Die EinSatzLeitung schreibt mit Gästen ein Buch. Pro Tag darf jede Person einen Satz einsetzen, die EinSätze werden fortlaufend numeriert. Auf der B-Ebene gibt es längere narrative Stücke. Die EinSatzKräfte und ihre Texte sind sämtlich rein fiktiv und frei erfunden. Alle Rechte bei der Autorin.
Dienstag, 7. Oktober 2008
481.
Die Tür der Kreativabteilung wurde nach zögerlichem Klopfen leise geöffnet, Dame Ö schlüpfte herein und sagte der Kreativleitung, welche eben erst das - endlich - wieder immerhin friedlich schnarchende Mo auf sein Fell gebettet hatte und nun grübelnd vor ihrem Wandteppich stand, es sei ihr gelungen, die kleine Delegation noch zur Chefin umzuleiten, welche sich gemeinsam mit der Leitung Ö ein wenig Zeit für sie nehmen wollte, man wolle sodann noch in die Demokratieabteilung, um dortselbst die Herren recht gründlich über einige wichtige Fragen zu belehren, und schließlich werde man sie also in ca. einer Stunde in die Kreativabteilung geleiten, in der man sie dann völlig deren Leitung und ihrer Assistentin überlassen werde, ob sie sich dann um Mo kümmern solle, fragte die Dame Ö, und die Kreativleitung dankte herzlich, zog es aber vor, zu diesem Zweck den Minderheitler mit den grünen Borsten herzuzubitten, welcher ja nur für den Fall überraschenden Erwachens mit ihr ins "Bistro" gehen müsse, und sagte, es wäre ihr lieber, wenn Dame Ö auch weiterhin ihr Auge nebst Braue auf die Dreiheuchlichkeit richten und diese ein wenig in Schach halten würde, man fühle sich doch etwas sicherer gegenüber dieser seltsamen Abordnung, wenn einem eine lebenserfahrene und resolute Dame zur Seite stehe; Dame Ö versprachs und verschwand so schnell wie sie gekommen war, um sich wieder dezent in den Hintergrund der Delegation zu begeben und sorgsam am Kaffefleck auf dem Schal des ersten vorbei zu schauen.
Montag, 6. Oktober 2008
480.
Die Leitung der Abteilung Öffentlichkeit fand es etwas unangenehm, ausgerechnet in der Zeit ihrer frühen Schwangerschaft (immerhin kamen die Übelkeiten nur noch morgens) mit diesen drei Knaben behelligt zu werden, zumal sie nicht wußte, welcher der drei ihr verheuchelter vorkam, das schöne Wort Leidenschaft aber, das sie sich eigentlich nur für besondere Augenblicke reservierte (man ist nicht umsonst wenigstens mit der Assistentin K früher mal befreundet gewesen), hätte sie nun wirklich keinem der drei angeklebt (oder auch nur verstohlen unter die Jacke gejubelt), wie sie da vor ihr standen; dem ersten freilich war immerhin ein Hang zu jener Schwundstufe der Leidenschaft, der Eiferei, nicht abzusprechen, welcher auch in diesem Augenblick nur mühselig unterdrückt aussah - und das vermutlich nur, weil ihn die maßlose und immer ein wenig an ihm vorbeischauende Höflichkeit der Dame Ö, welche auch jetzt in der Tür stehen blieb, nunmehr mit aufwärts entschlüpfter Braue, irritiert, ja, fast eingeschüchtert hatte (was nahm die sich heraus, zürnte es in ihm, Türtante in irgendeiner schmuddeligen EinSatzLeitung, mühsam zur Empfangsdame avanciert, aber benahm sich, als erwiese sie ihm eine Gnade, wenn sie ihm, der sich herabließ, mit etwas wie einer schwachen Hoffnung auf einen gemessen an hiesigen Verhältnissen nun wirklich lukrativen Auftrag den kleinen Betrieb höchstselbst nebst Ordonnanzen besuchlich zu beehren, ein paar Belanglosigkeiten um die Ohren säuselte) - aber es stand ihr gutes Ansehen bei der Chefin auf dem Spiele, und so erinnerte Leitung Ö sich an ihr standing, übernahm das Lächeln, das die Dame Ö ihr zugespielt hatte, preßte ihrer üblicherweise etwas hart klingenden Sportreporterinnenstimme eine kleine Süßlichkeit ab (Öl, hätte ihr der Kwaliteitswart wohl zu gezischelt, aber mit derartigen Erinnerungen konnte sie sich doch nicht auch noch aufhalten) und sagte, willkommen in der EinSatzLeitung, wie schön, daß wir Sie einmal persönlich kennenlernen dürfen, Sie werden sicher wissen wollen, wie unser Betrieb aufgebaut ist, und allmählich zogen ihre Worte sie in ein Fahrwasser, in dem sie nun wohl mit der Situation so weit fertig werden würde, daß die Braue der Dame Ö sich langsam wieder an ihren angestammten Platz begeben konnte.
Sonntag, 5. Oktober 2008
479.
"Sie wollen jetzt nicht im Ernst die Heilige Trinität herausfordern," sagte im Eintreten halb milde lachend, halb bedrohlich in seinem rüstungsartigen Kostüm schwellend der erste, "wir danken demütig für die freundliche Einladung," wisperte gebrochen und schön der zweite, und der dritte gab etwas von sich, das man als schweres Schnaufen oder auch sanftes Säuseln hätte verstehen können, aber hinter alledem war das verhaltene Kichern von Menschen zu hören, die sich für besonders schlau halten, indes die Dame Ö, welche die Gäste mit kontrollierter Braue und drei warmen Händedrücken empfing, überhörte noch diese in der englischen Bedeutung des Wortes "starke" blasphemische Anmaßung und hieß sie alle gleichermaßen und gleichhöflich willkommen, erkundigte sich nach den Umständen der Anreise und ob sie den Weg in die EinSatzLeitung auch gut gefunden hätten, sie sagte überdies etwas wie "wie schön, daß Sie zu dritt sind," lud zum Lobe des herrlichen, obzwar kühlen Oktoberwetters ein und geleitete die Herrschaften unter solchen Worten gemessenen Schrittes und stets aufmunternd lächelnd zum Büro der Abteilung Öffentlichkeit, wobei sie, da sie ihr Benehmen durch den Anblick eines kleinen Kaffeeflecks auf dem prächtigen Schal des ersten Gastes fast stärker gefährdet gefunden hatte als durch die Tatsache, daß "der leidenschaftliche Heuchler" zu dritt erschienen war, und auch stärker als durch die anmaßliche Rede des so absurd prächtig gekleideten Wortführers, an ihren Nachwuchs dachte, welcher bei der Armee gewesen war und sich nicht genugsam hatte verwundern können über die allzu penible Erziehung zu "kleidungsmäßiger Korrektheit," ja, als sie immer weiter ermunternd den Gästen zulächelnd und sorgsam am Kaffeefleck auf dem prächtigen Schale vorbeisehend, sorgsam auch die von dieser Person kommenden, immer etwas polterigen Sätze durch abfedernde Antworten parierend, den langen Korridor entlang ging, glaubte sie, die Antwort für ihren Nachwuchs gefunden zu haben, und die war denkbar einfach: man bringt durch unordentliche Kleidung die Menschen in Verlegenheit, und das ist unhöflich, wollte sie ihm sagen, so gedachte sie, ihm zu ermöglichen, etwas wie einen wirklichen Sinn in dem ihm entsetzlich stumpfsinnig erscheinenden Drill zu sehen.
Samstag, 4. Oktober 2008
478.
Bevor die Kreativleitung sich der Schilderung dessen, was sie bisher schon von der heuchligen Dreileidenschaftlichkeit, den heiligen drei Heuchlern oder der gedrittelten Heuchelei gesehen hatte, deren Emanationen natürlich die Eloge erheblich erschweren würden, widmen konnte, wurde sie von einem weiteren kleinen Schrecken heimgesucht, indem der Oberassistent ihr (gerade jetzt!) zutuschelte: wußtest du eigentlich, daß der Vater des künftigen Kindes der Leitung Öffentlichkeit kein anderer ist als der Mann, mit dem du eine Weile gelebt hast und den du als so entsetzlich fürchtest, und weißt du, wie entzückend sie ihn findet und wie übel sie nun neuerdings in ihren "Bistro"-Reden, von denen du so wenig hörst, daß du praktisch nie darüber schreibst, weil sie selbst an deiner Assistentin vorbei gehen, nun erst recht spricht, und die Kreativleitung erbleichte kurz, fing sich aber und sagte, es sollte doch schön sein, wenn zwei Menschen sich gefunden haben und miteinander glücklich sind, und sind sie denn nicht glücklich genug zu zweien, brauchen sie mich als drittes dämonisches Gespenst noch dazu, man hätte doch hoffen mögen, daß die Leitung Ö, die ich schätze, ohne mir allzu viele Illusionen über sie zu machen, man hätte doch hoffen mögen, sage ich, daß sie, da weder mit besonders tief wurzelnder Kreativität und den entsprechenden Nebenwirkungen noch mit bereits akut vor seinen Augen realisierter Mütterlichkeit geschlagen, nun in der Tat die Fülle seiner Liebe, die ich ja auch einmal genossen haben werde, bevor alles andere ihn in die erstaunlichsten Verhaltensweisen trieb, genießen und mich wenigstens in Frieden lassen kann, wäre das nicht etwas, und der Oberassistent, der sich den Anblick von ein klein wenig mehr Leid und Entsetzen, möglichst auch noch Schuldbewußtsein, erhofft hatte, antwortete, sie erzählt aber schlimme Dinge, welche ihr Schatzi durch dich erlitten habe, und die Kreativleitung sagte, soll sie doch, auch ich zweifele ja nicht an seinem subjektiven Leid und bin im übrigen überzeugt, daß wir einfach gar nicht zueinander paßten, man trenne das aber doch bitte von irgendwelchen Spekulationen über meine Natur, mein Wesen und meine Taten, und indem sie den Flur ein letztes Mal nach einer Spur des Kwaliteitswarts, den sie gern einmal wieder gesehen hätte, absuchte, wandte sie sich, begleitet vom in sich versunkenen Minderheitler mit den grünen Borsten und mit ihrer Hand ein vollkommen erstarrtes Mo besorgt wärmend, wieder in ihr Büro, während die Karawane der liebenswürdigen drei Gäste von der Dame Ö zunächst einmal ins Büro der Leitung Öffentlichkeit geführt und dort sicher aufs liebenswürdigste empfangen wurde; das Mo im Schoß setzte sie sich, biß sich auf die Lippen und sagte zum Minderheitler mit den grünen Borsten, manchmal wird doch etwas zuviel Ressentimentresistenz von einem Menschen verlangt, und dann hat man es plötzlich auch an und in sich, das böse kleine Ressentiment, das ist das schlimmste daran, oder?
Freitag, 3. Oktober 2008
477.
Mag man nun ein Buchhalter und als solcher in die Schönheiten gewisser Ziffernfolgen verliebt oder eine ratlos dem Einzug irgendwelcher Gäste zuschauende Kreativleitung sein, an hohen Feiertagen schaut man doch auch gerne einmal zurück und befragt die alten Weisen und besucht die Stätten aller möglicher Erinnerungen, oder man nutzt den arbeitsfreien Tag, um die weitere Familie zu besuchen, und so bietet sich in einem kleinen Haus mit schönem Blick über eine Veranda, in einem Hause, in dem aus feinen Porzellanen seit Jahr und Tag feiner Tee in dankbare Münder gegossen wird, folgende Szene, von der nichts ermäßigt werden soll: der ehemalige Chef wurde, je seltener man ihn seitens der EinSatzLeitung noch um seine Meinung oder sein Urteil oder gar seinen Rat ersuchte, je mehr er fürchtete, in Vergessenheit zu geraten (ein Ding, das mit Gelassenheit zu tragen um der großen ewigen Sache willen er früher vehement gepredigt hatte, weshalb er sich auch jetzt seine Sorge nicht einfach eingestehen konnte, so daß er sie eben umleitete) nur umso versessener auf Disziplin, Ergebung und Entindividualisierung bei anderen, und so verwunderte es seine Gattin – die diese Entwicklung seit längerem nicht ohne stille Besorgnis beobachtete – nicht besonders, daß er dem mittlerweile ganz erfolgreich lebenden Sohne anläßlich seines Feiertagsbesuchs im Elternhause wieder einmal die Frage stellte, warum er eigentlich seinerzeit so ein hartnäckiger Zuspätkommer und Schulschwänzer gewesen sei, und dieses Mal führte der Sohn lächelnd seine Tasse zum Munde und antwortete mit einer Ruhe, wie sie nur aus den Tiefen einer entwickelten Seele kommen kann, es war euch anders ja auf keine Weise mitzuteilen, daß ich als euer Sohn Anderes und mehr bin als eine der großen ewigen Sache zu verfütternde Ressource.
Donnerstag, 2. Oktober 2008
476.
Nach Berichten, Beiträgen und Telefonreportagen hatte nicht nur die Dame Ö sich den leidenschaftlichen Heuchler ganz anders vorgestellt: man hatte wohl schon einmal bemerkt, daß er bald im Singular, bald im Plural zu sprechen schien, daß er aber selbdritt auch die EinSatzLeitung beehren würde, damit hatte niemand gerechnet, und es ergab sich so natürlich ein kleines protokollarisches Problem nebst einer ersten starken Herausforderung an die flexible Handhabung der Umgangsformen für die Dame, welche diese unter völligem Verlaß auf die Minderheitlerin mit der ewigen blauen Bluse und gewisse Qualitäten der Leitung Öffentlichkeit aber noch mit einer gewissen Leichtigkeit bewältigte - eine viel schwerere Herausforderung stellte sich hingegen der Kreativabteilung, die doch noch stets beauftragt ist, über derlei Vorfälle zu berichten, denn bereits die Frage, mit welcher Person oder Emanation der Heiligkeit der leidenschaftlichen Heuchelei, der geheuchelten Leidenschaft für die Heiligkeit oder der Leidenschaft für die heilige Heuchelei man die Beschreibung beginnen sollte, war eine unter vielen Hinsichten schier unentscheidbare Frage für die zunächst vorgeschickte Assistentin K, für deren Lösung diese den Rat des klitzekleinen Forschungsministers einholte, welcher seinerseits umstandslos und etwas mürrisch empfahl, einfach eine Person nach der anderen in der Reihenfolge ihres Eintretens "durchzubeschreiben" und das Sprechen in Emanationen den Selbstbeschreibungen der zu Beschreibenden zu überlassen, aber die Kreativleitung fand das unerträglich langweilig, und das gerade jetzt, da sie, das Mo auf der Hüfte, den Minderheitler mit den grünen Borsten mit der anderen Hand gedankenverloren an irgendwelchen Borsten kraulend, sich zum Türrahmen des Kreativbüros bewegt hatte, wo sie nun lose stand und fasziniert den Einzug der drei höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten beobachtete.
Mittwoch, 1. Oktober 2008
475.
Bevor die Dame Ö am Dienstag ordnungs- und pflichtgemäß den leidenschaftlichen Heuchler um Punkt 17.00 Uhr am Eingang begrüßte und durch ein wohlerwogenes Besuchsprogramm geleitete, ereignete sich im "Bistro," in welchem sie sich ein wenig stärkte, folgendes: was ist vulgärer als das gewöhnliche ökonomistische Sprechen, fragte der Demokratiebeauftragte die Dame Ö, als er sich erschöpft von heftigen parteipolitischen Wortgefechten, die er gerade hinter sich gebracht hatte, im „Bistro“ zu ihr an den Tisch setzte, und die von dieser Frage sehr überraschte Dame Ö, die eigentlich so ziemlich alles, was sie in der Welt sah, unerträglich vulgär fand (ein Zug, den mancher an ihr unerträglich fand, aber das schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken), sagte, dieses ökonomistische Sprechen ist vulgär und alles andere auch, man hat wenig Grund, Ausnahmen zu machen, hat man aber doch mal einen, soll man sich sehr freuen und milde werden, aber der Demokratiebeauftragte meinte, er würde normalerweise nun wirklich "völlig anders ticken," es gebe indes schon Dinge, die wirklich vulgär seien und manche sogar noch vulgärer als das gewöhnliche ökonomistische Sprechen, und das sei - so sein Resumee der Debatten des Tages - alles moralinsaure und empörungsgesättigte Gekeife oder Geschwafel gegen alles Ökonomische, und während er dies alles vorbrachte, schmiss er seine länglichen Gräten genervt von sich und saß zugleich so, als nähme er seinen Stuhl nicht wirklich ein, eine Nichthaltung, für die er zuverlässig eine Rüge von seiner Sitznachbarin erwartete; diese aber sah ihn wohlgefällig, fast verträumt an und sagte, sehen Sie, so sitzen kann auch nicht jeder, und Sie haben es vermutlich nicht einmal geübt!
Abonnieren
Posts (Atom)