Samstag, 21. März 2009

646.

Ausnahmsweise war die Kreativleitung, die man nicht gerade der Zwanghaftigkeit in Sachen Planbindung verdächtigte, darüber verärgert, daß sie den ganzen Tag nicht dazu gekommen war, ihren Plan einzuhalten, und als die Chefin anrief, um sich Rat für ein Interview zu holen, da gab ihn die Kreativleitung zwar bereitwillig, ließ aber auch ihrem Verdruß freien Lauf, denn sie hatte sich wieder dazu nötigen lassen, sich der "erklärenden Sprachen" zu bedienen, was sie durchaus noch konnte, wodurch sie aber daran gehindert wurde, sich in die anderen Sprachen, die ihr eigentliches Geschäft waren, zu versenken, und am Ende wird dann beides nichts rechtes, sagte sie klagend der Chefin, diese aber sagte, es tue ihr sehr leid, sie hoffe, sie nun mit diesem Ratersuchen nicht noch weiter zu ärgern, aber Unmassen von Wirsagern würden sie gerade bedrängen mit dem üblichen Zeug, sie sei anderntags zu einem Interview mit einer seriösen Sonntagszeitung geladen und müsse speziell auf das Wirgedränge geschickt antworten, sonst werde die EinSatzLeitung in große Schwierigkeiten kommen, was also, schloß sie, rätst du mir, was soll ich ihnen sagen, und die Kreativleitung sagte: mach das zum Thema, bring sie zum Platzen, die Worthülsen, wenn sie dir hingehalten werden, und zwar konsequent, suaviter in modo, fortiter in re usw., und wenn dich das Wirsagen stört, sag ihnen, warum, und vergiss nicht, ihnen zu zeigen, daß es dir um die Grenzverläufe geht, also darum, bis wohin die etwas schamlos gewordene Rede von Gemeinschaft gut und richtig ist, und wo sie absolut nichts mehr zu suchen hat, zeige die Mechanismen von "Wir" und "Nichtwir" noch einmal auf, auch wenn es dich zu Tode langweilt, und benenne immer und zu allem die Opfer an Gedanken, Gütern und Menschen, die jedes zu weit gehende Wir immer schon erfordert hat, und jetzt lass mich um Himmels willen an meinen Teppich!

Freitag, 20. März 2009

645.

Kannst du dir den Plan erklären, der hinter der amerikanischen Geste gegenüber Iran steht, fragte die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse bebend den Oberassistenten, der sie auf die neuesten Nachrichten aufmerksam gemacht hatte, und der Oberassistent gähnte und sagte, was regst du dich nur immer so auf, ist doch alles nur Spektakel, aber die Minderheitlerin setzte mit wütendem Knallen ihre Tasse ab und sagte dann -schnellstens wieder sehr beherrscht - deine träge Indolenz wird allmählich unerträglich, du weißt wohl nicht, was andere Leute für Sorgen haben, und sie dachte, schwer zu verstehen ist das ja nicht, wenn er sich nur nicht verschätzt mit den Leuten da, und sie ging mal nach dem Demokratiebeauftragten schauen, der hatte doch manchmal ganz interessante Ansichten und überraschenden Hintersinn.

Donnerstag, 19. März 2009

644.

In die Häuslichkeit des ehemaligen Chefs drangen mit den ersten kräftigeren Sonnenstrahlen des Frühlings bei länger geöffneten Fenstern mit vermehrter Kraft die Tiergeräusche, und so setzte der allmählich müder werdende Alte sich auf die Veranda seines Häuschens, legte sich eine Wolldecke über die Beine und belauschte die emsigen Vögel, die Katzen und die fernen Stimmen irgendwelcher Nachbarn, und näher als die Erinnerung an seine eigenen Reden über die Tiere und ihre Nöte, näher als seine lang gehegten Gedanken über die Nöte des Tierhaften in uns und wie es sich in wohlgehegten Gärten wohl genug fühlt, um auch bei geöffnetem Ausgang gern wieder zu kommen wie eine fröhliche Katze, wie es sich aber in Käfigen (wären sie auch nichts weiter als der Käfig irgendeiner blödsinnigen Strategie zur Eroberung irgendwelcher Herzen, die nun einmal nicht durch Strategien gewonnen werden) verelendet und feindlich gegen die Menschen und schließlich gegen sich selbst wendet, näher als alle diese seine lange gepflegten und geordneten und in immer neuen Auflagen formulierten und in immer neuen Diskussionen mit anderen weiter entwickelten Gedanken lagen ihm nun seine Erinnerungen an die eigenen Kinderstreiche, als er noch gemeinsam mit seinen Geschwistern und Freunden durch die Gärten der Umgebung seines Elternhauses gezogen war, immer auf der Suche nach kleinen Streichen und Gelegenheiten zu Abenteuern, die damals riesig erschienen waren und heute unerreichbar, ja unvorstellbar sein mußten, denn wie willst du mit diesen Knien noch unter Hecken durchkriechen, fragte er mit einem Blick auf die Decke, die der über seine Beine gelegt hatte, seine Gattin, (wieder einmal brachte sie ein Tablett mit dampfendem Tee und setzte sich zu ihm), und die Gattin lächelte und dachte an die Streiche, welche sie selbst als Kind so manchem Nachbarn gespielt hatte, und, wie sie nun vielleicht hätte gestehen sollen, auch mancher Katze in der Nachbarschaft, natürlich stets nur, um die lieben Singvögelchen vor ihr zu retten, und sie gestand nicht, dachte vielmehr recht allgemein, daß Kinder manchmal grausam sind, und daß sie irgendwann lernen, damit aufzuhören, wenn alles gut geht, aber auch das sagte sie nicht, denn man kann nicht auch noch im Ruhestand dauernd pädagogische Gespräche führen, dachte sei.

Mittwoch, 18. März 2009

643.

Während im Büro der Chefin diese selbst, der Demokratiebeauftragte und Karomütze sich über eine Note nach Madagaskar abstimmten (ein ganz normaler Prozeß, würde man sagen, aber Karomütze hatte nicht nur Feuer gefangen an der Schönheit der Namen, sondern außerdem wurde der Demokratiebeauftragte fast wieder zu einem Militärfan angesichts der Nachricht, daß das madagassische Militär von sich aus abgelehnt hatte, eine Militärregierung zu bilden, als es dies durchaus gekonnt hätte, und dank dieser geballten Begeisterung herrschte im Chefinnen-Büro ungewöhnlich gute Stimmung), brach im "Bistro" ein schwerer Streit aus zwischen dem klitzekleinen Forschungsminister und der Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, in dem die letztere sagte, die Kreativleitung sei entsetzlich eingebildet und glaube neuerdings, ihrer Zeit voraus zu sein, welcher sie in Wahrheit hoffnungslos hinterherhinke, worauf der klitzekleine Forschungsminister nicht anders zu antworten wußte als durch eine in nöligem Tone vorgebrachte allgemeinste Ansprache über Zeit und Zeiten, Epochensprünge und andere Merkwürdigkeiten, und als sie eben beschlossen hatten, die allgemeinste Verteidigung zu Rate zu ziehen, kam statt ihrer die Kreativleitung selbst zur Tür herein, ein noch sehr verschlafen aussehendes Mo auf ihrer Hüfte tragend, und sehr erstaunt angesichts der schlechten Stimmung, die anscheinend durch des Forschungsministers zugegeben etwas langatmige Vorträge bei der Minderheitlerin mit der blauen Bluse und den ewig rotgeränderten Augen ausgelöst wurde, und sie setzte das Mo neben den Forschungsminister auf den Tisch, schnappte sich die widerstrebende Minderheitlerin und verwickelte sie auf dem Weg zum Kaffeeautomaten in ein Gespräch über das beste Material für eine Bluse, zu tragen in der Übergangszeit.

Dienstag, 17. März 2009

642.

Der Minderheitler mit den grünen Borsten war mit der BVG zu einem Treffen mit Herrn X. gefahren, welches ihm insgesamt schwerpunktmäßig laut vorgekommen war, und als er sich in der U-Bahn befand, um zurück zu fahren, erschienen ihm die U-Bahngeräusche und die Ansagen ungewöhnlich laut, und als er nachhause kam, befragte er ein paar ältere Lieferungen des EinSatzBuches auf seine persönliche Rolle in demselben und fühlte sich, als wäre er ein grünes blödes Blatt, reichlich unbeschrieben.

Montag, 16. März 2009

641.

Am Montagmorgen mußte Karomütze, welcher das Wochenende mit seinem Kumpel und mit der Suche nach etwas wie Unterhaltung verbracht hatte, nicht lange überlegen, ob er Kontakt zum Kreativbüro aufnehmen solle, denn die Kreativleitung kam von sich aus auf ihn zu, ungewöhnlich angespannt und genervt, geradezu leidend, und sie sagte, es verschwänden neuerdings Bücher aus ihren Regalen, und zwar nahezu systematisch diejenigen, die sie am meisten liebte oder für ihre Arbeiten am dringendsten brauche, und es sei ihr, egal wen sie realistischerweise verdächtigen könne, praktisch unerträglich, eine dieser Personen zu verdächtigen, denn in ihrem Büro und ihrer Wohnung gingen doch nur Mo, die allgemeinste Verteidigung, die Chefin, der Kwaliteitswart und dann und wann das Kind der Chefin ein und aus, sie könne doch nun nicht eine von diesen Personen in Verdacht nehmen, zugleich sei sie hinsichtlich verschiedener Bücher vollkommen sicher, sie vor nicht allzu langer Zeit in ihrem Büro in der Hand gehabt und wieder an ihren Platz gestellt zu haben, sie habe das ganze Wochenende nach den besagten Büchern gesucht, sie seien definitiv nicht in ihrer Wohnung und nicht in ihrem Büro, so daß die Sache nun einmal überprüft werden müsse, zumal sie im übrigen auch Wert lege auf Notizen, die sie just in diese Exemplare gekritzelt habe oder auf Widmungen, die man ihr in die Bücher geschrieben habe.

Sonntag, 15. März 2009

640.

Nachrichten aus Madagaskar waren für Karomütze, der keinerlei Dienstverpflichtungen in diesem Lande hatte, ein Anlaß, in seiner Globensammlung die verschiedenen Exemplare daraufhin anzuschauen, welchen Kenntnisstand sie von dieser erstaunlichen Insel verrieten, und spätestens als er auf einem winzigen Taschenglobus aus dem frühen 19. Jahrhundert mit seiner Lupe das Reich des Königs Andrianampoinimerina entdeckte, welcher erst in Ambohimanga residiert und dann kurz vor Beginn die heutige Hauptstadt Antananarivo zu seinem Regierungssitz gemacht hatte, dachte er, es wäre Zeit, das Kreativbüro über die unglaublichen Wortschätze zu informieren, die hier zu heben waren, wenn man dazu noch bedachte, daß der Vorname eines wunderbaren Jazz-Musikers zugleich der Name eines ausgestorbenen madagassischen Kranichs war, das müßte doch etwas sein, aber er war sich nicht sicher, daß er imstande sein würde, alle Silben korrekt durch die Leitung zu pusten, und so ließ er den Gedanken wieder fallen und rief lieber mal seinen Kumpel an.

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