Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Mittwoch, 14. Januar 2009
580.
Am anderen Morgen, als Karomütze völlig verdrossen in der EinSatzLeitung ankam, etwas später als üblich, da ihm sein Alfa einen Streich gespielt hatte und nicht angesprungen war, traf er auf eine fast noch verdrossener wirkende Kreativleitung, die ihm genervt vortrug, was sie davon hielt, daß die Chefin die Pestvögel einladen wollte, sie sollte sich doch daran erinnern, sagte sie, wie deren oberster Protagonist sich seinerzeit übergriffigst an den Abfallkörben der EinSatzLeitung zu schaffen gemacht habe, wie er trotz aller Bemühungen, ihm seine Grenze zu weisen, an welchen doch auch die Chefin selbst früher energischsten Anteil genommen, alle aufrichtige Kommunikation untergrabe, indem er stets davon überzeugt sei (und in gut geöltem Propagandaapparat herumschrastere), besser als irgendjemand zu wissen, was "echt" und was "prätendiert" sei, wie er für Fakten erkläre, was Fiktion sei, und für Fiktion, was factum, und wie er kurzum kein Wesen sei, das man ernsthaft in ein Gespräch einbeziehen könne, ohne daß damit sofort das ganze Gespräch unter seine Dominanz falle, und sie selbst erwäge, sich allen Veranstaltungen, zu denen diese Figur geladen werde, ganz einfach zu verweigern und zu entziehen, auch wenn sie wisse, daß sie damit den Schrastereien des Untiers schließlich auch innerhalb der EinSatzLeitung das Feld überlasse, man könne einfach von ihr nicht erwarten, sich einer derart destruktiven Macht, welche alle anderen durch nichts als ihr aalglatt machtförmiges Auftreten zu absurden Bewunderungsstürmen verleite, noch einmal auszusetzen, und selbstverständlich werde Mo ohnehin nicht zu beruhigen sein, wenn man von ihr verlange, die Anwesenheit jenes Vogels zu ertragen, sie erwäge, ihren Abschied von der EinSatzLeitung zu nehmen und habe Fluchtpläne entworfen, völlig verzweifelt sei das Wesen gewesen, sagte die Kreativleitung, und ich konnte sie nicht trösten, und Karomütze, obwohl er keine besonderen Sympathien für die Kreativleitung hatte, hatte doch seine eigenen Erinnerungen an Begegnungen mit Pestvogels, und obwohl er selbst eher zur Heißspornigkeit neigte, meinte er, die Kreativleitung habe vielleicht einfach in jenen öden Sitzungen mit dem Demokratiebeauftragten vergessen, daß sie doch mit der Chefin auch ein wenig befreundet gewesen sei, sogar sehr, und ob sie nicht ihre und Mos Panik wenigstens so weit überwinden könne, daß sie sich zu einem Gespräch mit der Chefin verstehen könne, es sei doch nicht so, daß ihr in Gesprächen gar nichts mehr einfalle, worauf die Kreativleitung sagte, im Prinzip nicht, aber wenn deine beste Freundin dir den Boden zu entziehen droht, indem sie mit so einer Figur wie dem Pestvogel und seinem Freund, jenem Wächter, plötzlich gemeinsame Sache macht, dann ist einfach alles vorbei, und sie bat Karomütze, für sie zu sprechen, sie könne das gegenwärtig gar nicht mehr, sprachs, nahm das Tellerchen, das sie für Mo vorbereitet hatte, und ging in ihr Büro.
Dienstag, 13. Januar 2009
579.
Zum Ende der demokratischen Belehrung ergriff die Chefin das Wort und sagte in die wenigstens teils noch einmal erwachenden Gesichter, es müsse leider festgestellt werden, daß auch dort, wo demokratische Leitsätze in den Schulen und Betrieben gelehrt würden und wo die Armeen als Bürgerarmeen gelten, die elementarsten Regeln des erwachsenen, würdigen, mitmenschlichen Umgangs aufs leichtfertigste immer wieder außer Kraft gesetzt würden, unter diesen und jenen Begründungen, man versuche, auf alle Weisen einzudringen in die Leben und die Herzen und Seelen solcher Menschen, von denen man entweder Großes erwarte oder Schlimmes befürchte, und wieviel Schaden an den tierischen Geweben solcher Menschen, wenn diese mehr fühlten als das, was man ihnen sage und zuschreibe, angerichtet und billigend in Kauf genommen werde, das sei immer noch in vielen Fällen, die der EinSatzLeitung bekannt seien, rundweg skandalös, sie bitte insofern darum, in der nächsten Veranstaltung der Demokratieabteilung einmal ausführlicher zu entfalten, warum es den entwickeltsten Köpfen des Abendlandes als die größte Schande und als das schwerste Zeichen sittlicher (oder auch psychologischer) Unreife gegolten habe, "das Herz" eines anderen erforschen und mithin kontrollieren zu wollen, und wie auf kaltem Wege sich just diese Herzensinquisition seit geraumer Zeit wieder breit durchgesetzt habe zum Schaden nicht nur der unter solche Mühlen fallenden Einzelnen, sondern letztlich zum Schaden der Würde der Gemeinschaft überhaupt, die in dem Augenblick, in dem sie keinen Privatbereich mehr respektiere, sich um den letzten legitimierenden Unterschied zu denjenigen Gesellschaften, deren "totalitäre Tendenzen" sie angeblich bekämpfe, längst gebracht habe, und während der Oberassistent durch ein kluges Koreferat zu glänzen versuchte, in welchem er den Fall eines Mannes, welcher keiner Fliege etwas zuleide getan habe, umständlichst berichtete und analysierte, stellte Mo sich eine Parade unversehrter Fliegen vor, die aufmarschierten, ihre heilen Gliedmaßen vorstreckend und mit den Flügelchen schlagend, um zu sagen: "Mir hat er nichts getan."
Montag, 12. Januar 2009
578.
In der EinSatzLeitung hatte man den Eindruck gewonnen, der Abstand zwischen der anberaumten künftigen und der lange zurückliegenden letzten Sitzung sei doch etwas groß geworden, Kritik an der Chefin murmelte sich durch die Flure und drohte schon, nach außen zu dringen, so daß diese kurzfristig entschieden hatte, zwar keine eigentliche Sitzung durchzuführen (dies hätte doch gar zu sehr nach einem Zickzackkurs ausgesehen, das konnte sie sich gegenwärtig nicht leisten) aber doch etwas wie eine kleine für alle verbindliche "Fortbildung" anzubieten, und so sah man nun seit Stunden den Demokratiebeauftragten seine Leitsätze auf ein Papier kritzeln, das unter dem Namen "flipchart", "flip-chart" oder "flip chart" an etwas wie einer Tafel befestigt war, und der dicke Stift machte unangenehme Geräusche auf dem Papier, das Tafelquietschen unter Kreide früher, das war doch eine andere Sache, dachte der Buchhalter, der in der ersten Reihe saß, als der Demokratiebeauftragte schrieb und erklärte, erklärte und schrieb, erläuterte und skizzierte und was man so macht, während die EinSatzKräfte nach vielen Stunden im Seminarraum der EinSatzLeitung (jawohl, auch das hat die EinSatzLeitung, das muß man ja nicht gleich im ersten Satz herausposaunen, aber was glauben Sie wohl, wo die Sitzungen immer stattfinden, na sehen Sie) nur noch mit Mühe ihr Gähnen unterdrückten, die Augen kaum offenhalten konnten und überhaupt trotz vieler Kekse und einiger Ladungen Kaffee einfach nicht mehr so recht bei der Sache waren; diesmal konnte wirklich jeder verstehen, warum das Mo, das von seinem Bündel aus lange geduldig aus dem Fenster und auf die verschneiten Dächer geschaut hatte, gegen Ende der Ausführungen des Demokratiebeauftragten quengelig wurde, ja, man übertreibt nicht, wenn man sagt, am Ende hätten alle am liebsten selbst richtig gequengelt, bis auf, merkwürdigerweise, die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse, welche fand, daß endlich mal etwas Substantielles besprochen werde, völkerrechtlich Relevantes um die Frage, wie sich eine Bürgerarmee von anderen Armeeformationen unterscheide, ein Unterschied, so hatte sie bisher gemeint, der in der Sache und im Armee-Alltag eher geringer zu veranschlagen sei, und der Demokratiebeauftragte, froh, daß wenigstens eine auf seine Ausführungen einstieg, belehrte sie nun darüber, daß er "gefühlt" doch von enormer Bedeutung sei.
Sonntag, 11. Januar 2009
577.
Dein Gesicht ist heute etwas grünlich, konstatierte der Minderheitler mit den grünen Borsten, als er draußen auf der Straße die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse und den ewig rotgeränderten Augen traf, und sie wunderte sich, denn ihr erschien ihr eigenes Gesicht bei Kälte immer eher violett, aber dann antwortete sie und sagte, ja klar, wenn ich in diesen Tagen losgehe, um trotz allem für meine Leute auf eine Demo zu gehen, dann möchte ich mich am liebsten in eine Rolle aus Text wickeln, und in dem Text müßte stehen, wofür ich genau bin und wogegen, und wieso ich finde, daß wir sicher wohnen sollten, und wieso ich die Haßprediger und Geiselnehmer und Raketenschießer fürchte, und wieso ich dennoch finde, daß das palästinensische Volk sicher und in Würde wohnen und sich versorgen können soll, und wie ich diese Grenzfrage und jene Aktion sehe, das alles müßte sichtbarlich auf der Rolle stehen, welche ich um mich gewickelt trüge, wenn ich in diesen Tagen auf die Straße gehe, aber du kannst nicht davon ausgehen, daß die Leute so etwas lesen, sie sehen grün oder blau, und sie wollen klare und eindeutige Rufe schreien und hören, aber sie haben längst alles wieder so zugespitzt, daß man keinen Ruf mehr mitrufen kann, und wenn man dann trotzdem zu seiner Minderheit geht, weil man auch nicht feige zuhause sitzen möchte, dann kann man schon einmal die Gesichtsfarbe der anderen Minderheit annehmen in der Hoffnung, daß das am Ende doch ein wenig hilft gegen die schrecklichen Entdifferenzierungen, vielleicht ist es das, und der Minderheitler mit den grünen Borsten sagte, vielleicht sind meine Stacheln in der Spitze auch schon ein wenig bläulich, und sie mußten beide lachen, bis die Minderheitlerin sagte, wie unverschämt gut wir es hier haben, wir können einander ansehen und lachen, und der Minderheitler mit den grünen Borsten sagte, wir sehen uns dann morgen in der EinSatzLeitung, und die Minderheitlerin sagte, ja, dann reden wir weiter, und sie setzten ihre Wege in unterschiedliche Richtungen fort.
Samstag, 10. Januar 2009
576.
Eine etwas müde und immer noch mit ihrer Erkältung kämpfende Kreativleitung saß, in Gedanken über die Frage, wie ein neues Stück in den Wandteppich integriert werden könne, versunken, an ihrem Küchentisch, auf dem Mo mit großem Genuß ihre tägliche Portion von ihrem Weihnachtsgeschenk, dem einzig wahren Rapshonig (der allerdings nicht so weiß war wie der, den die Kreativleitung erinnerte, und gar nicht klumpig, aber doch fester und weißer als alles, was sonst unter dem Namen Rapshonig zu bekommen war), verspeiste, und während die Kreativleitung über ihrem Teppich brütete und während die ganze übrige Welt über Armeen, asymmetrische Kriegführung, die Finanzkrise und Moll Morgengrau nachdachte, holte an diesem ersten Arbeitswochenende im Januar ein hochzufriedenes Mo aus der Tasche seines alten Kittelchen, welchen es im Winter über seine solide wollene Unterkleidung zu hängen pflegte, einen zerknautschten Zettel und sagte mit listigem Gesicht, die anderen (welche anderen, seit wann redet Mo mit den anderen EinSatzKräften, dachte die Kreativleitung) haben mich gebeten, eine Heiratsanzeige für dich zu formulieren, damit du mal wieder auf den Teppich kommst (ausgerechnet, dachte die Kreativleitung, als würde auch nur ein Mensch in der Welt ertragen können, daß ich manchmal die Nacht auf dem Teppich verbringe mit den Füßen auf dem Drehstuhl und Mo kreiselnd auf meiner Kniescheibe), und hier habe ich eine entworfen, fuhr Mo unbeirrt durch die Gedanken der Kreativleitung fort, und sie las, jede Silbe betonend, vor, was sie geschrieben hatte: nicht mehr ganz junge Dame, las sie, würde sich gern wieder verlieben, es muß aber, damit das möglich ist, einer sein, der imstande ist, sie wirksam abzuschirmen vor einer dann und wann zudringlichen Öffentlichkeit, ohne ihr die Freiheit zum Spiel mit der Öffentlichkeit zu nehmen, allerhöchste Duldsamkeit gegen ein bei ihr lebendes Mo erforderlich, Bewerbungen von Alteigentümern, Exxen und Echsen sinnlos (daß sie sich um sich sorgt, dachte die Kreativleitung gerührt, ist ja okay, aber was soll das mit den Eigentümern, den Exxen und den Echsen, wie kommt sie auf so eine Idee, nun gut, sie kannte nur Eigentümer, aber woher die Echsen, nur ein Wortspiel vielleicht, und sie schüttelte leise den Kopf), was hältst du davon, fragte sie, provozierend aufsehend, aber die Kreativleitung war sehr abgelenkt, denn in diesem Augenblick hatte sie eine sms vom Kwaliteitswart bekommen, der sich auf seinem Boot in Amsterdam (von dem er erst im Februar zurückzukehren gedachte) so sehr zu langweilen schien, daß er sich über den häufigen Gebrauch der „reichlich überdeterminierten Schneemetapher“ beklagte, und das leichte Erröten der Kreativleitung erklärte sich wohl eher aus dieser sms als aus dem einigermaßen überzeugenden Wortlaut der Anzeige, die niemals aufgegeben werden würde, wenn man die Kreativleitung fragte, da man 1. so etwas nun einmal nicht mit Anzeigen machte, und 2. es überhaupt einen derartigen, wie sie sich heute bürokratischerweise auszudrücken beliebte, "Bedarf" ihrerseits gar nicht gebe, und sie entschuldigte sich kurz, um im Nebenzimmer die sms des Kwaliteitswart zu beantworten (höflich, freundlich, was gehts dich an, wenn ich rot werde, dachte sie), und als sie in die Küche zurückkehrte, fragte sie das Mo, fühlst du dich denn so einsam, habe ich dich vernachlässigt?
Freitag, 9. Januar 2009
575.
Was würden Sie eigentlich als das schlimmste Erbe des christlichen Abendlandes ansehen, fragte der Demokratiebeauftragte den klitzekleinen Forschungsminister, als dieser von seinen Untersuchungen und Papieren aufsah, und der Klitzekleine antwortete raschelnd, früher habe er geglaubt, es wäre die Inquisition, aber mittlerweile sei er hier ein wenig präziser geworden, es sei in neuerer Zeit vor allem die inquisitorisch durchgesetzte und auf fatale Weise mit dem allgemeinen Psychologismus und Ökonomismus durchsetzte Fetischverwendung der Rede von "Vertrauen," welche zuverlässig und regelmäßig das erzeuge, was sie vorgeblich zu überwinden trachte, nämlich das böse böse Mißtrauen, und mit einem Seitenblick auf die soeben den Raum betretende Assistentin K und ihren wachsenden Bauch sagte er, ich könnte Ihnen ein paar Kandidaten nennen, die mit ihrem Gewäsch womöglich sogar das Vertrauen, das diese Dame hier offensichtlich in ihr heranwachsendes Kind hat, noch zu erschüttern vermöchten, indem sie sich fett draufsetzten und bei jeder Kleinigkeit herumschwadronierten, wie wichtig doch das Vertrauen sei, und die Assistentin fragte indigniert, reden Sie über mich, ich höre bei sowas gar nicht mehr hin, das würde mich nur nerven...
Donnerstag, 8. Januar 2009
574.
Üblicherweise war die Dame Ö nicht diejenige, die ausgerechnet für Mo oder gar den seit seinem Herzanfall ewig mauligen und allzu betont coolen Oberassistenten ihr Herz besonders erwärmen konnte, aber als sie in die Debatte 573 kam auf der Suche nach einer Atempause von Propagandaschlachten, in denen sie endlich einmal eine Stellungnahme gefunden hatte, die ihr wirklich verantwortlich und richtig vorkam, da bemerkte sie nicht ohne eine gewisse Verwunderung, daß es gerade diese beiden Personen waren, die ihr am ehesten aus der Seele sprachen, und sie wunderte sich.
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