Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Freitag, 7. November 2008
512.
In der EinSatzLeitung wurde die Nachricht von der beginnenden Genesung des Oberassistenten mit Freude aufgenommen, und sogar Karomütze, der sich bei einem Besuch im Hause des ehemaligen Chefs knapp wieder gefangen hatte, meinte, daß er nun vielleicht doch mal ins Krankenhaus fahren könne, vielleicht mehr aus Ehrgefühl als aus einem anderen Grunde, denn die Gattin des ehemaligen Chefs hatte ihm bei Tee und Keksen kopfschüttelnd vorgestellt, wie merkwürdig sie es finde, daß gerade diese jungen Kerle, die in ihrem Job so viel mit der Zerbrechlichkeit der menschlichen Gewebe zu tun haben und mit Menschen, die nur ausgeschickt werden, um notfalls anderer Menschen Gewebe zu zerpflücken, daß diese so völlig ausflippen können, wenn einer, den sie zuvor als Weichei und Warmduscher bespöttelt haben, weil er nur seinen Bürojob machte und nicht gerade zum Drängeln auf der Autobahn neigte, sich als sterblich und anfällig erweise; erscheint Ihnen das so unwahrscheinlich, fragte sie, weil er doch "einer von uns" ist, und nicht einer von "denen da," deren Sterblichkeit sozusagen "unser" Beruf ist, oder hat es noch einen anderen Grund, und Karomütze hatte nicht geantwortet, sondern nur verlegen gelacht und an seine Rückenschmerzen gedacht, der ehemalige Chef aber hatte die Stirn gerunzelt und seine Frau gefragt, ob sie neuerdings Pazifistin sei, und die Frau hatte ihn angelächelt und gesagt, das könnte dich so schocken, wie, und sie hatte das Gespräch mit dem Gatten, das fast so kompliziert zu werden drohte wie dieser Satz, erst einmal verschoben.
Donnerstag, 6. November 2008
511.
Als der Oberassistent aus seinem Koma erwachte, hörte er den Satz "wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind und zwar an einer Stelle wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, daß der Blick es immerfort suchen muß und immerfort verliert wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind," und er schlug seine Augen auf und sah neben seinem Bette die Dame Ö sitzen, gekleidet in ein moderates Tweed-Kostüm, in ihrem Schoß ein Bändchen mit Schriften Franz Kafkas aus dem Nachlass, und er wunderte sich, wie sie dazu kam, neben seinem Bett zu sitzen und ihm diesen Text vorzulesen, in welchem sie nun an der Stelle "Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopisches Spiel" angekommen war, und erst als sie den Punkt gelesen hatte und sich fragte, welches Stück sie nun lesen sollte, bemerkte sie, daß sie bisher gar nicht bemerkt hatte, daß er erwacht war, und sie legte ihm eine Hand auf die seine, schaute kurz und aufmerksam in sein noch verwirrt aussehendes Gesicht, und entschied dann, noch ein Weilchen davon wieder abzusehen und an anderer Stelle weiterzulesen..."und tatsächlich sangen, als Odysseus kam, diese gewaltigen Sängerinnen nicht, sei es, daß sie glaubten, diesem Gegner könne nur noch das Schweigen beikommen, sei es, daß der Anblick der Glückseligkeit im Gesicht des Odysseus, der an nichts anderes als an Wachs und Ketten dachte, sie allen Gesang vergessen ließ."
Mittwoch, 5. November 2008
510.
Es stellte sich heraus, daß Karomütze durch den Zusammenbruch des Oberassistenten in schwere Turbulenzen geraten war, er war, wie schon sein Einwurf vom Vortag zeigte, aufgewühlt und durcheinander, redete wieder einmal geradezu delirante Dinge, sprang höchst auffällig in der EinSatzLeitung herum und verlor anscheinend jedes Maß, ja, er fühlte sich von der Gesamtwelt verraten und verkauft, bloßgestellt und ignoriert, er phantasierte die erstaunlichsten Dinge, er glaubte, jemand habe einen Cholesterol-Vergiftungsanschlag auf seinen Kollegen verübt und wolle diesen ausschalten, er fürchtete andererseits, man werde ihn mit irgendwem verkuppeln, er glaubte, an allem sei der Papst schuld, und dann auch noch der eine oder andere Spion von anderer Seite, er rannte in seiner Wohnung zwischen den Globen auf und ab und versetzte hier und da eine der Nadeln, mit denen er sich relevante Orte zu markieren pflegte, er kam in die EinSatzLeitung, er weigerte sich, wie die anderen noch einmal zum Krankenhaus zu fahren, war im Büro dann aber außerstande, sich auch nur für eine Minute auf irgendeine Sache zu konzentrieren, die ihn abgelenkt hätte, und weder der Versuch einer begütigenden Einrede der Assistentin K noch gar ein Anruf seiner Mutter konnten ihn beruhigen (diese beiden konnten immerhin den Buchhalter von ihm ablenken, welcher ihn nur mehr verwirrt haben würde): einzig der Dame Ö gelang es, ihm zu einem Spaziergang zu raten, bei dem er sich ein wenig Luft würde verschaffen können, indem sie ihm sagte, Junge, Sie sind durcheinander, Junge, Sie brauchen frische Luft, hier ist nichts mit Ihnen anzufangen, verschaffen Sie sich Luft, gehen Sie nach draußen, wenn Sie wiederkommen, werden wir alle Daten, die Ihnen durch den Kopf gehen, überprüfen, und Sie werden mir ein wenig aus Ihrem Elternhaus erzählen, und sie griff gleich noch nach der Tasche mit seinen Trainingsklamotten und sagte, ein wenig Training in Ihrer Muskelbude wird Ihnen auch gut tun, wobei sie sich sehr verbeißen mußte zu sagen, daß es ihn auch stählen würde für den abschließenden Kampf mit irgendeinem seiner bösen Feinde – es gelang ihr aber, sich diese Bemerkung zu verkneifen, denn sie hatte ein untrügliches Gefühl für die Stimmung, in der der Arme sich befand, und sie mußte keine Lehrgänge machen um zu wissen, wie sie ihre Zuwendung zu dosieren hatte, um für Karomütze eine Verschlimmerung und bei den Kollegen einen Skandal zu vermeiden, und die Chefin fragte besorgt, könnte es nicht sein, daß er in einer derartigen Verfassung einmal gefährlich wird?
Dienstag, 4. November 2008
509.
Karomütze wußte wie immer alles: daß du keine Musik heimlich hören, keinen Brief an Freunde schreiben und glauben kannst, er wäre dein privater Brief, daß du dir nun einmal keine Schwachheiten erlauben kannst als EinSatzKraft, wenn du durchkommen willst, sonst wirst du zurückgestuft, du mußt jeden Augenblick alles unter Kontrolle halten, den Klimaanlagen nie entkommen, die dir alles kaputtkühlen sollen, nur dann bist du ein guter Agent im Dienste ihrer Majestät und so weiter, und er breitete dies des längeren und breiteren im "Bistro" aus, in dem man den komatösen Oberassistenten relativ schnell auch wieder vergaß, den Buchhalter hatte Karomütze mit seiner Redenschwingerei binnen kurzem wieder bei seinen Alfa-Träumen gepackt, den klitzekleinen Forschungsminister bei seiner Lust, die primitive Strickart aller Bond-Filme zu analysieren, die Leitung Öffentlichkeit, die kurz stehengeblieben war, um zu kontrollieren, was der Sicherheitsbeauftragte zu sagen hatte, wenn er aus seiner Rolle fiel, flirtete er einfach mal ein wenig an, er dachte, das brauchen werdende Mütter doch auch, die Dame Ö schüttelte nur dann und wann den Kopf über diese ungeheuer jugendliche Coolness, diese gespielte und professionell beinharte, im übrigen hatte sie den neuen Bondfilm schick gefunden, etwas wild, aber doch gut, der Minderheitler mit den grünen Borsten war abwesend, was der machte, wußte im Grunde sowieso keiner, die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse hörte nicht zu, sondern beschäftigte sich angelegentlich mit irgendwelchen Notizen, und dann und wann fiel Karomützens Blick mit einer kleinen Verlegenheit auf Assistentin K, die zuzuhören schien mit ihren Augen, welche denen Mos plötzlich ähnlich sahen (Mo selbst war in der Kreativabteilung wieder in tiefsten Schlaf verfallen, die Kreativleitung in heftige Weberei), und er wunderte sich, wie wenig diese Assistentin zu protestieren schien gegen die erbarmungslose Feststellung, daß sie nun einmal nicht vorgesehen war, nicht als selbsttäige, nicht als fühlende, nicht als denkende, schon gar nicht als bleibende, und das fing an, ihn ein wenig zu ärgern, aber als er vorwärts palavernd, rückwärts planend seine Aktivitäten bedachte, bemerkte er, daß er sich viel zu lange aufgehalten hatte, die Assistentin schmunzelte, sagte, wieder ein Fehler, wer soll den eigentlich bemerken, drückte ihm kurz die Hand, als er aufsprang um zu gehen, und binnen kurzem war das "Bistro" leergefegt, kein Wort übrig zwischen Kekskrümeln und Kaffeeflecken.
Montag, 3. November 2008
508.
Im Verlaufe des Sonntags war der Oberassistent auf der Wachstation von einigen EinSatzKräften, auch der Chefin, besucht worden, ohne doch wirklich zu erwachen: man hielt es für besser, ihn noch ein wenig im Koma zu lassen, machte den nachfragenden Angehörigen und Freunden aber gute Hoffnungen auf vollständige Genesung, und so konnte am Montag trotz aller Erschütterung durch den Zwischenfall die EinSatzLeitung ihre Arbeit wieder aufnehmen und die Gespräche über den Oberassistenten auf die "Bistro"- Runden beschränken.
Sonntag, 2. November 2008
507.
Als die Chefin am Sonntagmorgen ihre Zeitung las, seufzte sie entsetzt und sagte zum Kind, was machen die nur in den USA, das Kind sagte wieso, machen sie was Neues, und die Chefin sagte, wohl nicht wirklich, und ich dachte, diesmal hätten sie es rundum geschickt angestellt in der Kampagne von Obama, aber dann haben sie die Sache mit der Farbe aufs Medientablett gehoben und daß die breite Masse eigentlich noch nicht bereit sei für einen farbigen Präsidenten und daß man eigentlich den Umfragen nicht glauben könne, erst machen sie diesen ganzen Unsinn mit der armen Hilary, dann hat man sich gerade daran gewöhnt, den Obama halbwegs gut zu finden, dann kommt dieser ganze lächerliche Fallensteller- und Bloßstellungsjournalismus mit der Palin, bei dem doch jedem ernsthaften Demokraten schlecht werden muß, egal, was man von der halten mag, und nun dieses Geunke über die, die nicht reif sind für die Farbe eines Präsidenten, das mag ja alles richtig sein, aber vielleicht hätten es manche aus Versehen einfach vergessen, wenn man es ihnen nicht gesagt hätte, wäre das nicht besser gewese...da wurde sie von einem Anruf unterbrochen, und Karomütze informierte sie in knappen Worten über den Infarkt des Oberassistenten.
Samstag, 1. November 2008
506.
"Man stellt sich die Wochenenden marzipanversessener Obersassistenten im allgemeinen etwas zu beschaulich vor: man denkt, ein solcher würde behaglich seine Massen von seinem (selbstverständlich einsamen, bei der Figur wird er ja wohl keine Freundin finden, unser Dickerchen, das wäre ja noch schöner, nein heute müssen auch Männer sich entscheiden, Bauch oder Freundin, sagt jedenfalls die Assistentin K, die öfter mal da war, und wer es besser weiß, schweigt lieber, man darf den Leuten das 'Weltbild' nicht in einem Satz zertrümmern) Bette erheben und sich ein Käffchen brauen und in der Gelassenheit, welche er tagtäglich in der EinSatzLeitung zur Schau stellt, nun auch in seiner etwas herabgekommenen Häuslichkeit im zweiten Stock eines Kreuzberger Seitenflügels die Wollmäuse Wollmäuse sein lassen, sich nach einem herzhaften Frühstück auf den Weg zur Marzipanbeschaffung machen, jeden Bäcker und jede Metzgereifachverkäuferin rings um die Bergmannstraße grüßen, und dann den Tag verdösen, um am Abend sich in einer Kneipe mit Freunden, die er bequemlichkeitshalber seit seiner Schulzeit allwöchentlich trifft (wozu neue, die alten sind doch gut genug, man kennt sich, man wiederholt seine Sprüche, wer will mehr, wer braucht das), ein Bierchen oder auch zwei zu genehmigen, den Sonntag ähnlich verbracht, vielleicht ein halbes Stündchen am Computer was nachgearbeitet und doch einmal das Waschbecken durchgewischt, aber nein, so ist das gar nicht," sagte die Schwester des Oberassistenten, als sie neben der Dame Ö im Krankenhausflur saß und auf das Ergebnis der Notoperation wartete, "tatsächlich hat er unermüdlich an jedem Wochenende versucht, gegen sein Übergewicht zu kämpfen, er ist in Fitness-Studios gegangen, hat sich die ganzen abschätzigen Bemerkungen und Blicke gefallen lassen, immer auf der Suche nach dem einzigen dort, der auf irgendeine Weise nicht den Respekt verlor, nicht vor der Stirn, und wie es schien auch nicht dahinter, hat sich im Spiegel angeschaut und Fratzen gezogen und sich selbst zugerufen, na, wo ist sie nun hin, deine Gelassenheitsmaske, hat natürlich eine Freundin gehabt, die ihn aber verlassen hat, und natürlich hat er das auf seinen Bauch zurückgeführt, obwohl sie ihm immer gesagt hat, wie süß sie das findet, und nach wenigen Wochen Glück ist er nun also völlig unglücklich wieder ins Laufrad gegangen, hat sich gesagt, diesmal aber richtig, und ja, da haben wir den Salat," und die Dame Ö nahm die Hand der aufgeregten jungen Frau, in der sie ohne den Anruf, den sie erhalten hatte, niemals die Schwester des dicken Oberassistenten vermutet hätte, und sie drückte sie ein wenig und sagte, "wir müssen jetzt beide sehr tapfer sein, und wenn wir in den Aufwachraum gehen dürfen, dann werden Sie ihn, egal wie er aussieht, ein wenig streicheln, an der Hand oder im Gesicht, und Sie werden ihm sagen, wie sehr Sie ihn immer gemocht haben und wie Sie sich um sein Aquarium kümmern und was Sie alles schönes gemeinsam machen werden, wenn er sich wieder erholt haben wird," und die Schwester des dicken Oberassistenten war froh, daß sie bei ihrem Anruf in der EinSatzLeitung statt des Anrufbeantworters Dame Ö erreicht hatte, und fragte nicht weiter und sagte mit einem kleinen Schniefen, so machen wir das, und lehnte unversehens ihren Kopf an die hagere Schulter dieser Dame, von der der Oberassistent eigentlich nicht viel Gutes erzählt hatte, denn wie Karomütze hielt er sie, solange er noch draufloshalten konnte, für unmäßig streng und dünkelhaft.
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