Sonntag, 6. Juli 2008

387.B

Der erzählende Kranich war nicht nur ein gutmütiger Vogel, er war auch hellhörig und übrigens sowieso stets ungeduldig darauf bedacht, von seinen Überflügen zu erzählen (so wird es wohl zu seinem Namen gekommen sein). Und schon rauschte er herbei, um durch eine Erzählung nicht nur die Demokratiebeauftragte zu trösten, welche, mochte sie auch souverän wie immer reagiert haben, doch in gelinde Selbstzweifel geraten war angesichts der Überlegungen der Kreativleitung in 385.B und der Bestätigung derselben durch den stets hilfsbereiten Kwaliteitswart in 387. Nein, es war noch ganz jemand anders zu trösten, einer, der nahezu untröstlich traurig geworden war, als er lesen mußte, daß die Kreativleitung, welche er heimlich verehrte, ihrerseits weiterhin den ehemaligen Chef zu verehren schien, und das ausgerechnet wegen seines Körpergewichts! Ach, da hatte nun der Kwaliteitswart selbst, ein überaus schlanker Herr, welcher üblicherweise sich auf diese seine Schlankheit gerade einiges zugute hielt, sich so gefreut, endlich die Aufmerksamkeit der Dame auf sich und vom Chef abgezogen zu haben, und dann das! Ist ja kein Wunder, daß er dann, um seinen Zorn loszuwerden und doch die Verehrte ungeschoren zu lassen, erst einmal an der angeblichen Fadheit der Demokratiebeauftragten herumnörgeln mußte! Nun war nicht eigentlich sein Zorn seine Schwäche (solche Menschen gibt es auch, aber der Kwaliteitswart war eben gerade nicht von dieser Art, nie gewesen, nein, er war vielmehr ein Mensch von sonnig-kühler Wesensart, überwiegend unangefochten, so schiens), und auch nicht, daß er diesen, um sein ihm selbst so wohltuendes Verehrungsgefühl und die damit Verbundene zu schonen, dann eben auf eine andere, von der er nicht völlig zu unrecht meinte, daß sie es wohl eher vertragen würde, in aller Höflichkeit umleitete, nein, wir müssen es leider aus unserer überfliegenden Perspektive sagen: seine wahre Schwäche bestand darin, daß er seinem zugegeben grandiosen und unübertroffenen Verständnis von der Welt und ihren Bewohnern, selbstredend unter besonderer Berücksichtigung gerade auch derer Bewohnerinnen, manchmal doch ein ganz klein wenig zu viel und der geschickten oder mutwilligen Umwegigkeit mancher Damen ein bißchen zu wenig zuzutrauen schien, wodurch er sich dann im für ihn unangenehmsten Falle mancher Mißempfindung aussetzte, die ihm bei voller Kenntnis der Lage rein erspart geblieben wäre. Wie nun aber sollte der überfliegende Kranich hier Abhilfe schaffen? Ach, dachte dieser, nichts leichter als das, stelzen wir doch ein wenig auf den zentralen Plätzen der Hauptstädte herum und halten Ausschau nach Personen, deren Gesichter zu sagen scheinen „I’m walking on sunshine,“ und dann wird das schon. … … … Was, so eine kurze Erzählung, und das soll irgendwen trösten oder Druck aus deinen Erzähl-Vorräten ablassen, fragte Mo entgeistert, und ihre Augen wurden für einen Moment größer als ihre schon etwas knittrig gewordenen Flügelchen (Flügel? Ach ja) und der erzählende Kranich sagte, ich glaube wohl. Dann freilich schien ihm doch, er müsse noch ein wenig weiter ausholen, er zeigte also dem staunenden kleinen Mo, was wirkliche Flügel waren, nicht solche wie ihre, die man nur in großen Augenblicken der Befreiung empfängt, sondern echte, angewachsene, ein Leben lang tragende wirkliche Flügel, mit Schwungfedern und allem, was noch dazu gehört, er lüpfte den einen Flügel, dann den anderen, bewegte in irgendeinem Takt dazu seine Beine, säuberte die Unterseite des rechten Flügels mit der Spitze seines zierlichen Schnabels, strich danach mit dem linken Fuße seine rückwärtigen Federn glatt, verbeugte sich anschließend artig vor Mo und allen anderen Mitgliedern der EinSatzLeitung, räusperte sich erwartungsfroh - und stellte keine nennenswete Reaktion fest. Er sah sich noch einmal um, ratlos, und sagte dann, ja, äh, außer diesem, ähäm, Selbstdarstellungsspektakel hätte ich ansonsten nur noch, äh, eine kleine Ballade zu bieten, die man im virtuellen Raum unter folgender Adresse finden kann: http://de.youtube.com/watch?v=rpwVPXiSvwU. Sprachs, nahm mit wenigen sehr langen Schritten einen kleinen Anlauf und erhob sich mit schon fast wieder träge wirkenden Flügelschwüngen wie unwiderruflich in die Lüfte.
Schade, sagte Mo, ich hätte ihn wirklich lieber hier behalten. Er hat doch noch gar nicht angefangen zu erzählen! Ich auch, sagte die Chefin, glaub mir Mo, ich hätte ihn auch lieber hier behalten.

Samstag, 5. Juli 2008

387.

Dem Kwaliteitswart kam allerhand zu Ohren und vor die Augen, über das er sich zu wundern hatte, und da er jemand war, der stets sehr gut wußte, was er zu tun hatte, so wunderte er sich sehr: über das Fortbildungsverhalten des neuernannten Demokratiebeauftragten, über das Verblassen des Buchhalters, über die schlafwandlerische Unsicherheit der Kreativleitung in Angelegenheiten von X und Y, über das Versickern der Augen der Chefgattin und den Charisma-Einbruch der neuen Chefin, über das Gezicke der Assistentinnen und über das Schwächeln der Karomütze, über die desolate Situation in der Abteilung Öffentlichkeit und in der Ehe der ehemaligen Leitung, und einzig Mos Verhalten leuchtete ihm so vollkommen ein, daß es keiner Verwunderung bedurfte, eine seltsame Sache, sagte er sich, und nahm sich vor, in der kommenden Woche ein besonders waches Auge auf die Entwicklung der Abteilung Ö zu werfen, denn, so meinte er, mit einem derart verläßlichen Mo würde in der Kreativabteilung auch bei noch so seltsamem Auftrag nicht viel schief gehen, während die Öffentlichkeitsabteilung und das Chefinnenbüro offenkundig Beratungsbedarf hatten.

Freitag, 4. Juli 2008

386.

Die Chefin, die fand, es sei an der Zeit, daß der neuernannte Demokratiebauftragte zurückkehre, steckte einen Zettel in eine Klarsichtfolie, denn es regnete sehr, nahm den größten Schirm, den sie finden konnte, und eilte zur EinSatzLeitung, wo sie vor der Tür die Folie mit dem Zettel und einen Klebestreifen aus ihrer Tasche zog (dabei dann immer der Schirm, wie machen das andere Leute nur), sie zögerte nur einen winzigen Moment angesichts der Größe der neuen Herausforderung an die Welt, aber dann klebte sie beherzt an die Tür einen Zettel mit der Aufschrift: Befreit Michail Chodorkowsky!

Donnerstag, 3. Juli 2008

385.B

Die Kreativleitung freute sich natürlich sehr über die gelungene Befreiung der freiheitsliebenden Frau. Auch ihr war am Morgen danach zumute gewesen, mit den anderen herumzutanzen, vielleicht hatte sie es sogar getan, sie erinnerte sich nur nicht mehr daran, schon am Nachmittag: nicht. Der Tag verging ihr wie im Taumel, wie unter einer Knute, sie kannte das schon, das waren Tage, an denen sich schwere Textgewitter zusammenbrauten, und es wurde dann an den Abenden unmöglich, nicht zu schreiben. Nur wußte sie nie, wie sie diese Textgewitter und was sich in ihnen entlud zusammenbringen sollte mit dem, was doch von ihr verlangt wurde. Während niemand bemerkt hatte, wie schwer sie arbeitete, hatte sie ja Stunde um Stunde an die Nutztierhaltung gedacht und an alles, was ihr Herr X. noch darüber erzählt hatte. Denn tatsächlich hatte sie schließlich übernehmen und selbst mit ihm sprechen müssen. Was die Assistentin einfuhr, war lustig gewesen, aber wenig hilfreich für ihre Eloge. Sie hatte selbst ein bißchen mehr in Erfahrung bringen können. Im Sprechen, und durch dieses Hören auf alles, das auch etwas anderes sein könnte. Die Ohren, meine Damen und Herren, die Ohren, die hören nun einmal, manche mehr, manche weniger.
Nun war sie, bevor sie sich daran machte, alles niederzuschreiben (komisch, dachte sie unterwegs, wir schreiben auf und nieder, was machen wir nur für Sachen), noch einmal ins Haus des ehemaligen Chefs und seiner Gattin gegangen, um sich dort nicht nur nach Herrn Y. zu erkundigen, sondern ihn auch leibhaftig zu sehen. Sie fürchtete sich etwas vor seinem Anblick. So ein trauriger Mensch, dem es die Sprache verschlagen hat. Aber er hatte einmal einen Satz gesagt, soviel war gewiß. Er hatte gesagt, wie gut, wenn Menschen noch schreien. Ach je. So ein trauriger Satz. Und es war ein Augenblick da gewesen, in dem sie glaubte sehen zu können, daß er mit ihr etwas wie eine schwache Hoffnung verband. Vielleicht weil sie den Raum verlassen hatte (damals noch das Büro der Demokratiebeauftragten, oder war die da schon Chefin gewesen? Warum war das wichtig?) und dann wieder gekommen war. Weil sie vielleicht ausgesehen hatte, als wollte sie ihn nicht nur unterstützen, sondern könnte es auch? Aber dank welcher rätselhafter Fähigkeit hätte sie es können sollen? Sie hatte das einzige, was sie konnte, vorgeschlagen: Den Auftrag jenes Herrn X anzunehmen. Und nun, nachdem sie sich gründlich vertieft hatte in die Gemütsart des Nutztierhalters, der sein Frauenkennertum nebenher auch an ihr hatte exerzieren müssen, wollte sie noch einmal der merkwürdigen Verstrickung dieses X mit jenem armen Y nachspüren. Sie war zu der Überzeugung gekommen, daß Y wirklich nichts von X wollte. Während X sich unendlich in ihn verbissen hatte. Sie wollte diese Überzeugung noch einmal überprüfen, bevor sie sich endlich ans Schreiben setzte. Darum war sie hier und tauschte Höflichkeiten mit der Gattin des ehemaligen Chefs aus. Dieser Dame, welche sie so sehr mochte, daß sie sie gern als Mutter akzeptiert hätte, oder als Freundin, aber etwas wie eine Ferne blieb ihnen immer, ebenso wie eine ebenfalls immer bleibende Nähe.
Wo ist er denn? Oben, sagte die Gattin des Chefs. Oben. Das hieß: Im Zimmer des Sohnes, der an einer ausländischen Universität studierte. Von da konnte er in den Garten schauen, in dem Rosen und Malven und Georginen blühten, in ihren jeweils rein malvigen, rosigen oder georginischen Beeten fein umschlossen von überaus gepflegtem Rasen.
Er wird still dasitzen, dachte die Kreativleitung. Und gerade so, als wäre nichts geschehen. Er wird dankbar sein, daß er so still dasitzen kann. Er wird das für Glück halten. Für ganz großes Glück. Er wird nichts sagen, nichts denken, nichts hören. Schon gar nicht etwas, das seine sogenannten Angelegenheiten betraf.
Und sie fragte sich, was mit diesem Haus geschehen würde, wenn der Herr Y. länger dort oben sitzen würde. Denn so ein Haus verändert sich doch durch einen Menschen. Vielleicht ist nichts einem Haus gewaltiger, als wenn in ihm ein Mensch sitzt. Einfach nur so da sitzt.
Und was macht überhaupt der ehemalige Chef?
Der betrat, als hätte er bemerkt, daß sie just in dem Augenblick an ihn gedacht hatte, den Salon, in welchem seine Gattin und die Kreativleitung beieinander saßen. Vielleicht hatte in Wahrheit sie an ihn gedacht, weil er sich gerade wirklich auf den Raum zubewegte. Hatte vielleicht ein winziges Geräusch gehört. Von manchen Menschen lernst du den Schritt in alle Ewigkeit, hörst ihn dann immer schon durch ein paar Wände. So einer war er eigentlich nicht für sie. So einer würde er ja wohl wenn dann für seine Frau sein müssen – aber die war sicher nicht so. Nicht so ohrig, nicht so wie die Kreativleitung selbst, die sich stets auf allzu vielfibrige Weise mit einem Menschen in eine Verbindung brachte, wenn sie das einmal anfing, und die deswegen glaubte, nur allein leben zu können, weil es sicher nirgendwo auf der Welt einen Menschen geben konnte, der damit fertig werden könnte auf eine Weise, mit der dann auch sie nicht überfordert wäre (was hat man nicht schon alles gelesen über Menschen, die falsch wählten und an allem in Ehen zugrunde gingen, das andere für durchaus verkraftbar zu halten schienen, aber halt, dachte sie, was tue ich hier, ich rechtfertige am Ende noch das mir so verhasste Zölibat). Und doch betrachtete sie stets liebevoll die Menschen, die so glücklich zusammenleben durften, viele waren es ja nicht, aber diese schienen dazu zu gehören, und sie dachte, es müsse an der Gattin liegen.
Wie war aber die Gattin des Chefs überhaupt? Saß da und tunkte ein Shortbread in ihren Tee. Das machten die hier so, immer. Und pflegte ihre Rosen. Hatte Kunstbücher, schöne Kleider, elegantes Porzellan und einen feinen Humor für ihren Mann wie auch für die Welt. Die ideale Gattin. So etwas gibt’s, dachte die Kreativleitung, und studierte mit Wohlgefallen das feine Gesichtsoval der Dame, den winzigen Flaum auf der mild und weich alternden Haut, dieses Übergepflegte, durch das die höfliche und begüterte Dame sich der Welt angenehm zu machen versteht, auch wenn das Alter ihr schon zugesetzt hat. Über wieviel diese Frau zum Schein hinweggeguckt haben muß, um immer alles so zu richten, daß der geschulten Beobachterin klar war: sie hat alles gesehen. Welche Pein sie auf sich genommen haben muß in zerstrittenen oder den Streit wegbügelnden Nächten, welche Vornehmheit in jeder Bewegung bei ihr die gewisse Grobschlächtigkeit des Gatten auffing. Wie schnell das Gesicht sanft wurde, wenn wieder einmal ein eigener Wunsch begraben werden mußte. Wie glücklich sie dabei dennoch wirkte, und wie abgründig auch.
Vermutlich war ihr Glück, des Morgens zu fragen, wie der Herr Gatte genächtigt habe. Es muß ihr Freude machen, seinen Mantel zu bürsten im Winter und seine verschwitzten Hemden zu waschen im Sommer, dachte die Kreativleitung. Konnte das sein? Gewiß. Über etwas würden sie auch reden. Zum Beispiel über das, was in den Zeitungen stand. Auch hier, so erfuhr sie soeben, hatte man sich über die Befreiung von Ingrid Betancourt gefreut. Und in der Tat, was für ein Gesicht, was für ein Lachen, was für ein Jubel in diesem Gesicht, wenn man es nur als Bild bekam!
Das sagte die Kreativleitung lächelnd zur Gattin des Chefs, ganz da. Schob gleich noch die Frage nach, ob sich denn auch der Herr Y. über diesen Coup gefreut habe. Und stellte sich nebenher vor, wie hier das Seufzen des Alltags mit seinem Rüffeln sich nun verändert haben mußte, da der ehemalige Chef viel zuhause war. Die Gattin sah, je länger sie sie betrachtete, desto müder aus. War das schon die Wirkung von Y? War es etwas anderes?
Sie ließ es auf sich beruhen und schaute in das Gesicht des ehemaligen Chefs, der nun jovial lächelnd vor ihr stand und ihr seine dicke weiche Hand entgegenstreckte.
Warum war sie selbst von diesem Mann immer so fasziniert gewesen? Er war schließlich einer, nun ja, was willst du sagen. Schwer eben, das gefiel ihr, immer. Ein Mann, fand sie, solle schwer sein. Warum? Das wußte sie nicht, sie fand einfach, das gehöre sich so.
Dann hatte er eben diese Aura. Und in all seiner Tatkraft und Entschlossenheit etwas wie ein Zaudern. Das mochte sie auch. Er hatte furchtbar genervt manchmal. Und er hatte doch etwas zustandegebracht. Er hatte gesehen, daß Mo wichtig war (überhaupt, Mo, was die machte! Als die Kreativleitung die EinSatzLeitung verließ, da schlief Mo schon wieder, sie hatte sie wie üblich im Bündel bei sich, nichts weiter als das leise Schnaufen, das Mo seit eh und je hören ließ, wenn sie in diese Arten von Schlaf verfiel, war aus dem Bündel zu vernehmen). Und er hatte in den Augen der Kreativleitung die richtigen Leute verteidigt. Meistens. Manchmal auch nicht. Aber da gab es ja dann noch andere. Vor allem hatte er dann auch zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Weise sein Amt aufgegeben. Sie mußte auch zugeben: er fehlte ihr irgendwie. Es ist angenehm, wenn irgendwo ein schwerer rotgesichtiger Mann ist und das Sagen hat. Vor allem gegen jene bissigeren EinSatzKräfte, an die sie gerade jetzt gar nicht denken mochte. Warum das so ist, hätte sie nicht zu sagen gewußt, aber es schien ihr so. De facto war er ja gar nicht viel da gewesen. Aber er war eben der Chef gewesen, und es war nun einmal gut, einen Chef zu haben. Nun hatte man die Chefin, die doch zugleich Demokratiebeauftragte sein wollte und das möglicherweise sogar über längere Strecken würde schaffen können. Auch nett, besonders, wenn sie an Tagen wie heute hereinschneite mit guten Nachrichten und sich mit ihr freute wie früher, als sie noch Freundinnen gewesen waren und gemeinsam ein Problem mit gewissen Kollegen und dem Chef gehabt hatten. Aber – etwas schien zu fehlen, und sie wußte nicht genau was, sie wußte nur, daß das ein irgendwie gefährliches Gefühl zu sein schien.
Was haben Sie herausgefunden über den Herrn X., fragte nun der Chef, und die Kreativleitung lächelte, ganz der Alte, dachte sie, will, daß man ihm Bericht erstattet.
Er war dann aber auch gleich wieder so ermunternd, wie sie ihn furchtbar gern hatte, sagte: Fabelhaft, die Idee, in einer Eloge auf X doch etwas für Y zu tun. Der hat es auch wirklich nötig, ergänzte er, mehr denn je. Ja, der Y., der macht uns Sorgen. Und da war schon das Unheimliche, das einem Hause widerfährt, wenn ein gebrochener Mensch darin wohnt, es knisterte sich einmal durch das chefliche Gesicht hindurch, eine winzige Sekunde lang. Eine lange Sekunde.
O je, dachte die Kreativleitung, das wird noch eine gewaltige Arbeit. Sie fragte: darf ich ihn sehen? Sie erwartete, daß man erleichtert sein würde. Immerhin wäre sie doch eine, die versuchen würde, die sogenannte Kommunikation mit diesem Verschwiegenen aufzunehmen. Eine, die hingehen würde, dachte sie, das kann den beiden Alten hier doch nur recht sein.
Aber der Chef, der ehemalige, sah wirklich verängstigt aus. Er sagte, ich glaube nicht, daß er gestört sein möchte. Und das Gesicht der Gattin hatte alle kunstvolle Selbstverständlichkeit der Konvention verloren: Ihre Augen versickerten im Tee.

385.

Als die Chefin an diesem Morgen in ihr Büro kam, stürmte sie wie früher manchmal sofort ins Büro der Kreativleitung, welche anscheinend die Nacht dort verbracht und an irgendetwas gearbeitet hatte, so grün sah die aus, und die Chefin fragte sie in ungewohnter Stürmischkeit, hast du es schon gehört, hast du es schon gelesen, sie haben wirklich Ingrid Betancourt freibekommen, und als sie das gesagt hatte, war das Rekolorierungsspektakel im Gesicht der Kreativleitung bestenfalls ein passender Hintergrund zu dem, was mit Mo passierte: als hätte sie nie in ihrem Leben geschlafen und in Wahrheit immer schon Flügel gehabt, sprang sie von ihrem Fell auf und tanzte und hüpfte in riesigen Sprüngen durch das Büro und den beiden Damen abwechselnd auf die Schultern, so daß nur die Assistentin K noch den bei ihr üblichen Grundton einer leicht genervten Blasiertheit auch an diesem Tage zustandebrachte, indem sie an den Computer ging, die Nachrichten zum Thema einholte und sagte, jetzt muß sie sich nur noch diesen dämlichen Jeanne d'Arc Titel aus dem Gefieder schütteln, bevor man sich dadurch berechtigt glaubt, sie irgendwann nach allem auch noch zu verbrennen, und als sie das gesagt hatte, sprang Mo ihr ins Gesicht und sagte, bäh, bist du doof!

Mittwoch, 2. Juli 2008

384.

Die Unterredung zwischen der ehemaligen Demokratiebeauftragten und jetzigen Chefin einerseits und dem ehemaligen Leiter der Abteilung Öffentlichkeit auf der anderen Seite des Schreibtisches hatte bereits am Montag stattgefunden und war diesseits und jenseits desselben Tisches sehr unterschiedlich zu Protokoll genommen worden, zumal die Positionen völlig verändert waren, denn hatte früher der Leiter der Abteilung Öffentlichkeit gern einmal die Demokratiebeauftragte, welche ihre Aufgabe unter erheblich schlechteren Bedingungen auszuführen pflegte als er die seine, öffentlich vorgeführt und sich hämisch über dies und das beeifert, so saß diese selbe ehemalige Demokratiebeauftragte nun im Chefsessel und hatte ihn, der auf verschiedenen Ebenen völlig ausgefallen war, zu "maßregeln" - was ihr nicht so lag, so daß sie eben einfach nur etwas dröge, immer mal wieder ihre Haare hinters Ohr schiebend, ihn im übrigen aber unverwandt und knapp lächelnd ansehend, seinen einfallslosen Vorschlag zur Wiedereinsetzung in seine alte Position zur Kenntnis nahm und nach einigem Zögern dazu bemerkte, das sei ihr so nicht recht, sie wünsche vielmehr, die Verdienste der Assistentin Ö, welche während seiner Abwesenheit hervorragend gearbeitet habe, sichtbarlich zu honorieren, er solle bitte noch einmal mit dieser gemeinsam nachdenken, vielleicht lasse sich ein Arrangement denken, bei dem die Abteilung Ö und die Abteilung Sicherheit enger zusammenarbeiteten, in einer Art Dreier-Team, der Praktikant könne dann definitiv zu einem Assistenten werden und die Koordination übernehmen, oder vielleicht könne man einerseits die Abteilung Öffentlichkeit unter Leitung der bisherigen Assistentin mit der Sicherheit zusammenschließen, andererseits ihn, den ehemaligen Öffentlichkeitsleiter, mit dem neuen Demokratiebeauftragten gemeinsam in einer neu zu definierenden Aufgabe zum EinSatz bringen, es seien seiner Phantasie und seinen Kooperationswünschen keine Grenzen gesetzt, nur werde er einstweilen auf den Abteilungsleiterposten verzichten müssen, woraufhin der ehemalige Leiter der Abteilung Öffentlichkeit heftig errötete, schwer schluckte, sich mühsam beherrschte und sich erhob mit der Ankündigung, er werde über alles nachdenken, es könne freilich sein, daß er seine Kündigung einreichen werde, eine Idee, die die Chefin nicht unmäßig zu schrecken schien, sie schien so oder so vor allem froh zu sein, dieses etwas quälende Gespräch hinter sich gebracht zu haben.

Dienstag, 1. Juli 2008

383.

Der Demokratiebeauftragte in seiner Fortbildungsstätte lernte viele Dinge, die er, obschon sie unter dem anscheinend immer noch alle beeindruckenden Namen "Kommunikation" daherkamen (wenn sie nicht schlimmere sprachliche "Bade-Suits" tragen mußten) im Grunde für "Kinkerlitzchen" hielt - ihm erschienen sie irgendwie (mit etwas Wohlwollen) wie nacheinander auftretende Zille-Figuren, und sie wurden nur immer noch putziger, wenn er sich der großen Fragen erinnerte, mit welchen in aller Stille sich zu beschäftigen er seit langem gewohnt war; aber weil er ein freundlicher Mensch und sich seiner schweren kommenden Verantwortung bewußt war, sah er ein, daß er schließlich mindestens imstande sein müsse, so zu sprechen, als sagte ihm alles dieses etwas, vor allem aber, so dachte er, müsse er schließlich imstande sein zu verstehen, was Menschen wollten, die so sprachen, und so studierte er fleißig, hatte aber gar nichts einzuwenden gegen die eine oder andere ablenkende Plauderei mit der einen oder anderen der anwesenden Personen, hinter denen doch bestenfalls so ein Spinner wie Karomütze vermutet haben würde, daß es sich um Abgesandte eines Herrn X handeln könnte, welche womöglich eine Stelle suchten, an der sie "andocken" könnten, um die Informationen zu bekommen, die Herr X haben wollte, oder um etwas zu durchbrechen, das ihnen als die undurchdringliche "Abwehr" eines nach Abwehr doch nun gar nicht aussehenden jungen Mannes geschildert und vorgestellt worden war, und so kam es zu der Situation, daß er des öfteren in unbefangenster Plauderei mit einer Dame Z gesehen wurde, die ihm nicht übel zu gefallen schien, ohne daß irgendjemand, der irgendein Ziel verfolgt haben mochte, auch nur einen Millimeter weiter gekommen wäre, während eine andere Dame, nennen wir sie E, ihrerseits alles versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen, ihm aber anscheinend langweilig erschien, weshalb er sie eher mied.

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