Ö resolut, nahm Buch und Eiswürfel an sich und brachte ihm stattdessen ein schönes Kaltgetränk, Kaffee mit Eiswürfeln in einer kleinen Tasse, das wird Sie wieder nach vorn bringen, sagte sie, und dann stellte sie ähnliche Getränke auf ein Tablett, um in der Kreativabteilung zu verschwinden, wo sie sich längst für durchaus unentbehrlich hielt.

Sonntag, 5. Juli 2009

753.

Nachdem es den Sonntagmorgen eher verschlafen und dann mit ein wenig Apfel und Honig begonnen hatte, begann das Mo, auf dem Frühstückstisch hockend und sich sehr sorgsam um die Krümel eines Croissants mühend, der Kreativleitung eine neue Sache in den Ärmel zu zupfen, die Gründung einer Sekte, was sagst du dazu, wisperte es mit groß leuchtenden Augen und immer wieder haltlos kichernd, meinst du nicht, das könnte uns sanieren, der Kult des Buchhalters, wie findest du das, und die Kreativleitung war sicher die einzige EinSatzKraft (das ist sie schließlich, mag man sie auch selten so bezeichnet finden wegen ihrer eigenartigen Sonderstellung), die auch in dieser Sekunde nicht am Verstand des kleinen Wesens zweifelte und ebensowenig an der Tapferkeit seines armen zerbrochenen Herzchens.

Samstag, 4. Juli 2009

752.

Wie still es ist, dachte das Mo und kletterte noch etwas verschwitzt auf die Fensterbank, um in die leeren Straßen zu schauen - eigentümlich still, mitten in der Großstadt fast nur Singvögel zu hören, Mo setzte sich ein wenig zurecht, um aus der kleinen Straße weiter in die große Straße zu schauen, üblicherweise hatte man diese von der Sinneswahrnehmung auszusperren, zu laut, zu häßlich, aber nicht einmal hier waren Autos zu sehen, selbst die unentrinnbare und unerbittliche Verwertungsgemeinschaft schien für einen Augenblick aufgelöst zu sein in einzelne Schläfer mit Restalkohol im Blut; sie werden auf diese Weise den Lohn einfahren, dachte Mo, moderat verworfene Lebensweise, Kenntlichkeit ihrer Initiativen, die machen es richtig, und verschämt das schüttere Haare kämmend lächelte es leise auf die Stadt herab, bis aus den benachbarten Wohnungen herantackernde Stimmen den üblichen Lärm über alles legten und ein Tag begann.

Freitag, 3. Juli 2009

751.

Die Sache hatte natürlich ein Nachspiel, unschön wie die meisten Nachspiele, dieses hatte das Potential, besonders unschön zu werden, denn es mußte ja zu einem Problemgespräch zwischen Chefin und Kreativleitung im Chefinnenbüro kommen, bei welchem die Kreativleitung in Lichtgrün erschien und lächelnd erklärte, es sei ihr am Vortage ein kleiner Text gleichsam entfahren mit dem Titel "Die große Belehrung," welchen sie einfach am Stücke habe niederschreiben müssen, da ein sehr sperriges Materialgemisch aus tiefvulgärer Motivation und raffinierter Durchführung in einen lesbaren Fluß habe gebracht werden müssen, sei eine Unterbrechung des Schreibflusses einfach nicht möglich gewesen, sie sehe freilich ein, daß es so nicht gehe, man dürfe nicht die tägliche Kontinuität durchbrechen, dazu auch noch unangekündigt, und was man denn nun um Gottes Willen machen solle, ob es irgendetwas gebe, das sie tun könne, um diesen Fehler wieder gut zu machen.

750.

Meine Damen und Herren, ein klein wenig Disziplin, schrieb die Chefin in eine Rundmail, als sie nach einem Tag mit höchsteigenem AußenEinSatz zuhause feststellen mußte, daß nicht einmal der klassische Google-Tempusfehler vor einer halben Stunde EinSatz-Verspätung retten würde, und sie scheute sich nicht, den Buchhalter noch spät in der Nacht durch einen Telefonanruf zu wecken und zu fragen, ob er wirklich so frustriert sei von den vielen Regelbrüchen, daß er etwa aufgegeben habe, auf pünktliche Lieferungen wenigstens minimaler EinSätze zu achten, der Buchhalter aber brummelte nur verlegen ins Telefon, und etwas in ihm knallte die Hacken in Pantoffeln angesichts der Tatsache, daß sie so spät nachts noch anrief, trotz allem.

Mittwoch, 1. Juli 2009

749.

Tatsächlich war Karomütze noch am Abend zur allgemeinsten Verteidigung gegangen, die genau so lange friedliche Gespräche führen konnte, wie sie das Kind ganz einfach im Schoß hielt, er wunderte sich darüber nicht weiter, manche Leute legen ihre Kinder eben von klein auf zu festen Zeiten in feste Betten, andere halten sie lieber im Schoß, solange die Kinder das verlangen, es nervte ihn etwas, daß immer irgendeine Unterbrechung war, fürchterlich, was so ein kleines Wesen alles braucht, und er ging auch nicht so gern selbst an Kühlschränke in fremden Küchen, um die Getränkeversorgung sicherzustellen, aber insgesamt ging es ruhiger zu als er erwartet hatte, die allgemeinste Verteidigung sagte, wir wissen nicht, was richtig ist, was sie heute verkünden, werden sie in 20 Jahren so falsch finden wie wir heute das, was unsere Mütter vor 30 Jahren richtig fanden, so folgen wir doch am besten einfach unseren Instinkten, und dann hörte sie ihm aufmerksam zu, als er seinen Skrupeln über seine Beteiligung an einer großen Maßnahme Ausdruck gab, wieder einmal die Gewissenskonflikte des Sicherheitstypen, interessant, daß er das so hat, dachte sie, und irgendwann lachte sie, vielleicht ist "Geburtshilfe" sowas ähnliches wie diese komische Maßnahme, in der du engagiert bist, da stehen lauter Leute um dich herum, wissen, irgendwie müssen sie auch da sein, aber machen mußt du es, du selbst erlebst es aber nun nicht gerade als ein Machen, denn es passiert dir doch, und es muß auch passieren, und wenn ich mir vorstelle, einer von deinen Maßnahmenschöpfern wäre dabei, du lieber Himmel, man würde ihn doch schnellstens rauswerfen, aber Karomütze fand diesen Vergleich irgendwie unpassend und verabschiedete sich recht bald.

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