Dienstag, 6. Mai 2008

328.

Als die Kreativleitung und Mo der Demokratiebeauftragten den EinSatz Nr. 237 gebracht hatten, um sie ein wenig abzulenken von den Strapazen ihrer (vermuteten) Gedanken über die Chefnachfolge, und als diese das Blatt schmunzelnd zur Seite gelegt hatte, sagte sie, ihr seid wirklich süß, ich finde es so tapfer von euch, daß ihr euch an dem Geschnatter um Sieg und Niederlage nicht beteiligt, tatsächlich beschäftigen auch mich heute eher die Nachrichten aus dem Lande der geschätzten hausarretierten Kollegin, man denke nur, da hat eine Junta ganze Dörfer niedergebrannt, die Bauern enteignet und sie dann auf dem ehemals eigenen Land zur Zwangsarbeit rekrutiert, und dann wundert man sich, daß das Land bettelarm ist, und wie sie so sprach, sah die Kreativleitung ihre Freundin voller Sympathie an, dachte allerdings, wer so denkt, der braucht gute Unterstützung, wenn er mit jemandem wie dem Leiter der Abteilung Öffentlichkeit fertig werden will, vielleicht sollte man dem Chef beizeiten einen Hinweis geben, aber als sie dies dachte, wurde sie wiederum von Mo unterbrochen, die sagte, es müsse nun ein zweiter Teil zur Kranichgeschichte auf die B-Ebene gestellt werden, die beiden mögen das bitte prüfen.

327.

Während so in den irgendwo zwischen Niederungen und Höhen angesiedelten Räumlichkeiten der EinSatzLeitung die Folgen der Abdankungspläne des Chefs erkalkuliert, erspekuliert, ersonnen und ausgesponnen wurden, während in manchen gebeutelten Ländern der Welt das Seufzen der Unterjochten verschärft wurde durch das Seufzen unter dem Leid einer Naturkatastrophe, während in anderen sich bessere Verhältnisse abzuzeichnen schienen und in wieder anderen das Rad der Geschichte irgendwie zu trudeln schien, während Todeskandidaten auf ihre legale Ermordung warteten, gutsituierte Menschen unter Stress standenund kleinliche Kleinkrämer in allenTeilender Welt ihre Rachepläne rationalisierten und ausführten, während zur Erheiterung manch älterer Dame Kanarienvögel trotz ihrer Käfiglagen sangen und symbolisch aufgeladene Hähne neben vollkommen symbolfernen krähten, während Meisen wie Amsel, Drossel, Fink und Star ihre Nester bauten und ganze Radiostationen sich mit den Vögeln beschäftigten, um die erstaunlichsten Namen an das Gehör ihrer Hörer zu zaubern, überflog der erzählende Kranich auf der Suche nach ein wenig Kühle für seine kommende Brut alle Länder, in denen er in den Vorjahren genistet hatte, und fühlte sich dabei so rat- wie schwerelos, daß ihn plötzlich die Idee befiel, er könne sich doch einmal darin versuchen, während des Fluges eines seiner Beine, die ihm in der Luft so nutzlos vorkamen, ein wenig zu strecken und in eine Richtung zu lenken, die nicht dem Flugprojekt diente, und als er das tat, ins Strudeln geriet und sich dann kunstvoll wieder fing, dachte er bei sich, zu erzählen habe ich zwar heute nichts, aber dieses macht mir Spaß, und er tat es noch einmal.

Montag, 5. Mai 2008

326.

Im Büro der Kreativleitung angekommen, fiel Mo sogleich in einen kürzesten Tiefstschlaf, aus dem sie aber nach zehn Minuten hochagil wieder erwachte, um nun zu bemerken, daß ihr über lange Zeit der klitzekleine Forschungsminister den Eindruck vermittelt habe (und hier verfiel sie wie es ihre Gewohnheit war, in exzessives Nachahmen des Tonfalls desjenigen, dessen Rede sie wiedergab), die Wissenschaft als ganze, insonderheit aber die "Wissenschaft vom Menschen," verhalte sich in etwa wie ein Mensch im Verlauf von etwas, das diese selbe Wissenschaft wohl einen "psychotischen Schub" nennen würde: sie habe einen Schematismus im Kopf und suche sich mit äußerster Akribie die Fälle zusammen, die zu diesem Schema passen könnten, und wo jemand alle derartigen Verbindungen bestreite und sich dennoch die Freiheit zu wilder inspirierter und vielleicht manchmal sogar inspirierender Aktivität nehme, werde er schließlich (selbstredend in ewig guter Absicht) dahin gedrängt, dem Bilde zu entsprechen, indem sie so dränge und drücke verhalte sich also die Wissenschaft selbst in etwa so wie ein zu schweren Störungen neigender Mensch sich innerhalb einer von ihm selbst hochmanipulativ gebrauchten Beziehung verhalte, und darum sei es doch schön, daß der klitzekleine Forschungsminister seine Forschung nun seinerseits zu seinen Zwecken gebrauche, aber jetzt, fuhr sie fort, sollten wir auf einen Honigapfel zur Demokratiebeauftragten gehen und ihr was von Leitung Ö erzählen, und auch hier hatte sie sich also wieder auf einen geradezu didaktisch langweiligen Ton eingestellt, bevor sie noch der zu besuchenden Dame ansichtig wurde.

Sonntag, 4. Mai 2008

325.

Zufällig kam der Leiter der Abteilung Öffentlichkeit auf seinem Weg zur Demokratiebeauftragten am Chefzimmer vorbei, in welchem soeben die Assistentin K die Aufmerksamkeiten der Kreativleitung auf das Tischchen neben dem Sofa setzte, dabei die letzten Sätze der anrührenden Rechtfertigungsrede des klitzekleinen Forschungsministers aufschnappend, und er gedachte, einen Blick hineinzuwerfen und möglicherweise anzustreben, darauf hinzuwirken, daß die allzu sicher erscheinende Chefnachfolge der Demokratiebeauftragten noch einmal geändert würde, natürlich zu seinen Gunsten, denn er fand, die Demokratiebeauftragte werde über-, er selbst aber entschieden unterschätzt, und als Mo davon ein Windchen bekam, hatte sie (wie eigentlich schon während der Rede des Klitzekleinen) genug, verabschiedete sich in tapferer Höflichkeit und trippelte schnellstens wieder in das Büro der Kreativleitung.

Samstag, 3. Mai 2008

324.

Einige Leser schrieben uns, sie freuten sich, dass es nunmehr endlich ein wenig wärmer zugehe im EinSatzBuch, und vermuteten viele schöne Dinge über Mo und den klitzekleinen Forschungsminister, welche sich so traut in der hintersten Ecke des Chefbüros verschanzt hatten, aber natürlich sind wir ein virtueller Verein, und da geht es nicht saftig zu, sondern es werden auch hinter Sofaecken immer nur Gedanken, Gedanken Gedanken ausgetauscht, selbstverständlich, und der Gedanke, der unsere beiden Winzigkeiten beschäftigte, war der des Geldes, Mo hatte nämlich beim Forschungsminister nachgefragt, ob er nicht auch finde, daß manch unwürdige Konstellation, die menschlich unter allen Umständen und in jeder Hinsicht abgelehnt werden müsse, durch Verwandlung in eine Geschäftsbeziehung sozusagen eine würdige Sache werden könne, weil der Austausch von Geld und Leistung eine Art Wiederherstellung einer bürgerlichen Restwürde auch da erlaube, wo jemand aller bürgerlichen Attribute beraubt sei, und ob nicht dies die Leidenschaft mancher gedemütigter Minderheiten fürs Geld erkläre, da nun einmal in manchen Situationen allein der Austausch von Geld die Freiheit restauriere, die im Umgang mit der demütigenden Mehrheit anders nicht zu erlangen sei (aufgrund der Verhärtungen der Mehrheit), und ob nicht diese Dinge eine Entlastung letztlich für beide beteiligten Seiten ermögliche und natürlich die herzinnige Familiarität jener gedemütigten Minderheiten in einem wirklichen Innen auch gleich erkläre, eine Herzinnigkeit, die natürlich vor den Blicken irgendwelcher Mehrheitler sorgfältig geschützt werde - in allem diesem glaubte der klitzekleine Forschungsminister gewisse Theorien eines Herrn Simmel und eines Herrn Weber in erstaunlicher Weise zugespitzt zu finden, und er sagte, du darfst das aber auf keinen Fall laut sagen, du bringst die gesamte EinSatzLeitung in einen furchtbar vorhersehbaren Verruf, und Mo hatte gesagt, ich weiß, wie feige ihr alle seid, aber ich habe mir nicht das Geringste vorzuwerfen, und diesmal habe ich keine Lust, klein beizugeben, und der Klitzekleine war nervös geworden, denn er mochte das Mo, den Gedanken sowieso, aber er wußte wie sie, wie es im Leben zugeht, und er hatte den Wunsch, sich ihr gegenüber sehr zu rechtfertigen, dies aber eben im ohnehin ziemlich leeren Chefzimmer, denn irgendeine fade Intervention der Demokratiebeauftragten hätte ihn eher aus dem Konzept gebracht - oder auch nicht, vielleicht wäre beides ihm nicht recht gewesen.

Freitag, 2. Mai 2008

323.

Im "Bistro" fanden die beiden Assistentinnen und die Kreativleitung, es sei nun einmal genug gesagt worden über das Abdanken des Chefs (und das Fersenjucken irgendwelcher Sicherheitsbeauftragter mit Ansprüchen, bemerkte die Assistentin K, wofür sie sich ein "Na na" der Kreativleitung und ein mißbilligendes Augenrollen der Assistentin Ö zuzog), man habe die Tierwelt vernachlässigt, wann überhaupt sei der erzählende Kranich zuletzt aufgetreten, auf Pestvogels habe man ja gut verzichten können (hier sagte die Assistentin Ö naseweis, nein, man brauche auch immer einen Bösen, die Geschichte würde sich ohne einen grundbösen Pestvogel viel schlechter verkaufen, und die Assistentin K sagte, verkaufen, verkaufen, das ist alles, woran du denken kannst, und die Kreativleitung sagte, vielleicht könnt ihr euch im Büro der Demokratiebeauftragten weiter um so einen Unsinn zanken, aber eigentlich wollte sie diese Dame etwas schonen, denn ihr stand noch einiges bevor), aber die Kreativleitung gähnte laut und sagte, zu Tieren falle ihr derzeit einfach überhaupt nichts ein, sie beobachte nun einmal mit Anspannung die Reaktionen der EinSatzKräfte auf das sich leerende Chefzimmer, und wer wissen wolle, was der erzählende Kranich zu berichten habe, möge sich selbst auf die Suche machen oder Mo fragen, sie habe ja nichts dagegen, sprachs, richtete ein wenig Apfel und Honig für Mo her, drückte alles ihrer Assistentin in die Hand (wozu auch noch Nüsse, frage diese) und sagte, Mo und der klitzeleine Forschungsminister hätten sich im hintersten Winkel des Chefzimmers verschanzt und könnten einen Imbiß vertragen, verabschiedete sich knapp von der Assistentin Ö und ging in ihr Büro.

Donnerstag, 1. Mai 2008

322.

Vom Buchhalter hätte man es noch erwartet, im Falle der Karomütze war es zumindest für diesen Herrn Sicherheitsbeauftragten selbst überraschend, wie hart ihn die Ankündigung der Abdankung des Chefs ankam, hatte er doch immer wieder den Wunsch nach der Abwesenheit des Chefs verspürt, seit dieser in den vergangenen Monaten nach Jahren eher sporadischen Auftauchens öfter persönlich in der EinSatzLeitung erschienen war, und es war dem Sicherheitsbeauftragten bekanntermaßen stets äußerst unangenehm gewesen zu bemerken, welcher natürlichen Autorität und Anziehungskraft dieser Chef sich zu erfreuen schien, so daß er doch nun hätte frohlocken müssen - aber er frohlockte nicht, vielmehr wurde ihm eng und bänglich zumute, er schlief schlecht, sein Bier schmeckte ihm nicht mehr so, die Damen innerhalb und außerhalb der EinSatzLeitung hatten plötzlich diese oder jene Eigenheit, die ihm sehr unangenehn auffiel, hier zog eine dauernd ihre Bluse glatt, da hatte eine einen bitteren Zug um den Mund, wieder einer anderen standen die Zähne schief oder ihre Stimme paßte irgendwie nicht, und alles dieses fiel ihm erst jetzt auf, obwohl die Damen diese Eigenheiten doch schon immer gehabt haben mußten, und nicht einmal die Gespräche mit der von ihm wegen ihrer unterhaltenden und überwiegend freundlichen Unnahbarkeit ein wenig beschwärmten Assistentin K erschienen ihm besonders attraktiv, und als er an einem grauen Morgen das "Bistro" betrat und sie dort sitzen sah, fühlte er sich einen winzigen Augenblick lang versucht, ihr seine Sorgen um die EinSatzLeitung und natürlich auch um sich selbst mitzuteilen, aber dann sagte er sich, ach nein, sie wird mich auslachen, sie wird mich auch nicht verstehen, sie wird mich für eine Memme halten oder "selbst schuld" sagen, dabei kann ich doch nichts dafür, daß der Chef abdankt, ich habe mich doch immer gut mit ihm verstanden, mag es mich auch dann und wann in der Ferse gejuckt haben, nach ihm zu treten.

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