Freitag, 6. Februar 2009

604.

An diesem Samstagmorgen hätte die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse am liebsten nur Englisch gesprochen, denn sie hatte in englischer Sprache einen Text gelesen, in dem stand „time has come for a Palestinian Ghandi,“ für eine Aktion, in der diese ganzen Empörungen ein Ende fänden, weil die Leute sich entschlössen, aus ihrer Ohnmacht selbst eine Waffe zu machen, wirksamer als jede blöde Rakete, eine Waffe, die in Resignation bestehe, oja, keine Raketen, keine Organisation mit Maschinengewehren in viel zu dicht besiedelten geplagten Gebieten voller Trümmer, nur das einfachste Schleppen von Dingen, und immer den Kopf gesenkt, und immer die Hände gehoben, und immer „jaja“ und „neinnein“, und „groß ist Diana von Ephesos“ oder wer oder was auch immer gerade gerühmt werden muß, und nichts werden wir verbrennen, und nichts werden wir schießen, und nicht werden wir schreien, sondern vor aller Augen werden wir unsere Gebete verrichten und unsere Mühsal schleppen und unsere mageren Pferdchen antreiben, und niemand von innen und von außen wird uns anders sehen denn als Muselmane, und niemand wird seine blöden immerselben Vergleiche ziehen, denn sind wir nicht Muslime und haben insofern als unsere Natur bei uns, Muselmane zu sein, wenn sonst nirgends, dann hier in Gaza Stadt, und niemand wird den Schatten einer Provokation sehen, nein, wir werden uns so sehr unterworfen gebärden, daß ihr euch an eurem Hohn verschlucken werdet wie an eurer Gnade, denn wir werden uns weigern, weiter eure Objekte zu sein, wer immer uns gerade dazu macht, Objekte eurer Gnade, Objekte eurer Willkür, Objekte eures Zorns und eurer Angst, Objekte all der bekloppten Provokationen von anderen, wir werden uns weigern, Objekte zu sein, indem wir uns nunmehr als Objekte und nichts als Objekte vorführen, wir selbst, wir werden uns so vorführen, jawohl, aber wir werden, da wir Muslime sind, nicht so tun, als gefiele uns das, wir werden nicht so tun, als wären Askese und Demut unser höchstes Gut, denn häßlich sind und bleiben sie wie alle Ohnmacht und Lust- und Wut- und Mutlosigkeit, die dem Menschen nicht anstehen in seinem kurzen Leben, wir werden weiter annehmen, was wir an Hilfsgütern bekommen können, aber wir werden unsere Verachtung Eurer Übermacht zeigen, indem wir ruhig sein werden und euch keinen Anlaß mehr geben zur Rechtfertigung eurer Blockaden und eurer Empörungen, wir werden gehen und weinen und singen und weiße Kleider tragen, vor denen der Papst selbst in seinem weißlichen Prunk in Tränen ausbrechen wird, und wenn dann endlich endlich die Blockaden fallen und die Gewehre verrosten und keiner mehr sein Waschpulver für blödsinnige Geschosse verschwendet und wenn niemand mehr seine große ökonomische Kraft mißbraucht, um das Fischen in freien Meeren zu unterbinden, dann werden wir wieder tanzen und zanken und streiten und uns empören wie es einem lebenden Menschen geziemt, lieben und lachen und alles dieses, aber wir werden unser Metall verloren und unsere Würde wieder gewonnen haben, indem wir gewartet haben werden, eingeschlafen vor aller Welt, daß sie sehe, wir sind hier, und sie ist da, und wir wollen leben nach unserer Weise, und wir werden endlich wieder lachen, weil wir unseren eigenen und allen anderen bärtigen oder frischrasierten Tobsüchtigen abgewöhnt haben werden, ihre Launen an uns zu kühlen, und anstatt ihnen noch selbst unsere Kinder blutigst vor die Füße zu schmeißen werden wir allenfalls schreiben, daß das wirkliche Problem in Afghanistan die jungen zwangsverheiratete Frauen sind, die sich in den Höfen ihrer Schwiegereltern verbrennen, und ach, wenn das helfen könnte, dieser palästinensisch ghandische Aufstand der Sanftmütigen, dann, und erst dann, wären auch noch ein paar andere Sätze, die in aller Welt verbreitet werden, wahr, und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, die ihr Land liebte wie nur eine, redete sich in eine kleine Rage unter ihren ewig rot geränderten Augen, und ihr Gesicht wurde so grün, wie man es im Gesicht der Kreativleitung schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte, so ändern sich die Zeiten, sagte der Minderheitler mit den grünen Borsten, der daneben saß und nicht wußte, ob er noch einmal sagen dürfe, daß er sich die Augen blau staune, denn irgendwer schien doch diesen Gag schon lange verbraucht zu haben, und dann sah das Ganze auch durchaus ernst aus, so schwieg der Minderheitler lieber bestätigend, aber hoch oben in seinen dünnen Lüften spürte der erzählende Kranich plötzlich ein Sausen in seinem Gefieder, etwas wie einen Sturmwind, und da sagte er sich, jetzt ganz schnell nach Berlin fliegen, sonst drehen die da noch durch und fangen an, über dieses andere Kleebild mit dem Engel zu faseln und den immerselben Benjamin nachzuplappern, oder sie fallen wirklich in sich zusammen, und das wollen wir doch auch nicht, nicht so, nicht jetzt, und eigentlich überhaupt nie, und mit großem Rauschen und gewaltiger Energie lenkte er seine Schwünge an jenen Ort – an dem er tatsächlich erwartet wurde, wie immer, wie immer, daß er das auch nur eine einzige Minute hatte vergessen können!

603.

Die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit kam nicht eben gut gelaunt ins Büro, denn es hatte eine häusliche Auseinandersetzung gegeben, durch welche sie sehr pessimistisch gestimmt war hinsichtlich ihrer weiteren Pläne, der Vater ihres heranreifenden Kindes, über welchen sie üblicherweise kein Wort in der EinSatzLeitung verlauten ließ, hatte ein phantastisches Jobangebot als medizinischer Berater in einem Entwicklungsland bekommen und war selbstverständlich davon ausgegangen, daß er sie als "seine Familie" mitnehmen werde -eine Idee, die bei ihr großes Unbehagen ausgelöst hatte, da die ganze Angelegenheit sowieso heikel genug war, richtig wohl fühlte sie sich mit diesem Mann von Anfang an nicht, aber irgendwie mußte man nun schließlich familiär sein, und bessere würde es eh nicht geben, so hatte sie damals gedacht, als alles anfing und sie gemeint hatte, es sei nun mal genug mit der ewig adoleszenten Herumprobiererei, ihre bisher größte Liebe war zerbrochen, nun nahm sie eben, was sich bot, schlecht wars doch nicht, hatte sie gedacht, dann war es irgendwie so gekommen, dann hatte man sich arrangiert, schließlich hatte sich auch etwas wie eine Liebe (freilich eine extrem störanfällige) eingestellt, jedenfalls dann und wann ein bißchen, und was wirklich fehlte, kompensierte man abwechselnd mit Streit und etwas, das die Kollegin aus der K-Abteilung "Teamgequatsche" genannt haben würde (worüber sich die Leitung Ö stets redlich zu ärgern pflegte, denn sowas ist doch eine ernste Sache) und nun dachte sie, wenn sie Arbeit und Kind und alles zusammenhalten wolle, sei sie doch auf ihn angewiesen, da müsse man Kompromisse machen usw., und da sie den Kopf voll hatte mit all diesen Eheberaterweisheiten, die du heute an jeder Ecke übergebraten bekommst, zugleich aber daran ein neuerliches Aufflackern der Schwangerschaftsübelkeit verspürte, dachte sie noch auf dem Weg zur EinSatzLeitung, warum eigentlich hat man an irgendeinem Punkt immer nur die Wahl zwischen zwei bis drei Übeln, und als sie bemerkte, daß es sich im Weltmaßstab gesehen um eher geringe Übel handelte, beschloß sie, die Chefin, eine geschiedene Dame mit Kind, welche einen recht dynamischen und zufriedenen Eindruck machte, einmal direkt nach ihrer Ansicht zu diesen Dingen zu befragen.

Donnerstag, 5. Februar 2009

602.

Jeder einzelne, der keinen institutionellen Schutz genießt, aber in den Focus der Aufmerksamkeit gewisser besorgter Mächte geraten ist, ist zum Abschuß und zur Ausbeutung freigegeben, seufzte der Sicherheitsbeauftragte, nachdem er mal wieder den ganzen Tag auf fremden Festplatten herumgeschnüffelt hatte, und wir sind dabei, das macht mir manchmal zu schaffen, sagte er zu seinem Kumpel, mit dem er wie jeden Mittwochabend gemeinsam zum Training – nein, zum „work-out“ und was hatte er nicht alles auszuarbeiten – ging, und der Kumpel sagte, mach dir keinen Kopf, so ist das nun mal, das ist der Job, da kann man nichts machen, hau auf den Ledersack, stemm die Stange, schrei beim Taek Won Do, es bleibt dabei, du willst kämpfen, du willst siegen, dann mußt du die anderen kontrollieren, Mann, sonst kontrollieren sie dich, und als er Karomützens von echten Gewissensnöten zerwühltes Gesicht sah, sagte er, das wird schon wieder, hinterher nehmen wir ein Bier, und als er dazu einen kräftigen Schlag auf die Schulter des Sicherheitsbeauftragten brammte, da wurde dieser plötzlich ganz weinerlich und vermißte ebenso plötzlich die dicke weiche Hand des ehemaligen Chefs und dessen schweizerisch-bräsigen Tonfall, sei es auch nur, weil er selbst, Freund Karomütze, zu dessen Amtszeit doch immer den Eindruck gehabt hatte, daß alles irgendwie seine Ordnung habe.

Mittwoch, 4. Februar 2009

601.

So kanns gehen, sagte der Buchhalter ungewöhnlich milde zur zerknirschten "Verteidigung K," du arbeitest Jahr um Jahr oder doch Monate lang, du hast eine grandiose Idee und kämpfst darum, und dann machst du einen Fehler, der dir scheinbar die Arbeit von Jahren zerstört, so geht es uns heute beiden, sagte er, lächelnd wieder in das unter ihnen übliche Sie verfallend, als er sie direkt ansprach: sehen Sie, ich hatte mir fest vorgenommen, die Idee mit der Werbung in der Sitzung vorzubringen, und dann habe ich es ganz einfach vergessen, so platt war ich von den Ausführungen der Chefin und diesem ganzen Spektakel um die allgemeinste Verteidigung - und Sie, Sie haben einen ebenso gewöhnlichen Fehler gemacht, sind nach langen Jahren endlich aus Ihrem Assistentinnenstatus raus, ärgern sich über den zugegeben wirklich abscheulichen Namen, erfinden sich zum Scherz einen bunten Rock, und schon beginnt Ihre Arbeit damit, daß Sie sich zuallererst selbst verteidigen müssen gegen den Unmut, den diese hochfahrende Idee bei den Kollegen - verständlicherweise, wie Sie ja zugeben - auslösen mußte, ja, sagte er, manche Leute sind so, stellen sich immer selbst ein Bein, und er klopfte ihr jovial und kollegial auf die Schulter, machen Sie sich nichts draus, am Ende hat die Kreativleitung den größten Fehler gemacht, sie hätte die Sache ja gleich gestern durch entsprechende Kommentare abfedern können.

Dienstag, 3. Februar 2009

600.

Da sollte sie nun also stattfinden, die lange angekündigte Sitzung bei der Nummer 600. Eine Tagesordnung war zuvor herumgemailt worden, und zur Protokollantin war die Assistentin K bestimmt worden, deren bäuchliche Entwicklung sichtbarlich ein wenig hinter derjenigen der Leitung Öffentlichkeit zurückgeblieben war, aber viel Zeit lag nicht zwischen den beiden angekündigten Geburtsterminen, und man sah schon mit Furcht und Zittern den zu erwartenden Personalengpässen entgegen, die Chefin selbst war aber zuversichtlich, daß alle gemeinsam die Sache meistern würden.

An diesem Morgen Numero 600 aber, als alle noch unschlüssig und mit Kaffee oder Tee in der Hand im Bistro herumstanden, fingen die beiden ehemaligen Assistentinnen doch an, wieder freundlicher miteinander zu plaudern, wenn es auch - nach Ansicht der meisten Beobachter - nicht wirklich wieder ein unbefangenes Verhältnis werden würde, und die Kreativleitung, die dem Treiben zusah, machte sich so ihre skeptischen Gedanken, aber sie mischte sich nicht ein und erwiderte dem Demokratiebeauftragten, welcher sich an der neuen Harmonie entzückte, nicht, sondern lächelte wohlgefällig, als sie (den Blick ihres Gesprächspartners gleichsam mitziehend) das gemeinsame Lachen der jungen Damen beobachtete, welches durch eine Erzählung des Oberassistenten ausgelöst wurde. Dieser berichtete nämlich über einen ihm bisher nicht bekannten Pestvogel mit stark seitlich gekrümmtem Schnabel, welcher Gelegenheit erhalten hatte, an prominentem Fernsehplatz den alten Hut des Theorems von der self-fulfilling prophecy reichlich tief in die doch auch nicht unterkomplexe Stirn der Gesamtwirtschaft zu drücken, und das ganz schamlos, prustete der Oberassistent, vor laufenden Kameras!

Während alle noch freundlich schmunzelten, rief eine geradezu freudig erregt wirkende Dame Ö zur Sitzung, und diese Sitzung wurde, da sie an so einer hübschen Zahl stattfand, mit einem kleinen Umtrunk begonnen. Der Buchhalter hatte irgendwoher eine kleine Laszivität genommen und dem Ansinnen der Chefin stattgegeben, als sie gesagt hatte, ja, heute wollen wir doch auch ein wenig feiern, 600 Tage jeden Tag ein EinSatz, das ist doch keine Kleinigkeit, und obwohl der Buchhalter daran erinnert hatte, daß die EinSätze mit der 22 begonnen hatten, und obwohl die Kreativleitung daran erinnert hatte, daß der eigentliche Beginn doch bei 200 anzusetzen sei, waren sich alle schnell einig geworden, daß die 600 eine angenehm rundliche Zahl sei, die nun auch einmal eines Glases gewürdigt werden dürfe. Aus diesem Anlaß waren übrigens alle EinSatzKräfte gekommen, keine Ausnahme, obwohl eine Grippewelle an vielen noch in Spuren zu erkennen war, Dame Ö selbst war ganz heiser, und auch der Buchhalter putzte sich beständig die Nase, der Minderheitler mit den grünen Borsten trug einen dicken bunten Wollschal, den er während der ganzen Sitzung nicht ablegte, und die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse hatte über dieser blauen Bluse etwas wie einen sehr dicken Kapuzenpullover an, nicht sehr kleidsam, aber warm, wie es schien, und außer den ewig rotgeränderten Augen war ihr auch die Nase rot. Jedoch: alle waren da, selbst der Kwaliteitswart, endlich wieder auf festem Land in der Hauptstadt, war erschienen, hatte sich aber sehr zurückhaltend zunächst in die hinterste Ecke des Raumes verzogen, um alles zum Wiederangewöhnen erst einmal in Ruhe in Augenschein zu nehmen. Zum Umtrunk waren sogar der ehemalige Chef und seine Gattin gekommen, indes nicht ohne anzukündigen, daß sie die Räumlichkeiten nach der Rede der Chefin und mit Beginn der offiziellen Sitzung zu verlassen gedächten. "Wir haben wirklich volles Vertrauen in die Chefin und wollen ihre Arbeit nicht beeinträchtigen," sagte der ehemalige Chef, "wir waren natürlich das beste Führungsteam, wir waren die Gründerväter usw., wir freuen uns aber, daß der Laden auch ohne uns weiter läuft, so daß wir hier und heute mit feiern können," und auf der Suche nach jemandem, der seine merkwürdige Pluralbildung "hinterfragen" und ihm noch einmal eines seiner geliebten alten Wortgefechte liefern könnte, blickte er durchaus auch ein wenig gerührt in die Runde, in der ihm jedes einzelne Gesicht vertraut war.
Aber weder die Kreativleitung, die früher jeden Wunsch des Chefs sofort gewittert hatte, fragte, noch die Chefin, die als Demokratiebeauftragte für solche Fragen zuständig gewesen wäre, und auch Karomütze, mit dem der ehemalige Chef sich stets und gern jovial gestritten hatte, dachte nur bei sich, "wir, wir, wieviele ist er denn heute, er sieht doch ganz normal aus..." - und so blieb die kleine Provokation des armen Mannes unverstanden, seine Stimmung aber gleichwohl ungetrübt heiter, in seinem Alter verstand er sich auf Resignationen und ihre Bekämpfung oder Bewältigung.

Ohne weitere Zwischenfälle prosteten die EinSatzKräfte einander zu, auch Mo war an diesem Tage zunächst nicht im Bündel versteckt, sondern schien es zu genießen, vor der Kreativleitung in ihrem blauen Mäntelchen und tatsächlich auf einem kleinen türkisfarbenen Kissen auf dem Tisch zu sitzen und dem fast verspätet den Raum als letzter betretenden Sicherheitsbeauftragten freundlicher zuzunicken als dies erwartbar gewesen wäre.

Die Chefin eröffnete die Sitzung mit einer kleinen feierlichen Ansprache und dem Hinweis darauf, daß der letzte Tagesordnungspunkt ohne Protokoll besprochen werden müsse, handele es sich dabei doch um eine Verschlußsache, die nirgends dokumentiert sein dürfe, weil man die Gewebe der Kreativabteilung nicht verletzen dürfe und dennoch die Abwehrmaßnahmen gegen reichlich skrupellose Gegner, über die Karomütze einige Neuigkeiten gebracht habe, wenigstens intern zu besprechen habe. Bei dieser Ankündigung erhob sich Mo leise, warf unter einer kleinen Anstrengung das Kissen in den Schoß der Kreativleitung, sprang selbst dorthin und wurde während der ganzen weiteren Sitzung weder gesehen noch gehört; nur die Kreativleitung spürte dann und wann ihr Zittern in ihrer Hand, welche sie zur Beruhigung des kleinen Wesens die ganze Zeit über nicht von dessen winzigen Rückgrat entfernte.

Nach ihrer Eröffnungsrede kam die Chefin schnell zur Tagesordnung und stellte die drei Punkte vor, die da waren

TOP 1: Externe Anfrage aus den hohen Lüften wegen Bereitstellung eines allgemeinen Verteidigers (Chefin).
TOP 2: Externe Anfrage aus den Ebenen der minderen Sprachen wegen Bereitstellung eines Normalitätswartes (Demokratiebeauftragter).
TOP 3: Verschiedenes.
TOP 4: Karomützens Bericht über Verschiebungen in der Ordnung von Verbündeten und Gegnern und die Neuordnung der nach außen gerichteten produktiven Tätigkeiten sowie der Abwehr- und Präventionsmaßnahmen.


TOP 1

Die Chefin berichtet über eine Anfrage, welche sie aus den hohen Lüften erreicht habe, man möge doch einen allgemeinsten Verteidiger in der EinSatzLeitung installieren, welcher immer, wenn einer aus dem Personal oder von den lose Assoziierten angegriffen oder in absentia verleumdet werde, diesen verteidige. Da sich wegen dieses seltsamen Ansinnens ein allgemeines Gemurmel erhebt, holt sie etwas aus zu einer längeren Erklärung über die verschiedenen Abstufungen, in denen in arbeitsteiligen Gesellschaften der Umgang mit Vernunft und Gefühlen und Durchsetzungsvermögen üblicherweise geregelt sei, und spricht:
"Wer als Krieger exzellent sein will, muß einen 'Feind' ausmachen und sich emotional befeuern, um gegen diesen zu kämpfen. So muß er ihn schlechtreden und sich selbst stark, sonst kann er nicht kämpfen. Wer als Politiker exzellent sein will, muß (wenn auch weniger als der gewöhnliche Schmittianer glaubt) ebenfalls ein bißchen zwischen Freund und Feind unterscheiden und die Feinde in die Waden beißen und die eigene und die Loyalität der Freunde scharf bewachen. Aber er muß auch den Überblick behalten und imstande sein, die eigene Position dann und wann ein wenig zu revidieren und zu korrigieren, evtl. sogar zu relativieren. Wer als Diplomat exzellent sein will, muß von dem Feuer der Parteilichkeit etwas fühlen, aber nur gerade genug, um Diplomat für eine Seite zu sein, im übrigen muß er unglaublich geschmeidig sein, um alle zu verstehen, dies aber jeweils zu einem definierten Zweck. Und wer als Wissenschaftler exzellent sein will, der muß alles, wirklich alles sehen und verstehen wollen, aber er wird das gerade am besten können, wenn er überhaupt kein Durchsetzungsinteresse mehr verfolgt, sondern nur noch die Suche nach dem präzisesten Bild. Das ist," fügt sie mit einem freundlichen Blick auf den klitzekleinen Forschungsminister, welcher begeisterte Zustimmung nickt, "geradezu widersinnig, und dem versuchte die alte Hochschulordnung Rechnung zu tragen. Es gelang natürlich überhaupt nicht, denn zu lecker ist das Durchsetzen, wenn es durch Wissen erfolgt. Aber: Man versuchte es und gab dem Wissenschaftler Sicherheit, damit er von Durchsetzungsnotwendigkeiten entlastet arbeiten konnte. Das tut man nicht mehr, und welche Folgen das haben wird, das werden wir erst langfristig sehen. Zwischen und über und unter und jenseits von allen diesen ist der Künstler, der ausdrücklich die Gefühle in eigener Form wieder hereinholt in das vom Wissenschaftler leergefegte und mit Petitessen befüllte Bild. Er eifert auch manchmal, hat aber idealiter nichts weiter im Sinne als die Darstellung der Welt wie sie einmal ist, und den Wunsch, hier und da eine kleine Korrektur anzubringen, wo dies geboten und auch mit milden Mitteln möglich ist. Ein solcher ist unser Freund, der erzählende Kranich, und er möchte nun also eine Verbesserung bei uns anbringen, weil er meint, es brauche hier also in unserer EinSatzLeitung einen, der die allgemeinste Verteidigung übernehme, was halten Sie davon?
Der Buchhalter erhebt zuerst seinen Einwand und sagt, dafür stehen nun wirklich keine Mittel zur Verfügung, der Kranich in seinen Lüften sei ohnehin überwiegend unterwegs und verstehe nicht wirklich etwas von den Gegebenheiten auf der Erde.
Es wird eine lange Diskussion geführt, an deren Ende ein Vorschlag der Kreativleitung mit knapper Mehrheit angenommen wird. Diese hatte bekundet, daß sie im Grunde nicht unbedingt mehr eine Assistentin brauche, Assistentin K sei bei ihr schon des längeren unterfordert, während Mo sich allmählich (sofern nur ihre Sicherheitsinteressen gewahrt würden) zu etwas wie einer kleinen Kollegin entwickele. Neben der kreativen Arbeit habe ihre ehemalige Assistentin aber große rhetorische Kompetenzen ausgebildet und so glaube sie, die Dame sei sehr geeignet, dem Sicherheitsbeauftragten, dem Demokratiebeauftragten und dem Diskurswart, welche mit formalen Verteidigungen ja durchaus schon befasst seien, eine andere Art der Verteidigung zur Seite zu stellen. In Zukunft soll also die bisherige Assistentin K "Verteidigung K" heißen - Strafe durch schlimme Namen trifft hier gleichermaßen alle, bemerkt dazu der Kwaliteitswart, aber die Mehrheit liebt scheußliche Namen, und so wird es gemacht.

TOP 2
Die Installation eines Normalitätswarts wird nach Weigerung des Oberassistentin, diesen Posten zu übernehmen (er sei gerne Oberassistent, nölte der Mann), und nach Feststellung des Buchhalters, daß dafür die Mittel nicht ausreichten, und nach Anmerkung des klitzekleinen Forschungsministers, daß Normalitätsfragen keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten, und nach energischen Protestnoten der beiden namentlich bekannten Minderheitler, die ebenso wie Mo von einem solchen Wart als erste gekündigt werden müßten, mit großer Mehrheit abgelehnt.

TOP 3
Unter Verschiedenes trägt niemand ein Anliegen vor.

TOP 4
Dieser Tagesordnungspunkt wurde außerhalb des Protokolls und aus Sicherheitsgründen nur noch im engsten Kreis der EinSatzLeitung, bestehend aus Karomütze, Chefin, Demokratiebeauftragtem, Buchhalter und Kreativleitung diskutiert.

Darüber, daß auch so etwas mal möglich sein muß, herrschte Einigkeit, die übrigen EinSatzKräfte gingen ins "Bistro," wo die Verteidigung K als erstes ankündigte, sie werde sich einen bunten Rock zulegen und hoffe, früher oder später nach diesem benannt zu werden.

Montag, 2. Februar 2009

599.

Von alledem unbelastet, belastet aber sehr mit schwierigen und selbstverständlich hochoffiziellen Aufgaben, war die Chefin am frühen Montagmorgen an ihren Schreibtisch zurückgekehrt, und sie sah alle ihre Unterlagen der letzten Wochen noch einmal durch, um recht gründlich darüber nachzudenken, was wohl auf die Tagesordnung für die von manchen EinSatzKräften lang erwartete, in den Augen anderer völlig überflüssige Sitzung der EinSatzLeitung gehöre, und der einzige Vogel, den sie erblicken konnte, wenn sie gelegentlich durch das Fenster ihres Büros nach draußen schaute, war eine Krähe, die in trostloser Geduld über viele Stunden auf der äußersten Ecke eines Backsteinschornsteins hockte und sich wirklich um gar nichts kümmerte, rein nichts scheint sie vorzuhaben, dachte die Chefin, ist sie denn so satt, aber sie erlaubte sich nicht, weiter darüber nachzudenken, denn es mußte doch eine Einladung zur Sitzung mit TOP 1,2 usw. herausgehen, mußte nicht?

Sonntag, 1. Februar 2009

598.

Mo aber wußte von alledem nichts mehr, und wenn sie es ahnte, so verschlief sie es doch wie die Schneeflocken, die an diesem Tage vor ihrem Fenster auf und ab tanzten wie vor den Fenstern aller Nachbarn.

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