Samstag, 12. Juli 2008

394.

Die Unordnung wollte nicht aufhören, so schien es, aber nun gut, sagte die Kreativleitung zu einem schwitzenden und wortlos vor sich hin lamentierenden Mo, wenn es eben Krisensitzungen hinter verschlossenen Türen gibt, wenn die Elogen auf einen unsympathischen Herren fertig werden müssen, wenn die Sonne sich zwischen Stechen und Verdumpfen nicht entscheiden kann, weil die Luftschichten zwischen Menschen und Sonne irgendwie watteweich miteinander zu kollidieren scheinen, was will man an einem langen Samstag schließlich machen, und Mo, die irgendwie erreicht hatte, daß die Kreativleitung sie auf die Fensterbank hob, so daß sie doch einen kleinen Luftzug um die feuchte Stirn bekam, seufzte und starrte und lamentierte auch weiter wortlos vor sich hin; erst als die Kreativleitung, ihrerseits fast in völlig andere Träumereien versinkend, sie plötzlich fragte, Mo, warst du eigentlich mal verliebt, und Mo sagte, vielleicht, irgendwann mal, vor meiner Käfigzeit, aber danach, was soll ich sagen, homo sacer kann nicht küssen, würde ich sagen, und die Kreativleitung fragte, wirklich nicht, und Mo sagte, ich weiß nicht, ich glaube eigentlich nicht.

Freitag, 11. Juli 2008

393.

Bevor es am Morgen zur Schule ging, bevor die Mutter ins Büro eilen konnte, fragte das Kind, Mama, was muß man tun, um ein guter Psychologe zu sein, und die Chefin sagte lachend, Pestvogels würde sagen, seine Schriften und noch ein paar Schriften lesen, seinen Flug studieren und bei ihm in die Lehre gehen, und das Kind sagte, daß du Pestvogels nicht magst, weiß ich doch, und daß du mich nicht als Psychologen sehen willst, ahne ich, ich will aber wissen, was du zu meiner Frage sagst, und die Mutter überlegte einen Augenblick und sagte dann, vielleicht Dostojewski sein, und wenn man dann genug hat und ein bißchen lachen will, vielleicht Doderer sein, und wenn einem das immer noch nicht lustig genug ist, dann kann man es ja mal mit Dodo Mamarosa versuchen, und das Kind boxte sie ein wenig und sagte, das kann man doch nicht lernen, und die Mutter sagte, dann lern doch erstmal, was man lernen kann, stopfte ihm noch das Schulbrot in die Tasche und eilte selbst ins Bad, um sich für den Bürotag herzurichten.

Donnerstag, 10. Juli 2008

392.

Der erzählende Kranich fand, der Schattenriß werde neuerdings unterschätzt, und um dem gegenzusteuern, beschloss er, sich einmal zwischen alle Belange der EinSatzLeitung zu drängen und folgende Adresse zur gefälligen Ansehung zu empfehlen: http://www.youtube.com/watch?v=rAi2CbVQIqw&feature=related.

Mittwoch, 9. Juli 2008

391.

Es haben sich also unversehens und sozusagen stillschweigend die Türen der EinSatzLeitung wieder geöffnet, bemerkte die Kreativleitung zum gebündelten Mo, als sie die Räumlichkeiten betrat, und sie ging über den Flur an den offenen Türen des "Bistro" und mancher Büros vorbei, erhielt zwischendurch vom Praktikantenschreibtisch den Zuruf, daß alle, wie er sich ausdrückte, wichtigen Leute zur Krisensitzung wegen der Abteilung Öffentlichkeit im Chefinnenbüro seien, daß die Luft rauche und man sich auf was gefaßt machen könne, und die Kreativleitung sagte, ach ja, und ging in ihr Büro, bettete Mo auf ihr Fell und legte sich selbst kurz auf den Teppich, um sich setzen zu lassen und in irgendeine Ordnung zu bringen, was sie bei ihrem Besuch im Hause des ehemaligen Chefs über den Herrn Y und durch den Herrn Y und von dem Herrn Y in Erfahrung gebracht hatte, und sie hoffte, jenes Unheimliche, das im ehemals cheflichen Haushalt durch die Anwesenheit des schweigsamen und untätigen Herrn Y sich schon ausgebreitet hatte, hier in der EinSatzLeitung wieder abzulegen, aber unterwegs hatte sie vor allem das Gefühl beklommen, daß du nichts, aber auch gar nichts verstehst, wenn du nicht sehr genau hinschaust (und auch dann noch viel zu wenig), und daß Herr Y vielleicht recht hatte mit seinem furchtbaren Schweigen als letzter Zuflucht, weil was immer du sagst doch so falsch sein oder ankommen kann, immer sucht sich etwas, das du glaubst nicht verraten zu dürfen, einen Ausweg, der dann in falsche Hände geraten und dort Falsches anrichten kann, du verletzt so, wem du nur Freundliches sagen willst, und schmeichelst, wem du nicht schmeicheln willst, und je mehr du gezwungen wirst, deine Worte zu kontrollieren, desto schlimmer wirds, so daß man doch verstehen müsse, wie ein Mann, der hinter sich hatte, was Y hinter sich hatte und offenkundig zur Floskelproduktion keine Begabung, sich eben weitestgehend einschwieg; was sie dann aber nicht verstand, war, wieso er so gelächelt hatte, als sie sein Zimmer betreten hatte, gelächelt, als wäre er trotz allem völlig frei.

Dienstag, 8. Juli 2008

390.

Hocherfreut war die Chefin, als der erste, der der Einbestellung folgte und an der immer noch vorzimmerlosen Bürotür erschien, der ehemalige stille Theologe und neuernannte und prachtvoll fortgebildete Demokratiebeauftragte war, sie lief ihm entgegen, zog ihn geradezu herein und sagte ohne weitere Umschweife (daß sie sich freute, sah man doch wohl, und wie es ihm gehe, sollte er lieber ausführlicher nach der kleinen Krisensitzung erzählen), setzen Sie sich und beantworten Sie mir ganz schnell bevor die anderen kommen eine Frage, ich denke gerade so viel über Gerechtigkeit nach wegen der anstehenden Veränderungen, und Sie haben doch mal viel studiert, ich erinnere mich, daß Sie sich mal mit dem klitzekleinen Forschungsminister über verschiedene Stufen der Gerechtigkeit unterhalten haben, irgendwas mit Z - Zedaka meinen Sie, sagte der Demokratiebeauftragte, verwundert, daß sie sich so verhaspelte, das hebräische Wort für Gerechtigkeit, das heißt aber mehr als Gerech... - schon gut, ja genau, das meine ich, das hatte doch so eine Hierarchie mit höchster Stufe, und nun strahlte der Demokratiebeauftragte über das ganze Gesicht, denn es freute ihn, daß die Chefin sich an eines seiner Lieblingstheoreme erinnerte, und er sagte: die höchste Stufe der Gerechtigkeit ist nach dieser Lehre, wenn man einem Menschen dazu verhilft, sich selbst zu helfen, ohne daß dieser Mensch auch nur bemerkt, daß man ihm geholfen hat.

Montag, 7. Juli 2008

389.

Am Montagmorgen war es für die Chefin wie üblich vorbei mit Besinnlichem und Unterhaltsamem (wenigstens diese Sorte Rhythmus hatte man doch aus alten Zeiten übernommen) und sie machte sich also daran, die Angelegenheiten der Abteilung Öffentlichkeit neu zu ordnen, dies schien einstweilen das Dringlichste zu sein, denn es stapelten sich schon die Anfragen, ob man nun die Sache mit dem Chef eher religionsphilosophisch oder eher persönlich verstehen solle, wofür eigentlich der erzählende Kranich stehe und ob er etwas mit einem deutschen Luftfahrtunternehmen zu tun habe, nebenher kamen Klagen von der russischen Gesandtschaft wegen der Chodorkowsky-Proklamation, und die Assistentin Ö, die sich seit Wochen nach Kräften bemühte, mit allem möglichst elegant fertig zu werden, sagte der Chefin in einer ernsten Unterredung, sie könne irgendwie nicht richtig arbeiten, solange sie jede Minute damit rechnen müsse, daß ihr ehemaliger Vorgesetzter hereingestürmt kommen und sich auf irgendeine seiner neuerdings immer unberechenbarer werdenden Weisen für "wiedereingesetzt" erklären könnte, die Chefin möge jetzt mal, bei allem Respekt für ihren moderaten Kurs, mit dem sie immer allen so gerecht wie möglich zu werden versuche, ein Machtwort sprechen und klare Verhältnisse schaffen, und die Chefin, die das einsah, nahm, als die Assistentin Ö ihr Büro verlassen hatte, also das Telefon und bestellte außer dem ehemaligen Leiter der Abteilung Ö auch noch den Buchhalter, den von der Fortbildung endlich zurückgekehrten Demokratiebeauftragten, den Sicherheitsbeauftragten und den Praktikanten ein.

Sonntag, 6. Juli 2008

388.

Soso, die Sonntagsunterhaltung ist also schon wieder davongeflogen wie, wisperte der klitzekleine Forschungsminister ins Telefon, als die Chefin ihn anrief, um sich mit ihm kurz darüber zu beraten, wie man denn mit der Erkenntnis umgehen solle, daß auch Kwaliteitswarte und andere Experten die eine oder andere menschliche Schwäche erkennen ließen, während andererseits ausgerechnet der Inbegriff des Selbständigkeitsstrebens, die Kreativleitung, merkwürdige Anwandlungen von Anlehnungsbedürfnis zeigte, und der klitzekleine Forschungsminister sagte, ich weiß es doch auch nicht, Verehrteste, ich weiß es doch auch nicht, wir werden es alles irgendwie so hinnehmen und so lassen müssen und weiterarbeiten und hoffen müssen, jeweils die kraftvollsten und besten Bestrebungen zu den unseren zu machen und - ja, wer wenn nicht Sie soll uns denn zeigen, wie es geht, und die Chefin wurde für einen Moment ungeduldig und fand, einer müsse aber doch sagen können, wie es gehen solle, und der klitzekleine Forschungsminister sagte schließlich leise, erinnern Sie sich nicht daran, erinnern Sie sich wirklich nicht daran, wie es war, wenn Sie zum Chef zitiert wurden und vor ihm sitzen mußten und er Weisungen gab und sie glaubten, es besser zu wissen, aber nicht durchzudringen, und die Chefin sagte, doch, gewiss, ich erinnere mich, und bitte, wenn Sie es besser zu wissen glauben, zögern Sie nicht, es mir zu sagen, und befolgen Sie dann bitte trotzdem meine Weisungen, können wir uns darauf einigen, und der Klitzekleine sagte, das brauchen wir doch gar nicht mehr, wollen Sie mich jetzt beleidigen, und die Chefin sagte, ganz gewiss nicht, mein Lieber verzeihen Sie, Sie sind aber auch manchmal empfindlich, ich wünsche Ihnen gleichwohl einen schönen Sonntag, und sie suchte nach einer kleinen Schlußformel, die irgendwie den Druck aus der Sache genommen haben würde, starrte, als das getan war, in ihre Pflanzen und sagte, so kanns gehen, ihr Seltsamen, so kanns gehen...

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