Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Samstag, 14. März 2009
639.
Mit gewaltigen Schwüngen überflog der erzählende Kranich die Länder, die Himmel waren angefüllt mit Rufen von Vögeln, welche alle vor der beginnenden Hitze in den südlichen Quartieren flüchtend sich aufgemacht hatten in Gegenden, in denen endlich etwas wie ein Frühling sich zu zeigen begann, wie findest du das, fragte Mo, und die Kreativleitung wollte nicht sagen, daß es ihr ein wenig bekannt vorkomme, sondern meinte, eher sanft, du müßtest ihm jetzt vielleicht eine kleine ungewöhnliche Begegnung erlauben, dann wird es sehr schön, Mo aber zögerte.
Freitag, 13. März 2009
638.
Am Freitag war die EinSatzLeitung wieder einmal dünn besetzt, als die Chefin eintraf, der Buchhalter mit seinem seit einiger Zeit wieder ziemlich ewigen karierten Flanellhemd, das er beständig in seine Hose stopfen mußte, kam ihr wie es aussah aus dem angekündigtermaßen unbesetzten Büro der Leitung Öffentlichkeit entgegen, ein wenig hüstelnd und rötelnd, wie zur Bestärkung dieser Vermutung - was er da gewollt haben kann, anscheinend müssen wir doch ein bißchen mehr auf Persönlichkeitsschutzsphären im Inneren achten, dachte die Chefin, während sie seinen ungeschickten Morgengruß mit einem maßvoll strengen Nicken erwiderte, durch welches, so hoffte sie, ihm klargemacht werde, wer hier ein Auge auf alles habe, ohne daß doch schon etwas kaputt gemacht worden sein mußte - und im "Bistro" saß die Kreativleitung, vor sich auf dem Tisch eine gewaltige Portion Milchkaffee, ein recht fröhlich die Spitze eines Croissants in das Getränk tunkendes Mo und eine Zeitung, über der sie soeben ihren Kopf schüttelte, glaubst du es, sagte sie zur Chefin, deren haselnußfarbene Augen ein wenig wärmer glimmten bei diesem Anblick, glaubst du, was die hier schreiben, "Ehemänner sagen, wie die Knef wirklich war," wenigstens dem zweiten hatte ich doch mehr zugetraut, meinst du, die sind in Geldnot, oder warum erlauben die so einer Zeitung, so etwas Gräßliches zu schreiben?
Donnerstag, 12. März 2009
637.
Der Leitung Öffentlichkeit lag eine Anfrage von einem Dr. Hyde vor, der wissen wollte, ob man so einen Namen auch ändern und ob man evtl. einen Autoren oder Verleger wie den der Geschichte von Dr. Jekyll and Mr. Hyde auch auf Schadensersatz verklagen könne, weil man nach Verbreitung bestimmter sehr einprägsamer Werke einfach mit bestimmten Namen nicht mehr herumlaufen und erfolgreich gute Produkte anbieten könne, und die Leitung Öffentlichkeit, die schon über die unverständliche Reaktion der Kreativleitung verdrossen gewesen war (wie kann die sich über die Frage "wer ist eigentlich XY wirklich" so aufregen und dann noch glauben, sie könne ihren unverständlichen Ärger verbergen, hatte sie vor sich hin geschimpft) sagte entnervt, wieso fragt der das uns, und wieso gerade jetzt, und sie sagte, ich glaube, ich nehme mir mal einen Tag frei.
Mittwoch, 11. März 2009
636.
In der Kreativabteilung erwachte Mo dann und wann kurz, um sofort wieder einzuschlafen, denn es schien ihr nicht sicher, wach zu sein, und die Kreativleitung, jederzeit bereit, aufzuspringen und mit Mo ins "Bistro" zu gehen, um sie zu versorgen, überließ sie einstweilen ihrem Schlaf - selbst aber sann sie ganz anderen Dingen nach, außer eigenen privaten Erinnerungen und Träumen auch einer Frage, die mehr als die Arbeit am Wandteppich betrafen, die Leitung Ö hatte ihr gesagt, es müsse endlich klar werden, "wer Mo recht eigentlich sei," und sie wußte nicht, wohin mit ihrer Fassungslosigkeit angesichts einer so bescheuerten Frage und hatte sich lieber zurück gezogen, um nichts Unpassendes zu sagen.
Dienstag, 10. März 2009
635.
Nachdem die Chefin die Kollegin und die Kollegen wieder fortgeschickt hatte, gingen diese drei noch schnell ins "Bistro," wo sie auf die allgemeinste Verteidigung und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse trafen, und Karomütze fand sich weiterhin im Mittelpunkt weiblicher Aufmerksamkeit, so sehr, daß der Demokratiebeauftragte (der doch auch nicht unansehnlich war, oder etwa doch?) allmählich giftig wurde und sagte, ich glaube, ich weiß jetzt, warum du unbedingt einen Alfa Romeo fahren mußt, du hast ein gewisses schweizerisches Vorbild, dessen Verurteilung noch nicht bei dir angekommen zu sein scheint, du willst dich als Romeo für Alpha-Frauen inszenieren, und da macht sich so ein schwarzer Straßenhobel natürlich besser als irgendein Polo oder so, und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse wunderte sich sehr, denn bisher war ihr der Demokratiebeauftragte etwas "souveräner" erschienen, aber sie sagte nichts, sondern lächelte ihm nur ein bißchen aufmunternd zu, bevor sie sich mit leisem Kopfschütteln wieder in das Gespräch mit der allgemeinsten Verteidigung zu vertiefen versuchte.
Montag, 9. März 2009
634.
Als Karomütze im Chefinnenbüro seine Krötenaufstellung vorstellte, war außer der Chefin und dem Demokratiebeauftragten nur noch die Leitung Öffentlichkeit zugegen, die zunehmend wohler aussah, und als der Demokratiebeauftragte fragte, ob man denn wirklich eine Koalition brauche und wieso man Robin Hood nicht einfach fange und vor ein ordentliches Gericht stelle, er verstehe das alles schon lange überhaupt nicht mehr, sagte die Leitung Öffentlichkeit, noch bevor Karomütze, welchem schon der Kamm schwoll, irgendetwas sagen konnte, "erklärt uns der junge Kollege nicht die ganze Zeit, daß hinter Robin Hood wie in den meisten derartigen Fällen vermutlich ein sehr böser alter Kerl steht, der sich als sehr guter und weiser und erziehlich umsichtiger und um das Wohl aller bemühter lieber Herr präsentiert, und ist es nicht so, daß dieser das Urteil der Öffentlichkeit im fraglichen Fall so sehr lenkt, daß die Leute nicht einmal mehr merken, wie sehr sie ihr eigenes Gewissen verschaukeln, wir wollen doch nicht den kleinen Dealer drankriegen mit seinem ein wenig großspurigen und propagandistisch schon nicht ungeschickten Trara, sondern den guten guten Menschen dahinter, der alles so ganz genau weiß, nur die einfachsten Dinge nicht zusammen bekommt, und das ist seltsamerweise erheblich schwerer als wir gedacht haben, da sie immer neue Gründe finden, aus denen es ihnen leider nicht möglich sei, mit legalen und unfeindseligen Mitteln das zu suchen, was sie für ihr Recht halten, weswegen sie eben glauben, sie müßten es auf die Weise erzwingen, die zwar bekanntermaßen langfristig alles zerstört, ihnen aber kurzfristig nicht nur als tugendhafter Pfad erscheint, sondern zudem noch Profit und Abenteuer bringt, und je länger sie das ohne starke Gegenkräfte tun können, desto schwerer wird es werden, zu sagen, daß es sich hier um eine Räuberbande und weiter nichts handelt," und während sie dies alles in ungewohnt langer Rede und keineswegs ölig sagte, hielt sie, wie um sich und ihr Kleines von etwas Besserem zu überzeugen (denn wir müssen doch, nicht wahr, vom Guten überzeugt sein, um es auch zu erlangen, schreit man das nicht von allen Dächern, dachte sie) ihren Bauch und sagte abschließend mit wohlwollendem Lächeln zu Karomütze hin, "Gott sei Dank muß ich nicht selbst los und die Wege der Drogenbarone erforschen, was Karomütze," und dieser schaute mit einem kleinen triumphierenden Blick auf den Kollegen Demokratiebeauftragten, denn so war er schon länger nicht mehr gewürdigt worden.
Sonntag, 8. März 2009
633.
Karomütze wäre es lieber gewesen, wenn er sich mit der allgemeinsten Verteidigung hätte unterhalten können wie früher, aber die war ja beschäftigt mit ihren Familienproblema, immerhin zog sie mit dem Typen nicht ausweglos zusammen, so gab es noch Hoffnung, daß sie den Kopf auf dem Hals behalten würde, dachte er, als er in seiner Wohnung, umgeben von der Globensammlung und im milden Lichte eines besonders absurd aussehenden Exemplars der Gattung "Leuchtglobus" aus den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, vor seiner großen Magnettafel das tat, was er nach Außeneinsätzen zur Beurteilung der Lage immer zu tun und "Krötenaufstellung" zu nennen pflegte: man nehme alle Informationen, die man unterwegs eingesackt hat, und platziere sie auf einer Karte, in deren Mittelpunkt natürlich die EinSatzLeitung zu stehen hat, man mache sich ein Bild von dem Bild, das in den Köpfen der anderen herumspuke (in manchen Fällen ist das geradezu lächerlich einfach, man schämt sich, es mit anzusehen, würde Dame Ö gesagt haben, in anderen Fällen muß man die Informationen genauer prüfen und verstehts auch nicht gleich), erwäge denkbare Koalitionen und setze neben jeden in Frage kommenden Koalitionspartner die Kröte, die im Falle einer zustandekommenden Koalition zu schlucken wäre, alles natürlich symbolisch, die Sache sieht am Ende aus wie eine kleine Landkarte mit Textkumulationen, aber dadurch, daß Karomütze aus der frühen Zeit seiner Freundschaft mit der ehemaligen Assistentin K, heute allgemeinste Verteidigung, noch ein paar kleine Plastikkröten mit Magnetkern besaß, die immer etwas bräunlich-grünlich schimmerten und einen unbeschreiblichen Gesichtsausdruck hatten, erhielt die Sache ihr spezifisches Gesicht, durch welches er trotz einer gewissen Ermüdung in den Stand gesetzt wurde, relativ lange durchzuhalten.
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