Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Mittwoch, 21. Januar 2009
587.
Wozu sollte eigentlich die Wahrheitskommission gut sein, Mama, fragte das Kind die Chefin, denn es hatte darüber gerade im Schulunterricht gehört und verstand nicht, warum man etwas so sehr wissen wollen kann, daß man dafür nach einem Sieg der guten Sache sogar Amnestie anbietet, und die Chefin sagte: die Idee war, daß Leute, die durch sehr schlimme Verbrechen den Lebensmut anderer und deren Achtung für die Menschen überhaupt gebrochen hatten, sich dazu bekannten und dadurch nicht nur bei sich, sondern auch bei den Opfern und damit für alle das wiederherstellten, was eben nur durch eine solche Übernahme von Verantwortung wiederhergestellt werden kann, aber das Kind verstand immer noch nicht, da wandte die Chefin ein wenig den Kopf ab, schaute aus dem Fenster und sagte, weißt du, komischerweise verliert man im Angesicht feiger Verbrecher oder als Opfer von hinterhältigen Verbrechen oder sogar schon von noch so wohlgemeinten Manipulationen und Manipulatiönchen ja meistens vor allem die Achtung vor denen, die Menschen zu Gegenständen ihrer Maßnahmen degradieren, und wenn man wie die Herrschleute damals in Südafrika mordet und raubt und foltert und verschleppt, dann ist es noch lange nachher für die, mit deren Angehörigen so etwas passiert ist, ganz schwer damit zu leben, daß sie nie wissen, ob sie sich vielleicht gerade mit dem Mörder des eigenen Bruders unterhalten – und so haben Mandela und die klugen Leute um ihn damals gemeint, die einzige Alternative zu Rache ist, daß Verbrecher daran gewöhnt werden, zu ihren Verbrechen zu stehen und zu ertragen, daß sie das getan haben, was sie getan haben, zu ertragen und anzusehen, was das für Folgen bei den anderen hat, und ich glaube, Mandela und die klugen Leute um ihn hatten recht, und ich glaube, selbst wenn es nicht ganz so ausgegangen ist wie man gehofft hatte und überall häßliche Flecken bleiben - daß man es überhaupt versucht hat, ist immer noch eines der größten Ereignisse in der Geschichte des letzten Jahrhunderts, denn nur die Aufrichtigkeit stellt die Freiheit der Opfer und womöglich sogar die der Täter wieder her, und komisch, wie die Leute bei uns diese historische Sensation doch überwigend verschlafen oder allzu schnell in die Schubladen ihres üblichen Geschwafels gelegt haben, in die es nicht passt und nicht gehört.
Dienstag, 20. Januar 2009
586.
Der ehemalige Chef hatte sich überhaupt erst eingeschossen, und er donnerte gleich noch eine sms an die Assistentin hinterher, in der er ihr nahelegte, einfach mal kurz und bündig Klartext zur Weltlage zu reden, und die Assistentin K, plötzlich schlechter gelaunt als seit Monaten, textete zurück: "Klartext."
Montag, 19. Januar 2009
585.
Irgendwann hören auch die schönsten Zahlen auf, das Herz zu erfreuen, seufzte der Buchhalter, als er des Morgens in den langsam sich lichtenden Himmel blickte und sich fragte, ob heute nun wohl endlich über die Lage am Hindukusch gesprochen werden würde, denn das hätte doch vielleicht die herzhaft-kernige Männerfreundschaft mit Karomütze wieder beleben können, so daß Karomütze von ernsten Lagen und lustigen Abenteuern erzählen könnte, während er, der Buchhalter, ihn nach dem Alter seines schwarzen Alfa fragen und auf Dinge aufmerksam machen würde, die dem immer in die falschen Richtungen überoffenen Auge des Sicherheitsbeauftragten womöglich entgangen wären - aber wie er dann hoffnungsfroh in den Korridor trat, weil er Karomützens Stimme gehört hatte, da wurde er nur Zeuge eines einfach unsäglichen Gesprächs zwischen Karomütze und der Assistentin K, in dem diese sagte, man könne doch mal wieder die "Clergies" aller Welten und Religionen provozieren, indem man ein bißchen Wilhelm Busch zitiere, etwa mit: "es lebte zu Padua ein Weib, bös von Seele, gut von Leib," und dann einen sehr bösen Brachvogel (die oberen von denen oder die, die es werden wollen, sind doch eigentlich immer böse, sagte sie, oder etwa nicht?) sich bei einem minderen Pestvogel medizinischen Rat holen lasse, welcher darauf hinauslaufe, daß man der Schönheit künstlich und heimlich ein paar Schwangerschaftshormone füttere in dem Glauben, daß dieses sie von ihren sündigen Gelüsten kurieren werde, doppelt naiv ist das nämlich, sagte die Assistentin, indem sie sich schäkernd der Schulter des Bemützten näherte, weil erstens natürlich nicht die Gelüste das paduanischen Weibes, sondern eher die verdrängten und verschobenen der Brachvögel das Problem sind, und weil zweitens diese Hormone natürlich, wie ich soeben zuverlässig erfahre, keineswegs die gewünschte Wirkung haben, und während dies alles trotz seiner offenkundigen Lächerlichkeit dem Sicherheitsbeauftragten ganz lieb und recht war, konnte der Buchhalter seinen sich schüttelnden Kopf kaum noch stillstellen und wollte immer nur die Hände über demselben zusammenschlagen.
Sonntag, 18. Januar 2009
584.
Als die Dame Chefin am Sonntagmorgen das Haus verließ, um sich auf den Weg in die Häuslichkeit der Kreativleitung und ihres Mo zu machen, da war der Himmel sehr hoch und hell und grau, und es waren außer sehr vielen Vögeln auch Glockenklänge unterwegs, die Chefin schritt munter aus und legte sich in ihrem Kopf belobigende und beruhigende Worte zurecht, sie rechnete damit, eine eher bedrückte und abweisende Kreativleitung und ein hysterisches Mo anzutreffen, denn die Kreativleitung hatte die Eigenschaft, sehr lange sehr geduldig, ausführlich, einfallsreich und geschmeidig zu argumentieren, so sehr, daß man sie in der Regel schon für besorgniserregend gestört halten mußte angesichts dessen, was sie alles an unverständlichen und komplizierten und wohlerwogenen, aber schwer nachvollziehbaren Wendungen probierte, wenn sie in das ihr im Grunde nicht liegende Gebiet der Argumentationen und Proklamationen und Deklarationen und Resolutionen und Legitimationen gezwungen worden war, auf dem sie sich ungern bewegte, trotz guter Kondition; die Kreativleitung pflegte nämlich, wenn ein bestimmter Punkt überschritten wurde und sie sich trotz all ihrer Mühe in den Grundfesten ihrer Person befremdet und befehdet und auf schlimmere Weise aus welchen Motiven auch immer genötigt sah (wenn man diese ihr selbst so unangenehme Mühe, welche sie sich aus schierer Freundlichkeit mit den weniger elaborierten Menschen machte, um ihnen das eine oder andere verständlich zu machen, mißachtete und gar gegen sie verwendete, da sie gewissen eindeutigen Schematismen zuwiderlief) sich rigoros und unwiderruflich abzuwenden, ein Punkt, der bei ihr angesichts der Idee, die Pestvögel einzuladen, offenkundig fast schon erreicht war, weshalb also eine Lösung gefunden werden mußte, die diese Abwendung noch würde verhindern können, eine Aufgabe, die nicht leichter wurde dadurch, daß ein hochrangiger Brachvogel seine üblichen Empfehlungen gegeben hatte, und indem sie trotz des auflockernden Spazierganges ihr Hirn fast verkrampfte, klingelte die Chefin an der Tür, den Rücken gestrafft, ein Lächeln im Gesicht, natürlich, aber entschieden beklommen.
Samstag, 17. Januar 2009
583.
Nach einer derartigen Begrüßung, die wohl ein wenig die gute alte Schule der Dame Ö verriet, war es Karomütze nicht schwergefallen, seine Mitteilungen über, wie er sich ausdrückte, "das merkwürdige Verhalten der Kreativleitung" vorzubringen, welche aber von der Chefin sogleich vom Tisch gewischt wurden mit dem Bescheid, sie werde noch am Wochenende mit der Freundin sprechen, er müsse sich keine Gedanken machen, man werde ein Arrangement finden, das den berechtigten Bedenken der Kreativleitung Rechnung tragen und weitere Schwierigkeiten nicht aufkommen lassen werde, es gehe hier nicht darum, irgendwelchen Ermächtigungswünschen jenes unerfreulichen Vogels und seiner Kollegen entgegen zu kommen, sondern lediglich darum, die Gebote der Fairness auch noch gegenüber ehemaligen oder sogar noch aktiven Gegnern walten zu lassen, selbstverständlich so, daß alle empfindlichen Arbeitsbereiche sicher vor destruktiven (und in der Regel nur reichlich durchsichtig rationalisierten) Übergriffen geschützt blieben, sie sei da zu allen Varianten des Entgegenkommens gegenüber der Kreativabteilung, die für dieses Haus Priorität habe, bereit - und nun solle er doch endlich erzählen, was man denn aus den Auswärtigen Abteilungen höre, wie die Stimmung unter den Leuten sei, ob man überhaupt noch Gelegenheit habe, sich durch Schulungen und Schulbauten nützlich zu machen, usw., und Karomütze dachte wieder genervt: wie naiv sie doch ist, glaubt sie denn wirklich alles, was man ihr berichtet, hat sie wirklich nicht begriffen, was draußen wirklich vorgeht, ist denn ein Chefbüro ein Raum, der bei längerem Gebrauch dumm macht?
Freitag, 16. Januar 2009
582.
Hinter einem hohen Turme von Akten, Dossiers und Bulletins saß frühmorgens die Dame Chefin am großen Schreibtisch im einstweilen noch künstlich beleuchteten Büro ( in ihr zwitscherte es wie an jedem Wintermorgen fröhlich: wie gut, daß ich nicht eine von denen bin, denen die dunklen Tage aufs Gemüt schlagen, wie herrlich mein künstliches Tageslicht aus allen Scheinwerfern) und erlebte beim stetigen Abarbeiten der Papierberge ungewohnte Stürme von Heiterkeit, hatte man ihr doch einen äußerst bizarren kleinlichen Streit um Namen und Benennungen vorgelegt, welcher Wellen geschlagen hatte in die höchsten Ebenen der Hauptstadt und der Auswärtigen Politik, bis schließlich ausgerechnet ihre EinSatzLeitung den Auftrag bekommen hatte, schlichtend tätig zu werden, um Beruhigung und produktive Heiterkeit wieder einkehren zu lassen in alle vom Fieber dieses seiner Substanz nach lächerlichen Streites befallenen Institutionen und Einrichtungen, zu welchem Zwecke zunächst einmal der Sachverhalt geklärt werden sollte: es lagen pestvogelige Gutachten, brachvogelige Einreden und einige hübsche Kabinettstückchen der erzählenden Sicherheitskräfte vor, dazu ein paar Mitteilungen aus den human resource departments bekannter Großkonzerne sowie eine Stellungnahme desjenigen Institutes für forensische Prognostik, das neuerdings vom ehemaligen Leiter der Abteilung Öffentlichkeit und ehemaligen Projektentwickler geleitet wurde - na siehst du, Junge, hast du es doch zu was gebracht, murmelte die Chefin zufrieden und heiter vor sich hin, und wenn ich deine Texte lese, wird mir nur klarer, wieso du in diese EinSatzLeitung wirklich nicht passen konntest - und sie vertiefte sich, immer wieder von Lachreizen unterbrochen, in die Akten und bemerkte erst gar nicht, daß es an der Tür ihres Büros klopfte, als aber Freund Karomütze hereinkam, mit dem bei ihm nicht ungewöhnlichen bedenklichen und beunruhigten Gesichtsausdruck, da stand sie auf, ganz joviale Chefin, die sie mittlerweile zu werden gelernt hatte, strahlte ihn an, begrüßte ihn freundlichst und sagte, wie froh ich bin, daß gerade Sie unser Sicherheitsbeauftragter sind, mit denen, aus deren Aufzeichnungen ich mir hier gerade mühselig dasjenige heraussuche, was für den neuen Auftrag brauchbar ist, würde ich doch keine drei Tage Freude haben, und nichts ist der Arbeit hinderlicher als Langeweile, meinen Sie nicht?
Donnerstag, 15. Januar 2009
581.
Das Schlimmste am Protestantismus, schnarrte der klitzekleine Forschungsminister gerade ans Ohr des Demokratiebeauftragten (welcher sich durchaus gewünscht hätte, daß er eher in der Sitzung selbst gesprochen hätte, aber der klitzekleine Forschungsminister sprach eben lieber von seiner auf dem Schreibtisch sitzenden Position aus, was willst du machen) ist nicht die Ablehnung der Werkgerechtigkeit, die man säkular gut als Ablehnung von Selbstgerechtigkeit - einer ja nun in der Tat hervorragend verzichtbaren Untugend - weiterführen kann, sondern das Schlimmste daran ist die Einführung der Glaubensgerechtigkeit, die sich historisch durchaus schon bei Luther selbst als schrecklich genug erwiesen hat, wenn wir an gewisse häßliche Aufrufe denken, und die, wenn wir den Lessing-Goeze-Streit bedenken, umso furchtbarer war, je mehr sie etwas zu glauben verlangte, was nach menschlichem Ermessen schlechterdings niemand ernsthaft würde glauben können, wer es doch tat, gegen den hatte ja niemand was, aber wer zugab, daß er das nicht könne, gegen den hatte man umso mehr, je weniger man selbst glauben konnte, und nun ja, Herr Kollege, diese positive Forderung der Glaubensgerechtigkeit wird nun einmal um nichts besser, wenn man sie säkular weiterführt als den Psychologismus des "positiven Denkens," denn dieser bewehrt den Glaubensgehorsam gegen sich selbst so scharf, daß nicht einmal mehr das gegen den offenen Gesinnungsterror wenigstens der Form nach hilfreiche Institut der Menschenrechte und der Menschenwürde einen Menschen, der zugibt, nicht alles super zu finden und in gewisse Gemeinplätze kein Vertrauen zu haben, vor dem Zugriff der Gesinnungskontrolleure schützt, und froh, am Ende dieses gehaltvollen und komplizierten Satzes (den er, wie sich der Demokratiebeauftragte zu erinnern vermeinte, auch nicht zum ersten Male in dieser oder einer anderen Form von sich gegeben hatte) angekommen zu sein, fuhr sich der Klitzekleine durch sein schütteres Haar, als Karomütze etwas verunsichert von seinem Gespräch mit der Kreativleitung den Raum betrat und ungewöhnlich ratlos aussah.
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